Zwanzig Prozent auf alles! (außer auf Tiernahrung)

18. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

Von den Beruhigungspillen, die ich seit Tagen verabreicht bekommen habe, schaue ich noch ganz benommen durch die Gegend und erspähe komische Kurse von DAX, Dow & Co. Irgendwie war die Dosis vielleicht zu hoch, doch sich sehe fallende Kurse. Früher hieß es nach einem solchen Rutsch schnell, dass die Schnäppchenjäger unterwegs sind. Davon war heute kaum die Rede. Die Börse ist heute sowieso nicht mehr vergleichbar mit früher. Im achten Jahr des dritten Milleniums geht es nicht um Über – oder Unterbewertung von Aktien, sondern um das Zurückzahlen von Kredit und letztlich auch das Überleben von großen Playern. Thyssen, Daimler, Commerzbank, K+S und Siemens wurden heute prozentual doppelstellig zerrissen. Und dabei haben die doch nicht mal eine Gewinnwarnung geschickt. Es war wie bei Praktiker – 20% auf fast alles. Hier sprach der Preis.

Ziemlich spät, aber immerhin – der Staat gibt eine Garantie für alle privaten Bankeinlagen. Über eine Billion Euro machen die immerhin aus. Damit wäre der Einlagensicherungsfonds doch eigentlich hinfällig und manch Pressevertreterin dieser Organisation müsste nicht mehr so umwerfend hilflose Interviews geben, die eher einen Bank Run auslösen, als die Gemüter zu beruhigen. Das spart Geld und wohl auch Geduld beim Ausfüllen der Formulare. Das ist aber nicht die Frage. Es geht letztlich darum, dass Lisa Müller nicht auf die Bank rennt und das Geld abholt, weil sie weiß, der Meyer von gegenüber bürgt mit seinen Steuergeldern dafür. Und für den Meyer ist es auch beruhigender, wenn die Lisa nicht rennt, dann muss er nämlich auch nicht rennen. Lisa zahlt auch (vielleicht) Steuern. Für den Fall einer Bankpleite tun wir das doch gerne. Dass aber der Steuerzahler, Lisa und ich auch noch die Garantie für windige Bankmanager übernehmen, das schlägt dem Fass den Boden aus. Es ist einfach ungerecht, dass ich Herrn Funke & Co. den Hintern retten soll, wenn er brennt. Und das tut er offenbar. Lichertloh.

Es ist zudem ungerecht, dass Otto Normal mit seinen Steuern den Kopf hinhalten muss, wenn eine aus Steuergründen nach Irland geflohene Depfa nun nach dem deutschen Steuerzahler schreit. Erkläre das mal einer meiner Oma! Das schafft kein Vertrauen, es frustriert. Es zeigt auch, wie blind die Regierenden Dinge zugelassen haben in der Hoffnung, sie funktionieren auch noch in Ewigkeiten. Doch woher sollten sie es besser wissen? Wenn ich sie in Interviews sehe, sind die meisten doch recht hilflos und nicht die Finanzprofis, die ich erwartet habe. Das hat sich doch auch wunderbar ausnutzen lassen. Wozu gab es schließlich Lobbygruppen, die den Entscheidern nicht nur Rosenwasser in die Augen spritzen, sondern auch noch kostenlose Augenklappen lieferten?

Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen. Die Rückabwicklung läuft. Der DAX ist nach derzeitigen Bewertungen nicht teuer, im Gegenteil. Ist er das? Ich weiß es nicht, aber ich vermute es. Zumindest ist er fast 3000 Punkte niedriger als vor einem Jahr. Teuer wäre es nur, wenn der Kreditmarkt nicht wieder auf die Beine kommt. Kommt er das? Ich weiß es nicht. Doch nicht nur die HRE muss ich refinanzieren, der Rest der Wirtschaft auch. Wer kräht schon nach einem Mittelständler, der schon bald über die Kreditklinge springt. Leider.

Nein, es ist nicht die Zeit der Beruhigungspillen. Es ist die Zeit der Abrechnung. Und abgerechnet werden in erster Linie Schulden und die Fähigkeit, sie in Zukunft bedienen zu können. Und dabei ist es ziemlich schnuppe, wo der DAX steht, solange man durch Anteilsverkäufe noch etwas erlösen kann. Rückabwicklung ist die Folge aus dem Ende des Kreditzyklus. Das derzeitige Finanzsystem findet keinen Dümmeren mehr, der sich höher verschuldet. Außer den Staat und damit den Steuerzahler, wenn auch nicht freudig lächelnd und freiwillig. Doch der schaut bekanntlich immer als Letzter in die Röhre.

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.