Zur Gold-Silber-Preisrelation…

28. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Dr. Thorsten Polleit

Die Gold-Silber-Preisrelation genießt zwar das Interesse von Edelmetallinvestoren, sie sollte aber mit Vor- und Umsicht interpretiert werden. Der Silberpreis reagiert meist überproportional, wenn der Goldpreis sich verändert…

So zeigt sich etwa für die Zeit von 1979 bis 2015, dass ein Ansteigen des Goldpreises um 10 Prozent mit einem Anstieg des Silberpreises um durchschnittlich 19 Prozent verbunden war. Gleichermaßen galt, dass ein Absinken des Goldpreises um 10 Prozent mit einem Rückgang des Silberpreises um durchschnittlich 19 Prozent verbunden war.

Interessanterweise zeigt sich dieses Reaktionsmuster des Silberpreises auf Veränderungen des Goldpreises auch in der jüngeren Vergangenheit: Auch in der Zeit von 2001 bis 2015 fiel die Silberpreisreaktion fast doppelt so stark aus wie eine gegebene Änderung des Goldpreises (nach oben wie nach unten). Der Zusammenhang war dabei sogar noch etwas stärker ausgeprägt.

Der Silberpreis zeigte dabei jedoch markante „Ausreißer nach oben“ relativ zur Goldpreisentwicklung. Ganz offensichtlich ist der Silberpreis „anfällig“ für spekulative Übertreibungen – die dem Anleger Gewinnchancen, aber eben auch erhebliche Verlustrisiken bringen.

Konjunkturelle Signale

Das Preisverhältnis von Gold zu Silber – die Gold-Silber-Preisrelation (GSP) – genießt bei Edelmetallinvestoren Beachtung. Aktuell liegt die GSP bei etwa 73. Blickt man auf die Zeit von Anfang 1979 bis Anfang März 2015, so erscheint die GSP damit eher „hoch“ zu sein. Gold wäre folglich relativ teuer gegenüber Silber. Doch ist das eine begründete Einschätzung? Um die Frage beantworten zu können, muss man verstehen, was die „Schwingungen“ der GSP bestimmt.

Für die GSP scheint insbesondere dem Zins eine wichtige Rolle zuzukommen. Wenn die Zentralbank den Zins erhöht, so geschieht das meist in Zeiten einer konjunkturellen Belebung. Senkt sie den Zins, deutet das auf nachlassende Wirtschaftsaktivität hin. In Phasen hoher Zinsen sollte folglich der Preis für Gold (das für Absicherungszwecke nachgefragt wird) fallen relativ zum Preis für Silber (das für industrielle Zwecke nachgefragt wird), und es wäre zu erwarten, dass die GSP sinkt. In Phasen tiefer Zinsen sollte hingegen der Goldpreis sich relativ besser entwickeln als der Silberpreis – und folglich wäre zu erwarten, dass die GSP ansteigt.

Blickt man auf die Daten, so ging ein Absenken des Leitzinses tatsächlich meist einher mit einer Erhöhung der GSP. In Zeiten einer expansiven Geldpolitik war Gold offensichtlich attraktiver als Silber, und die GSP stieg. Die GSP nahm hingegen ab, als die Zinsen stiegen: Der Silberpreis profitierte relativ gesehen zum Goldpreis. In den letzten Jahrzehnten ließ sich folglich ein negativer Zusammenhang zwischen der GSP und dem Zins beobachten.



Vor- und Umsicht gefragt

Doch die „Signale“, die das GSP sendet, sind mit Vor- und Umsicht zu interpretieren. Denn aus ihnen lassen sich nicht notwendigerweise verlässliche Kauf- beziehungsweise Verkaufsempfehlungen ableiten. Der Grund ist der Folgende. Die GSP hat keinen konstanten Mittelwert, um den sie schwankt. Aus den Abweichungen der GSP von ihren historisch beobachtbaren Niveaus lässt sich daher nicht schließen, dass sich die Abweichungen nachfolgend auch wieder abbauen. Die Beobachtung, dass die GSP zu einem bestimmten Zeitpunkt „hoch“ oder „niedrig“ ist (im Vergleich zur Historie), gibt daher keine verlässlichen Kauf- beziehungsweise Verkaufsempfehlungen.

Zudem ist zu beachten, dass die GSP ein Preisverhältnis abbildet. Veränderungen der GSP können folglich durch unterschiedliche Preisbewegungen erfolgen (siehe hierzu die Tabelle auf der vorangehenden Seite). Nehmen wir einmal an, die GSP ist aktuell sehr „hoch“, und man erwartet, dass sie sich künftig vermindern wird.

