Zurück zum Dartpfeil? Warum die Börse viele überfordert

29. September 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es war offenbar so auffällig, dass ich davon aufgewacht bin: Heute Nacht habe ich verblüfft festgestellt. Meine Träume haben noch kein Smartphone! Im Traum kam eine Nachricht als sms auf einem einfachen, alten Display an. Na und, könnten Sie fragen. Nun, das schlägt durchaus einen Bogen zur Börse…

Denn es erinnert daran, dass sich zwar die Technik ändert und alles immer schneller wird. Aber wir werden es nicht. Unser Kopf kann mit den permanent schneller werdenden Prozessoren der Computer nicht mithalten.

Wir Menschen brauchen eine bestimmte Zeit, der eine länger, der andere weniger lang, um bestimmte Veränderungen des Umfelds wirklich zu erfassen, zu verdauen und zu verinnerlichen. Ist halt so. Besonders viel Zeit brauchen Veränderungen, die entweder nicht als wirklich bedeutsam eingestuft werden und daher eine niedrige Priorität in der Warteschlange bekommen … oder Veränderungen, die so tiefgreifend sind, dass sie im Zuge der Verinnerlichung den Umbau vieler anderer, festgefügter Wahrheiten bedürfen, die wir mit uns herumschleppen.

Eine dramatische Veränderung im Börsenumfeld ist für einen Investor daher nicht binnen Sekunden zu verarbeiten und in unmittelbare, folgerichtige Handlungen umsetzbar. Wenn, wie zum Beispiel am Donnerstag, plötzlich ein zuvor positiver und ruhiger Kursverlauf blitzartig in eine Verkaufswelle übergeht, ohne dass man sich dabei an irgendeiner Nachricht festhalten könnte, die einen sofort ersichtlichen Grund dafür erkennen ließe, läuft bei jedem Investor die interne Festplatte heiß. Einige reagieren mit Schockstarre, andere mit hektischem Gewurstel, aber kaum jemand wie er sollte: besonnen und dennoch schnell.

In dem Augenblick, als die stetige Weiterentwicklung der Technik es ermöglichte, dass die Börsenkurse sich schneller bewegen als wir denken können, fing das Problem an. Und wird nicht kleiner, denn auch, wenn Trades manchmal in Nanosekunden ablaufen und damit wohl das maximale Tempo erreicht haben, so kommen unsere Gehirne doch nicht hinterher. Hat sich was mit Updates, die unsere Birne heller glühen lassen.

Konsequenz: Während man als normaler Anleger noch hektisch überlegt, was im Fall plötzlicher, starker Kursbewegungen zu tun ist, ist ein schneller, starker Impuls meist schon vorbei. Denn während das menschliche Gehirn natürlich a) nach Gründen sucht und diese bewerten will, b) man versucht herauszufinden, ob die Bewegung weitergeht oder vielleicht doch gleich wieder alles dreht und c) gegen die eigenen Emotionen ankämpft, konkret Verunsicherung und die Angst, Verluste wirklich zu realisieren (die vielleicht ja in wenigen Minuten keine mehr sind) rasen die Kurse selbst wie vom Henker gehetzt weiter.


Dadurch erhöht sich der Blutdruck des Opfers dieses Geschehens, gemeinhin als Anleger bezeichnet, immer mehr … bis die Sicherung rausspringt und man schlicht Mist baut. Das ist dann entweder ein Zukauf in der Verlustzone, um die Nerven durch das optische Verbilligen des Einstandspreises zu beruhigen oder das komplette Aussteigen aus Positionen, um dem Elend ein Ende zu machen. Beides aber in völliger Unkenntnis der Lage, nur die Konsequenzen in Form von schnell anschwellenden roten Zahlen hat man permanent vor Augen. Kurz: Es sind Kurzschlusshandlungen, die fast immer bedeuten, zum genau falschen Zeitpunkt zu handeln und dadurch alles noch viel schlimmer zu machen.

