Zwangspause: Warum sich Mario Draghi in eine Sackgasse manövriert hat

26. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Mit Spannung warten die Börsen auf die Sitzung des EZB-Präsidiums. Schließlich hat Mario Draghi angekündigt, auf der Pressekonferenz um 14:30 auch über erste Schritte zur Reduktion seines gigantischen Anleihe-Ankaufprogrammes zu sprechen.

Der Konsens unter den Volkswirten scheint zu sein, dass Draghi zwar die Ankäufe verlängern wird, allerdings dabei das zu erwerbende Volumen kappen könnte. Analystenschätzungen zufolge dürfte die EZB von Anfang bis Mitte 2018 nur noch 30 Mrd. EUR pro Monat in die Märkte pumpen und das Programm danach langsam auslaufen lassen. An der Zinsschraube hätte die Zentralbank damit allerdings noch kein Stück weit gedreht, sondern lediglich damit aufgehört, ihre Bilanzsumme weiter aufzublähen. Mögliche Zinsschritte erwarten viele Beobachter derzeit frühestens 2019. Eigentlich müsste Draghi dann auch erstmals an den Verkauf seiner Anleihen denken.

Was nach einem genialen Masterplan zur Normalisierung der Geldpolitik aussieht, zeigt im Grunde genommen nur die Sackgasse auf, in die sich der EZB-Chef manövriert hat. Denn ganz so freiwillig ist es vermutlich nicht, wenn er gerade jetzt seine Gelddruckmaschine drosselt. Bald wird es schlicht und ergreifend nicht mehr genug Anleihen geben, die die Notenbank aufkaufen kann.

Bei einzelnen deutschen Titeln könnte die EZB bereits im Sommer nächsten Jahres knapp 1/3 der ausstehenden Anleihen in ihrem Bestand haben und damit an eine selbst auferlegte Schwelle stoßen. Doch die Eurozone ist heute nicht sehr viel stabiler als vor zwei Jahren, als Draghi zu seinem (vorerst) letzten Mittel, dem Quantitative Easing, gegriffen hat. Sollten neue Probleme auftreten, wird er also sehr erfinderisch werden müssen. Noch mehr Unternehmensanleihen, Fremdwährungsanleihen aus den Händen europäischer Investoren oder gar Helikoptergeld könnten dann gefragt sein.

Daneben ist das Angebot an Staatsanleihen nicht statisch. Was sollte Italien oder Portugal davon abhalten einfach mehr davon zu emittieren, wenn ein Käufer mit besonders tiefen Taschen schon parat steht. Was auch immer Mario Draghi morgen also verkündet: Es dürfte sich lediglich um eine Zwangspause und nicht um die geldpolitische Kehrtwende handeln.

Kurzfristig alles auf Rot!

An ersten Versuchen einer tatsächlichen Kehrtwende versucht sich unterdessen die amerikanische Federal Reserve. Die US-Notenbank hat sogar bereits mit einer Reduktion der eigenen Bilanz begonnen. Ab Oktober werden jeden Monat auslaufende Anleihen über 10 Mrd. USD nicht mehr durch neue Käufe ersetzt. Bis Oktober 2018 soll diese Rate schrittweise auf 50 Mrd. USD je Monat erhöht werden. Gleichzeitig dreht die Fed-Vorsitzende Janet Yellen an der Zinsschraube. Als relativ gesichert gilt eine dritte Zinserhöhung in diesem Jahr im Dezember.

Aus den börsennotierten Fed Fund Futures lässt sich derzeit zumindest eine Chance von 79% ableiten. Die monetäre Ampel stehen damit – zumindest kurzfristig – auf Rot. Während der Aufschwung an den Börsen in den letzten Jahren massiv von der Liquidität aus den Taschen der Zentralbanken angeschoben wurde, fällt dieser Rückenwind nun erstmal aus. In Kombination mit relativ teuren Bewertungen (z.B. Schiller-KGV von 31 im S&P 500-Index) und einer Volatilität auf Rekordtief könnte dies durchaus eine explosive Mischung sein. Rückschläge dürfen also niemanden verwundern.