Ein Rückgang der GSP könnte dadurch erfolgen, dass der Goldpreis stärker fällt als der Silberpreis; oder aber auch dadurch, dass der Goldpreis unverändert bleibt, und der Silberpreis steigt. Aus der Erwartung, die GSP werde sich künftig in die eine oder andere Richtung entwickeln, lässt sich daher nicht ohne weiteres eine konkrete Handlungsempfehlung ableiten: ob nun Gold oder Silber gekauft oder verkauft werden soll.

Der Anleger könnte die GSP hingegen nutzen, um auf die relative Preisentwicklung von Gold und Silber zu setzen. Für derartige Spekulationsstrategien müsste er allerdings Derivate – beispielsweise Optionen – einsetzen.

Insgesamt betrachtet drängt sich die GSP nicht als ein Indikator auf, der dem Edelmetallanleger verlässliche Signale gibt, Gold- und Silberpositionen auf- beziehungsweise abzubauen. Es scheint vielmehr für Anleger ratsam zu sein, sich mit den Geschehnissen in den Gold- und Silbermärkten gesondert zu beschäftigen und aus diesen Erkenntnissen heraus Anlageentscheidungen abzuleiten. Grundsätzlich hilfreich sollte allerdings der – zumindest seit vielen Jahrzehnten beobachtbare – positive Zusammenhang zwischen der Gold- und Silberpreisentwicklung sein:

Ein Ansteigen des Goldpreises sollte mit einem überproportional starken Ansteigen des Silberpreises verbunden sein. Geht der Anleger beispielsweise von einem künftig steigenden Goldpreis aus, so mag der Blick auf die GSP hilfreich sein, um abzuschätzen, ob sich ein Einstieg beim Silber lohnt: Zeigt sich beispielsweise eine hohe GSP, spräche das dafür, auch eine Silberposition in Erwägung zu ziehen. 

Zur Historie des „Gold-Silber- Preisverhältnisses“

Im amerikanischen Münzgesetz vom 2. April 1792 wurde der US-Dollar in Feingewicht von Gold und Silber definiert: Danach entsprach der US-Dollar 371,25 Gran Feinsilber (Gran = damalige Gewichtseinheit) und 24,75 Gran Feingold. Das war das zu dieser Zeit vorherrschende Austauschverhältnis von Gold zu Silber im freien Markt: ein Verhältnis von 1:15.

Häufig wird behauptet, die „richtige“ Gold-Silber-Preisrelation sei bei ungefähr 1:15 (und nicht bei 73, wie es aktuell der Fall ist) – und daher hätte der Silberpreis ein enormes Aufholpotenzial gegenüber dem Goldpreis. Der Grund: Ein Verhältnis von 1:15 für Gold zu Silber sei nicht nur historisch „die Regel“ gewesen, sondern es könne auch durch die physische Angebotsrelation (in der Erdkruste) erklärt werden. Doch dieses Argument kann aus ökonomischer Sicht nicht überzeugen.

Der Wert und damit auch der Preis eines jeden Gutes werden grundsätzlich nicht durch seine „objektive Knappheit“ bestimmt. Sie bestimmen sich vielmehr stets aus der subjektiven Wertschätzung, die dem Gut von den Nachfragern (aus welchen Beweggründen auch immer) entgegengebracht wird. Ein Gut mag knapp sein (wie zum Beispiel Fallobst), doch wenn es von den Nachfragern nicht oder nur gering geschätzt wird, hat es keinen oder nur einen sehr geringen Preis. Diese Erkenntnis lässt sich auch auf die Gold- und Silberpreise anwenden.

Bei Gold und Silber können sich – wie bei jedem anderen Gut auch – Änderungen in Angebot und Nachfrage ergeben, die die Preisrelation der beiden Edelmetalle zueinander nachhaltig verändern.

So gesehen bieten die Preisrelationen von Gold und Silber, die in der Vergangenheit beobachtbar waren, keinen verlässlichen Hinweis darauf, wie sich die Preisrelation künftig entwickeln wird.

Das zeigte sich zum Beispiel auch in den Jahren nach 1792: Das Silber-Gold- Preisverhältnis im freien Markt stieg über 15:1 hinaus, sodass 1834 ein neues Münzgesetz in Kraft trat, in dem die Preisrelation auf 15,625:1 festgesetzt wurde – entsprechend den zu diesem Zeitpunkt herrschenden Weltmarktpreisen der beiden Edelmetalle.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH



 

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