In der „Slow Motion“-Variante kennen wir das schon seit langer Zeit von großen Trends. Es sind immer die Privatanleger, die sich wenig mit der Materie befassen, die am Ende einer Baisse als letzte verkaufen, weil ihre Nerven nicht mehr mitmachen. Und die als letzte einsteigen, weil ihr Misstrauen gegenüber einer Hausse erst nach langer Zeit endet und ihnen ewig steigende Kurse als Beleg für die Tragfähigkeit eines Trends dienen, nachdem alle anderen längst investiert sind und beginnen, zu verkaufen. In der Mikro-Version erlebt das nun auch der normale Trader, dessen Entscheidungstempo dem der computergesteuerten Handelsprogramme weit unterlegen ist. Denn dort denkt man nicht, man handelt. Und diese Systeme bewerten Veränderungen in Sekundenbruchteilen, agieren mit immensen Summen und reagieren zigmal am Tag neu auf die Bewegungen der Kurse. Ein menschliches Gehirn kann das nicht leisten. Keine Chance.

Also – zurück zum guten alten Dartpfeil, um Long oder Short schlicht auszuknobeln? Werden wir normalen Akteure damit zu Versuchsäffchen im Labor der großen Adressen? Kann man als Trader nur auf sein Glück setzen … mit einer 50:50-Chance?

Keine gute Idee. Wobei sie das Leiden verkürzen würde, denn so ist man wenigstens schneller pleite. An der Börse gibt es keine 50:50-Chance. Man kann derartig viel falsch machen, vor allem beim Einsatz von Derivaten, dass man, würde man jeden Entscheidungsschritt auswürfeln, bestenfalls in einem Viertel der Fälle am Ende einen Gewinn hätte, weshalb ja solche Derivate für die Banken ein hervorragendes Geschäft sind. Dennoch ist das eine Quote, die unter Umständen trotzdem reichen kann … aber nur, wenn man den Faktor Glück in die Mülltonne tritt.

Lösung: Man akzeptiere, dass das eigene Gehirn das Tempo der immer schneller werdenden und immer öfter blitzartig und mit offenem Ausgang die Richtung wechselnden Kurse nicht mitgehen kann und treffe Vorsorge, um die eigenen grauen Zellen gar nicht erst in die Situation kommen zu lassen, blind und emotional das Falsche zu tun. Konkret…

Man entsinne sich der Trader-Tugenden und setze ein Handelssystem ein. Nichts anderes tun die computergesteuerten Handelsprogramme. Dass die Reaktionszeit dabei bei unsereiner größer ausfällt, ist halt so, muss aber nicht einmal immer ein Nachteil sein. Denn manche, ultra-kurzfristige Bewegungen enden für diese Computer auch im Desaster. Und im Gegensatz zu uns wird dort versucht, die Performance zu optimieren, indem man immer mit großem Einsatz agiert und den auch noch in der Gewinnzone immer weiter erhöht, sodass Sicherheitspuffer fehlen.

Unter Handelssystem verstehe ich vor allem ein Regelwerk. Das System als solches, das Kauf- oder Verkaufssignale generiert, kann strukturiert sein wie das, das ich im new opportunities-Dienst einsetze oder anders, das kann jeder nach seinem Gusto basteln. Aber folgendes MUSS man als Trader ohne Wenn und Aber durchziehen:

Es muss ein System sein, das klar vorgibt: Jetzt darf ich Short, jetzt darf ich Long gehen. Ob man es dann auch wirklich tut, ist zweitrangig. Ist man unsicher, passen einzelne Elemente nicht ganz, lässt man es halt bleiben. Es ist ein blöder Spruch, in diesem hektischen Börsenumfeld aber doch wahr: Wer nichts tut, riskiert auch nichts.

Dass solche Trades trotzdem schiefgehen können, ist klar. Ich zum Beispiel agiere mit Signalen auf Stundenbasis. Das tun die „Computer“ in ruhigen Phasen auch, aber je höher die Schwankungen, desto mehr wird das Zeitraster bis auf die Eine-Minute-Ebene heruntergefahren. Kann ich nicht, meine Leser sitzen nicht festgenagelt an den Rechnern und bis ich ein Signal versendet habe, ist eine Minute eh rum. Aber:

