Zurück an der Börse – komische Dinge in komischen Zeiten

26. Juli 2010 | Kategorie: Kommentare

Eine Woche an der Frankfurter Börse – ich habe mich darauf gefreut und war gespannt, was die Händler alles so erzählen. Auch wenn einige Bankhäuser meinen, es wäre viel los an den Börsen, so kann das nie und nimmer stimmen. Die Händler berichten, dass nicht viel Umsatz gibt, und die Deutsche Börse bestätigt das mit ihren Zahlen zur Orderstatistik für den August:

Die Deutsche Börse hat im August einen deutlichen Umsatzeinbruch auf dem elektronischen Handelssystem Xetra und dem Parkett verzeichnet. Im vergangenen Monat wurden auf Xetra und dem Parkett der Börse Frankfurt laut Orderbuchstatistik 146 Milliarden Euro umgesetzt – ein Minus von rund 49 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Davon entfielen 127,3 Milliarden Euro auf das elektronische Handelssystem Xetra, das damit ebenfalls einen Umsatzeinbruch von 49 Prozent im Jahresvergleich verbuchte. Das Volumen der gehandelten Kontrakte sank um 28 Prozent auf 13,8 Millionen.

Ha! Es stimmt also doch, dass der Bär auf dem Parkett gähnt und der Bulle an Gänseblümchen schnuppert. Bloß warum? Entweder man weiß nicht, was die Zukunft bringt, hat kein Geld, oder ist generell vorsichtiger geworden. Das eine vom anderen zu unterscheiden gelingt nicht. „Das Thema Kreditkrise kann ich nicht mehr hören!“ sagte mir heute ein auch aus dem Fernsehen bekannter Händler. Nein, es ist nicht Dirk Müler, oder Mister DAX. Der empfiehlt derzeit, die Füße still zu halten und obendrein:

In der aktuellen Marktphase erscheint ein „Parken“ des Geldes in Tagesgeld als die sinnvollste Alternative. Wenn wir eine stabile Bodenbildung an den Aktienmärkten sehen, sind Investments in Garantiefonds oder sogar reine Aktienfonds eine interessante Variante. Solange sollte man sein „Pulver trocken halten! Nochmals zur Erinnerung: In jeden Haushalt gehören 10-20% des Vermögens in Gold! Gold hat sich aktuell über 800 US$/Unze stabilisiert und steht jetzt bei 832 US$, jedoch befürchte ich, dass da in den nächsten Wochen noch mal etwas kommt in Richtung „Süden“. Meine allgemeine Empfehlung zum Goldbesitz ist absolut unabhängig vom Goldpreis! Ich empfehle diesen „goldenen Grundstock“ nicht aus Renditegesichtspunkten sondern als elementare Grundabsicherung. Ich sehe darin kein Spekulationsobjekt!

Doch der andere Händler, den ich sehr schätze, beschreibt genau das, was alle irgendwie denken. Es ist mindestens genauso langweilig über die Kreditkrise zu reden wie über die Ehe der Dreba mit der Coba. Kopf in den Sand und warten, was da passiert, Hauptsache, die Position ist nicht sofort unter Wasser. Keine unkluge Idee, dem Treiben einfach zuzusehen und zu warten, bis sich ein Trend etabliert. Das Thema ist emotional durch, nur nicht in der Realität. Und genau da beginnt der Schlamassel.

Apropos Allianz/Dresdner/Commerzbank. „Das ist die dümmste Lösung, die man überhaupt aussuchen konnte!“ kommentiert Friedhelm Busch den Sachverhalt. Er war heute mal kurz auf dem Parkett. Die Allianz hat zwar ihre komische und Verluste einfahrende Tochter vom Hals, aber sie wird in Zukunft mit 30% an der Commerzbank beteiligt sein. Das Problem hat auf den ersten Blick einen anderen Eigentümer zu bekommen, doch ob die Commerzbank bessere Lösungen hat als die Allianz, die im verflixten siebten Jahr das Handtuch warf? Bald wird die Allianz 30% an der Commerzbank halten und ist ihr Problem damit nicht los. Die Allianz hätte mit ihrer Dresdner weitermachen sollen, meinte Busch.

