Zur „Zinswende“

27. Juli 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Es gibt keine Abkehr von der Politik des billigen Geldes, so der Vorsitzende der mächtigsten Zentralbank der Welt, Ben S. Bernanke, am 9. Juli. Diese Botschaft vermittelte er in nur einem Satz: “Highly accommodative monetary policy for the foreseeable future is what’s needed in the U.S. economy.” Die sogenannte Zinswende, von vielen erhofft und von vielen gefürchtet, bleibt aus…

Und eigentlich ist das alles andere als überraschend...

Denn künstlich tief gehaltene Zinsen sind längst zur Überlebensfrage der internationalen Kredit- und Geldarchitektur geworden. Mit dem Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise Mitte 2007 haben alle großen Zentralbanken unter Führung der US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen auf bisher nicht gekannte Tiefstände geschleust – damit die kolossale Verschuldungspyramide nicht kollabiert, die die Zentralbanken mit ihrer laxen Geldpolitik in den letzten Jahrzehnten aufgetürmt haben.

War die Rekordtiefzinspolitik erfolgreich?

In Amerika scheint sie für einen neuerlichen Scheinaufschwung zu sorgen. Im Euroraum verschärft sich die Rezession, Massenarbeitslosigkeit greift um sich. In Japan ist der Zinssenkungsspielraum ausgeschöpft, die ungehemmte Monetisierung der Schulden scheint nun begonnen zu haben. Und in China braut sich vermutlich erst noch eine schwere Kreditkrise zusammen – als Folge der jahrelangen Kredit- und Geldmengenvermehrung durch die chinesische Zentralbank zu tiefen Zinsen.

Die Zinsen werden wohl kaum mehr auf ein „normales“ Niveau zurückkehren. Das verhindern die Zentralbanken. Denn sie haben de facto die volle Zinskontrolle übernommen: Sie kontrollieren nicht nur die Kurzfristzinsen, sondern mittlerweile durch Anleihekäufe auch die längerfristigen Zinsen – und zwar bis auf die Nachkommastelle, wenn sie es denn wollen. Der Zinsmarkt ist kein freier Markt mehr, sondern ein durch und durch manipulierter Markt.

Eine Zentralbank kann den von ihr politisch gewünschten Marktzins jederzeit am Markt durchsetzen. Und das geht so:

Die Zentralbank kündigt an (erzeugt die Erwartung), den Kurs einer Anleihe durch Käufe bei 100 Euro zu halten. Der Kurs der Anleihe wird dann nicht unter diesen Kurs fallen: Niemand wird seine Anleihe für weniger als 100 Euro im Markt verkaufen, wenn ihm die Zentralbank dafür 100 Euro zahlt. Diese Politik ist im Kern eine Mindestpreispolitik für Anleihen.

Dass die Zentralbank den Kurs der Anleihe dabei auf ein Niveau hebt, das höher ist als der Kurs, der sich im freien Markt bilden würde, versteht sich von selbst: Der Marktzins soll ja gerade unter das Niveau gesenkt werden, das sich einstellen würde, wenn sich die Kursbildung frei im Markt vollzieht. Auf den Kapitalmärkten sind folglich längst nicht mehr die Inflations- und Kreditausfallsorgen der Investorenmaßgeblich für die Höhe der Langfristzinsen, sondern der entscheidende Faktor für die Zinshöhe ist die erwartete Bereitschaft der Zentralbanken, Anleihen aufzukaufen… (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Zur „Zinswende“"

  1. FDominicus sagt:

    Irgendwann werden auch die Zentralbanken den Zins nicht mehr „niedrig“ halten können. Die von den Zentralbanken angegebene Inflation (Preissteigerung) wird dazu führen, daß die Leute nur noch „raus“ wollen. Also bleibt dann „nur“ noch die Wahl, weitermachen oder Zinsen rauf. Wird weitergemacht, wird der Preis die totale Zerüttung der Währungen sein.

    Derzeit wird den Zentralbanken aber noch geglaubt und offenbar wird das Geld drucken so „geschickt“ versteckt, daß es die Meisten nicht komplette mitbekommen. Wie wir aber auch sehen können, steigen trotz allem die Zinsen z.B. für Spanien und Portugal. Wie lange die EZB die Anleihen wird aufkaufen können, ohne völlig die Glaubwürdigkeit zu verlieren (in der breiten Masse) ist die entscheidende Frage. Wenn die Mehrheit den Zentralbanken nicht mehr glaubt, werden viele feststellen müssen was Fiat eigentlich bedeutet.

    Die Aussichten sind nicht gut und mit jedem Tag auf dem falschen Weg werden Sie düsterer.

  2. 4fairconomy sagt:

    Die Zinsmanipulation beginnt damit, dass es für Liquidität einen garantierten Mindestzins von 0% gibt. Dies ist die Ursache aller weiteren monetär bedingten Verzerrungen und Katastrophen.

    0% Mindestzins auf Liquidität bedeutet, Investitionen müssen sich zu einem höheren Zinssatz rentieren – ob nominell oder real. Wenn letzteres nicht mehr geht, weil die Konjunktur dies nicht zulässt, dann muss eben Geld gedruckt werden – Hauptsache die Geldmenge wächst. Denn nur so lassen sich die stets positiven Zinsen bezahlen.

    Mit einem Mindestzins von 0% folgen Inflation und/oder Deflation logisch zwingend. Um eine Deflation zu verhindern, muss dann eine inflationäre Politik betrieben werden.

    • Avantgarde sagt:

      Es wird Kredit erzeugt und keinesfalls Geld gedruckt.
      Wenn Drucken – dann immer in Anführungszeichen.
      Und wir haben auch kein Papiergeldsystem sondern ein Kreditgeldsystem – was hier im Blog auch immer wieder gerne unterschlagen wird.
      🙂

      Das ist doch eben der Clou, der bei einem wirklich schlimmen Deflationären Ereignis – z.B, 2008 und schlimmer ganz schnell zum Tragen kommen kann.
      Da merkt man dann ganz schnell was Kreditgeld und was Papiergeld ist.
      Das eine per digitaler Null ausbuchbar – was das andere möglicherweise sehr wertvoll machen kann.

      Das immer so schnöde als Papiergeld bezeichnete Geld ist das einzige gesetzliche Zahlungsmittel.
      Alles andere sind nur Forderungen, die beglichen werden oder eben auch nicht.

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