Ein Trade, der im Minus endet, ist das eine. Mist bauen aber etwas ganz anderes. Man muss also sicherstellen, keinen Mist zu bauen. Erst, wenn man Mist baut, werden Verluste so groß, dass man sie kaum wieder aufholen kann, wodurch man erst recht flatterig wird und noch mehr Mist baut. Daher hilft ein Handelssystem entscheidend, denn es arbeitet immer und in jeder Situation zum einen mit rigidem Kapitalmanagement (ich vergrößere die Trade-Summe nie, auch, wenn das Depot das vom Kapital locker hergeben würde, um das Risiko immer gleich zu halten) und ggf. kleinen Positionsgrößen. Zukäufe dürfen dabei aber immer nur in der Gewinnzone erfolgen. Im Minus liegt man daneben und das wird nicht besser, wenn man gutes Geld schlechtem hinterherwirft. Noch wichtiger indes:

Stop-Loss! Niemals ein Trade, ohne dass schon zum Einstieg der Stop Loss in die Ordermaske eingetragen wird. Das Gegenargument, dass man doch nicht – erst recht nicht, wenn es hektisch wird wie am Donnerstag – im Voraus wissen kann, wo der Stop Loss wirklich ideal liegen würde, ist Unfug. Natürlich kann man das nicht. Man kann und muss sich an charttechnischen Ankerpunkten orientieren. Und die werden gerne mal „rasiert“ und dann doch am Ende wieder gehalten, wenn es rund geht. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt.

Entscheidend bei dieser immer vorhandenen Sicherung ist, dass man so, wenn etwas schief geht, schnell draußen ist. Dass man nicht genötigt ist, zu überlegen, wo und wann man ggf. aussteigt. Denn wie gesagt: Die Kurse laufen meist schneller als man denken kann. Man würde sich in Teufels Küche begeben, würde man sich selbst die Entscheidung zum Verkauf überlassen, wenn ein Minus aufläuft. Im Verlust entscheidet man rein emotional, nicht mehr mit Blick auf die Lage, sondern nur auf das eigene Minus. Arbeitet man da aber mit einer „Hauptsicherung“, fliegt die Position mit einem Minus, dessen akzeptable Größe man vorher selbst bemessen konnte, indem man die nötige Distanz zum Stop Loss mit der Positionsgröße abgleicht, heraus. Und aus einer dann neutralen Position zu disponieren ist der entscheidende Vorteil!


Denn dann haben Sie keinen inneren Druck mehr, haben sich quasi „gebootet“ und entscheiden neu und nüchtern nach den Regeln des Handelssystems, wo und wann es wieder möglich wäre, eine neue, unbelastete Position einzugehen. So lassen sich die Probleme, die uns unser gegenüber dem Tempo der Börsen zu langsames Gehirn einbrockt, entscheidend eindämmen.

Um das zu tun, bedarf es indes dennoch bei vielen eines revolutionären Schrittes hin zur Flexibilität. Da klemmt es gewaltig, denn nicht wenige haben einfach keine Lust, sich den veränderten Bedingungen anzupassen, verlieren lieber Geld und schieben die Schuld auf die Börse. Aber da kommt Kollege Darwin um die Ecke und erinnert: Wer die Herausforderungen einer sich verändernden Welt nicht angeht, geht unter.

Die Zeiten des „ich glaub‘, ich geh heut mal Long“ sind vorbei. Aber nur wer Veränderung als Last und Plage ansieht, hat damit ein Problem. Ich habe in den nun fast 20 Jahren im Dienst der Börsendienste x-mal alles umkrempeln und neu strukturieren müssen, um mich dem anzupassen, was nun einmal das „Ist“ bedeutet. Und ja, es nervt, wenn man neue Handelssysteme entwerfen und Zeitraster anpassen muss. Oder Basiswerte ändern – so mache ich im Tradingbereich am Wochenende quasi eine dritte Kasse auf und füge einen neuen Basiswert hinzu, weil Gold einfach zu zickig ist, um als eines von nur zwei Trading-Beinen taugen. Das muss sein, Gold entwickelt sich zu einem Zocker-Eldorado und wird schwieriger zu handhaben. Lösung: Bestehendes anpassen. Aber andererseits:

Es macht Spaß, Probleme anzugehen und sie zu lösen. Es macht indes keinen Spaß, sie auszublenden und zu jammern. Auch das ist eine Qualität, die wir alle von den computergesteuerten Handelsprogrammen lernen können, statt sie zu verdammen: sie jammern nicht. Sie machen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de



 

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