Mit ihrem Altersvorsorgekonzept hat die Allianz schon sehr zeitig auf das richtige Pferd gesetzt, meinte Hermann Kutzer. In einer Zeit, in der die Rentenzahlungen wie der Wurf eines Geldbündels in ein schwarzes Loch anmuten, mag er Recht haben. Altersvorsorge – ja! Doch in welcher Form? DAS ist die Frage. Die Riester-Rente ist inzwischen auch entzaubert, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Die staatlichen Zulagen werden zum größten Teil in Provisionszahlungen und Verwaltungsgebühren gepackt. Und die gesetzliche Rente scheint auch ein Garant für enttäuschte Erwartungen geworden zu sein. Selbst die Politiker haben sich getäuscht, wussten es nicht besser oder wollten es nicht besser wissen, als sie Plakate klebten und meinten, dieses Vehikel wäre ein sicheres Ding. Doch zuerst muss Otto Normalbürger auch in der Lage sein, etwas Geld zur Seite legen zu können. Mit einem Job für 5 Euro pro Stunde oder darunter kann man keine private Vorsorge betreiben. Und die, die es könnten, haben oft ganz andere Dinge im Sinn, als für eine Zeit zu sparen, die noch weit weg ist. ( Volker Pispers zur Riester-Rente )

Haben Sie die neue Werbung für die „Tagesanleihe“ gesehen? Die Finanzagentur der Bundesrepublik hat den Finanzmarkt betreten und lockt mit einer Tagesverzinsung mit aktuell 4,03%. Tolles Geschäft, wenn man die offiziellen Teuerungsraten mit den eher realistischen Daten vergleicht. Wie man auf eine „Inflationsrate von 3,3% aktuell kommt, das fragen sich die gerade auch die Götter. Sie schlagen auf ihre Taschenrechner ein, die ganz andere Zahlen ausspucken. Beim Verkauf ziehe man noch 25% Abgeltungssteuer ab, dann bleibt die „Tagesgeldanleihe“ zwar ein Verlustgeschäft, ist aber immer noch besser als der Aktienmarkt, der erst noch die wirtschaftliche Abschwungphase verarbeiten muss.

Die zwei Seiten der „Tagesanleihe“ – Bank oder Bund?

Mit der Tagesanleihe leiht dem Staat Geld. Einen Teil davon wird er wie immer verschwenden. Einen weiteren Teil wird er dafür nutzen, den anderen Gläubigern ihre Zinsen zu zahlen. Was mit dem Rest passiert, ich weis es nicht. Doch stellt sich auch die Frage, ob das Geld bei der Bank sicherer ist als beim Bund? Bedenken Sie eins: Wenn eine Bank pleite gehen sollte, was wir nicht hoffen, was aber nie auszuschließen ist, hat man mit einem Staat im Rücken momentan die besseren Karten als mit einer Bank, die mit dem Rücken zur Wand steht. Schauen Sie sich die Statuten des Einlagensicherungsfonds an. Aber schauen Sie genau! Der Fonds mit 4,8 Mrd. EUR Einlage KANN zahlen, aber er MUSS es nicht. Das steht da auch drin. Ein Tagesgeldkonto bei der Bank bringt zwar heute schon teils über 5 Prozent Zinsen, doch wie sicher sind diese?

Doch der Werbesatz dieser alten Schildkröte bringt da oben auch die Götter zum Schäumen: „Ich schätze die einfachen Dinge im Leben. Essen, Schlafen, Geld verdienen.“ Das sagt da diese komische alte Morla. Verdienen? Bitte? Hallo? Das scheint mir genau der Punkt zu sein, der die Finanzwelt und damit die Realwirtschaft in diese Schwierigkeiten gebracht hat. Man muss eben nicht unbedingt mehr etwas tun, um reich zu werden. Mit dieser Philosophie hat sich die Schere zwischen arm und reich schneller geöffnet, es ist der Zins und Zinseszins, der die Geldmengen so hat explodieren lassen. Und da unser „Geld“ im eigentlichen Sinne „Kredit“ ist, kann man sich den Rest ausmalen. Wie wäre es mit Arbeit? Wie wäre es mit Leistung? Es ist nach der Meinung von „Günther Schild“ offenbar nicht mehr nötig. Das werden sich viele inzwischen auch sagen. Warum denke ich gerade an Schildkrötensuppe?

In den nächsten Monaten wird es vermutlich spannend, denn dann sollte es sich entscheiden, ob die Inflation oder die Deflation die Oberhand gewinnen wird. Ich vermute, es wird eine Phase der Deflation geben, doch was heißt schon vermuten. Ich achte darauf, wie sich die Geldmengen entwickeln und ob sich die Kreditmenge ausweitet. Es riecht nach Kontraktion. Und ich spitze meine Ohren und halte Ausschau nach den Helikoptern der Notenbanken und der Regierungen, die versuchen werden, eine Rezession zu bekämpfen. Sollte man bis dahin warten ? Gegen wir den Weg von Japan oder den von Simbabwe? Doch was heißt das für den Rest des Jahres 2008 und 2009? Börsenhändler meinten gestern: Man sollte liquide bleiben und einen guten Draht zu einem Goldhändler haben. Geduld könnte auch nicht schaden, meine ich.

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