Zwischen Bangen und Bären

2. September 2013 | Kategorie: Gäste, Kommentare

von Ronald Gehrt  Nun kloppen sie also doch keine Raketen auf die bösen Buben in Syrien (so sie die denn auch getroffen hätten). Oder zumindest noch nicht…

Es ist ein wenig rätselhaft, was auf der politischen Bühne zwischen der flammenden Rede des US-Außenministers Kerry am Freitagabend und der Aussage des US-Präsidenten, zunächst den Segen des Kongresses für ein Eingreifen in Syrien erhalten zu wollen, vorgegangen ist…

Will man doch lieber erst den G 20-Gipfel abwarten, um das Plazet der großen Weltmächte zu erhalten? Oder doch lieber das Ergebnis der Untersuchungen der UN-Inspekteure abwarten? Ist man sich womöglich noch nicht sicher, etwas bewirken zu können? Die wahren Gründe werden wir nicht erfahren. Was sich bezüglich der Börsen allerdings als Frage aufdrängt: Werden die Märkte zu Wochenbeginn nun erleichtert aufatmen, sprich die Aktienmärkte wieder steigen und Gold und Rohöl fallen?

Im ersten Augenblick kommt einem dieser Gedanke – und es könnte auch in der Tat so kommen. Aber letzten Endes wird doch das Ereignis ebenso wie dessen Konsequenzen nur auf der Zeitachse nach hinten verschoben. Wenn man unterstellt, dass die Marktteilnehmer in der vergangenen Woche aus Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden Militärschlag und der möglicherweise daraus entstehenden Eskalation in Deckung gegangen sind, so gibt es an und für sich keinen Grund zu erwarten, dass sie diese Deckung aufgrund dieser Verschiebung der Intervention verlassen. Oder?

Hier stellt sich die Frage, ob es denn wirklich so eine umfassende Furcht vor einer Eskalation der Lage, beispielsweise durch eine Einmischung des Iran, gibt. Denn irgendwie wirkte diese ganze Woche an den Börsen ziemlich künstlich … als wäre diese Furcht nur aufgesetzt. Überlegen wir mal: Am Montagabend wurde durch eine Rede des US-Außenministers deutlich, dass eine militärische Intervention der USA und möglicher Verbündeter in Syrien unmittelbar bevorstehen dürfte. Dass es dazu kommen würde, war aber absehbar, nachdem in den Medien verbreitet wurde, dass Syrien Giftgas gegen seine eigene Bevölkerung eingesetzt hat. Die Reaktion der Börsen war da aber zunächst gleich null … und auch unmittelbar nach dieser Rede von Minister Kerry gaben die US-Aktienmärkte zwar nach, der Ölpreis reagierte jedoch kaum, die Anleihemärkte ebenso wenig. Und so begann auch der Dienstag – in Europa notierten die Aktienmärkte zunächst kaum tiefer als noch am Montagnachmittag. Erst gegen 9:40 Uhr kam plötzlich massiver Verkaufsdruck auf, gegen 10:00 Uhr zog der Goldpreis an, ab 11:00 Uhr reagierte man bei Rohöl. Was ist denn das für eine angebliche Angst?

Kollektiv bekommen die Marktteilnehmer an den Aktienmärkten um 9:40 Uhr am Dienstag Angst vor einer Eskalation der Lage, basierend auf Aussagen, die zu diesem Zeitpunkt mehr als zwölf Stunden alt waren? Und erst um 11:00 Uhr beginnt man sich am Rohölmarkt zu fürchten? Das ist doch Mumpitz! Diese Verkäufe bei den Aktien respektive Käufe bei Rohöl waren meines Erachtens eindeutig nicht emotional, sondern basierten auf klaren Überlegungen. Ob es nun große Adressen waren, die angesichts dieser Situation entschieden haben, so viele Positionen wie möglich auf dem noch hohen Kursniveau der Aktienmärkte loszuwerden oder aber ob Akteure an den Terminbörsen versuchten, auf diese Weise den Ausbruch des DAX nach oben zu verhindern und gleichzeitig durch eine Verkaufswelle, die durch das kaskadenartige Unterschreiten von Stop-Loss-Levels anderer Marktteilnehmer ausgelöst wird, kräftig zu verdienen, sei dahingestellt. Aber wenn, dann war Syrien bestenfalls ein Vorwand, nicht aber der eigentliche Grund.

Erst, als die Kurse tatsächlich deutlich fielen und Rohöl wie eine Rakete zulegte, kam tatsächlich allgemeine Angst auf. Vergessen wir nicht, dass nicht wenige Marktteilnehmer ob der Komplexität der Gemengelage ohnehin schon so überfordert sind, dass sie anhand der Kursbewegungen beurteilen, ob irgendwelche Nachrichten gut oder schlecht einzustufen sind. Die Kurse bestimmen die Grundstimmung, nicht die Nachrichten. Gerade aufgrund der Situation, dass wir seit Monaten mittlerweile nie so recht wissen können, ob gute Konjunkturdaten nicht doch schlecht sind, weil dann die Notenbanken den Geldhahn zudrehen oder doch eher gut sind, weil sie Wachstum belegen, verfallen viele zunehmend der Versuchung, nur noch die Kurse selbst als Basis zur Interpretation der Lage zu verwenden. Frei nach dem Motto: „Die anderen werden sich schon was dabei gedacht haben.“ Wenn sich aber keiner was dabei denkt und nur einige große Adressen ganz gezielt eine Situation nutzen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen, kann in der Tat der allgemeine Eindruck entstehen, dass die Aktienmärkte im Verlauf der vergangenen Woche ausschließlich wegen der Syrien-Problematik gefallen sind.

Wie vorstehend schon angeführt: Ich vermute, dass diese Argumentation schlicht aufgesetzt ist und nur ein paar große Adressen gezielt in diesem emotional aufgeheizten Süppchen rühren. Daher meine ich, wäre es am besten, wenn man die aktuelle Situation einfach anhand des Kursbildes der einzelnen Assets beurteilt – was aktuell komplex genug ist. Denn alleine der Vergleich zwischen den europäischen und US-amerikanischen Aktienmärkten zeigt deutliche Unterschiede. Während ausgerechnet die unmittelbar betroffenen USA an den Aktienmärkten im Verlauf der vergangenen Handelstage nur relativ wenigen Boden preisgeben mussten, brachen die Aktienmärkte in Europa teilweise regelrecht ein. Obwohl man dort ja weniger von der momentanen Entwicklung in und um Syrien betroffen wäre. So belief sich der Wochenverlust beim DAX auf -3,73 %, beim S&P 500 in den USA aber nur auf -1,84 %. Heißt das, dass die europäischen Börsen jetzt erst einmal wieder aufholen werden? (Seite 2)

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