Mit den mittel- und langfristigen Aussichten für die Zinsen in den USA und in Europa haben wir uns im neuen Smart Investor 11/2017 ausführlich beschäftigt. Wir kommen dabei zu einer etwas vom Mainstream abweichenden Einschätzung bezüglich der viel diskutierten Zinswende. Seien Sie also gespannt!

Wo wir schon beim Thema Notenbanken sind: Im neuen Heft haben wir uns auch aus einer völlig ungewohnten Perspektive mit diesem Thema befasst, nämlich als Anlageform. Denn anders als vermutet findet sich die eine oder andere Zentralbank auch am Kurszettel wieder. Auch externe Investoren können sich damit an einem der lukrativsten Geschäftsmodelle überhaupt beteiligen: Dem Drucken von Geld!

„Kryptomania“

Ein Thema, an dem man einfach nicht mehr vorbeikommt, ist der Bitcoin. Für das Ur-Kryptogeld wurden zwischenzeitlich Preise von mehr als 6.000 USD pro Einheit bezahlt. Der intrinsische Wert dieses virtuellen Geldes liegt zwar bei Null, das tut er aber auch bei US-Dollar und Euro.

Auch werden die Käufer nicht mit vorgehaltener Waffe zum Kauf von Bitcoins gezwungen. Der Preis bildet sich also durch Angebot und Nachfrage. Natürlich wird die Gier bei dieser Kursentwicklung eine Rolle spielen. Aus der anfänglichen Skepsis ist längst überbordende Euphorie geworden. Am deutlichsten sieht man die Goldgräberstimmung derzeit vielleicht im Markt der Initial Coin Offerings (ICOs). Mehr als 1.100 Coins und Tokens sind inzwischen bekannt – und es kommen fast täglich neue dazu.

Selbst wenn der Bitcoin-Chart wie der Chart einer typischen Blase aussieht, ist nicht ganz klar, welche Schlüsse man daraus ziehen soll. Mitmachen, weil in Blasen innerhalb kürzester Zeit die größten Gewinne winken – wohlwissend, dass man an deren Ende einen empfindlichen Verlust erleiden wird? Oder fernbleiben, weil eine Blase letztlich immer in sich zusammenfällt und der „Tanz auf dem Vulkan“ brandgefährlich ist?

Selbst wenn ein zutreffendes Urteil über den Blasencharakter gelingt, fehlt bislang die eigentlich relevante Information: Wann und vor allem auf welchem Niveau endet die Blase? Rund um Bitcoin & Co. tun sich noch so viele weitere Fragestellungen auf. So viele, dass wir uns entschlossen haben, eine eigene Beilage zu diesem Thema zu produzieren. Diese ist dem neuen Smart Investor 11/2017 beigelegt, der gestern in Druck gegangen ist.
Apropos Bitcoin

Am 15. November findet in Düsseldorf ein Symposium zum Thema „Parallelwährungen als Alternative zum staatlichen Geldmonopol“ statt. Veranstalter sind die ECAEF Liechtenstein sowie die Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft e.V. Unter den Referenten finden sich namhafte Persönlichkeiten wie Prinz Michael von und zu Liechtenstein, Prof. Roland Vaubel, Prof. Thomas Mayer, Prof Jörg Guido Hülsmann, der Bankier Karl Reichmuth und viele andere. Es sind noch Plätze frei, der Eintrittspreis beträgt 100 Euro. Bei Interesse schicken Sie bitte eine Mail an Frau Doris Grünke: Doris.gruenke@hayek.de

Bereits am 2. und 3. November findet im MVG Museum in München die traditionelle „Internationale Rohstoff- und Edelmetallmesse“ statt. Nirgendwo in Europa können Sie auf so konzentriertem Raum ein vergleichbar geballtes Expertenwissen zu Edelmetallanlagen finden wie an diesen beiden Tagen in München. Auch Smart Investor wird wieder mit einem eigenen Stand vor Ort vertreten sein. Alle Infos zu Vorträgen und Ausstellern sind nur einen Klick entfernt: www.edelmetallmesse.com

Fazit

Alle Augen schauen morgen gebannt nach Frankfurt und die Äußerungen von Mario Draghi. Kurzfristig steckt durchaus Sprengstoff für die Märkte in einer Straffung der Geldpolitik durch die EZB. Langfristig ist jedoch kaum damit zu rechnen, dass wir eine wirkliche Kehrtwende sehen werden.

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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