Zum „Erfolg“ verdammt. Warum keine Notenbank auf halbem Weg stehen bleiben wird

6. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

vom Smart Investor

In der Titelgeschichte „Land der aufgehenden Supernova – Japan vor dem Crack-up-Boom?!“ haben wir uns ausgiebig mit den Implikationen der „Abenomics“ befasst. Diese nach dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzō Abe benannte Wirtschaftspolitik ist eine Mischung aus expansiver Fiskalpolitik und extrem laxer Geldpolitik…

Zur Umsetzung der geldpolitischen Seite der Gleichung wurde mit Haruhiko Kuroda eine geldpolitische „Taube“ (im Gegensatz zu den primär auf Geldwertstabilität orientierten „Falken“) an der Spitze der Bank of Japan (BoJ) installiert. Von Kuroda wird erwartet, dass er die Zielvorgaben der Regierung ohne fühlbaren Widerstand umsetzt – bei Vorgänger Masaaki Shirakawa knirschte es bei dieser Transmission gegen Ende der Amtszeit dagegen spürbar.

Die „Unabhängige Notenbank“ ist in Japan damit praktisch offiziell zu Grabe getragen worden. Bei der US-amerikanische Fed und unserer eigenen EZB versucht man zumindest gelegentlich noch den Schein zu wahren – den Anschein, nicht den Geldschein.

Irritation in Tokio

Gedankenspiele über ein Ende der expansiven Geldpolitik der Fed lösten jedoch zwischenzeitlich einen Kursrutsch in Tokio aus. Was auf den ersten Blick widersinnig klingt, hat doch seine innere Logik. Denn auch das japanische „Wirtschaftswunder“ bildet keine natürliche Marktentwicklung ab, es ist „Made by Abe“ – vermittels einer willfährigen Notenbank. Sollten Notenbanken dagegen tatsächlich ernsthaft darüber nachdenken, den Liquiditätshahn zu drosseln, würde die darauf beruhende Scheinblüte rasch dahinwelken.

Im Fall Japan haben die „Abenomics“ sogar noch einen weiteren Kollateralnutzen: Die Abschwächung des Yens stärkt die Position der japanischen Exporteure auf dem Weltmarkt – zumindest bei deren Kunden. Auch wird durch die relative Verteuerung ausländischer Produkte im Land die Inflation in Richtung der gewünschten 2% p.a. angekurbelt. Dass derartige Währungsschiebereien allerdings ein zweischneidiges Schwert sind, werden all jene Unternehmen spüren, die – wie auch die Exporteure – auf ausländische Vorprodukte bzw. Rohstoffe angewiesen sind. Ein Effekt der den offensichtlichen Erfolg der Abwertung zum Teil konterkarieren wird – besonders dann, wenn sich die Rohstoffpreise an den Weltmärkten stabilisieren.

Am seidenen Faden

Der Einbruch des Nikkei um knapp 19% innerhalb von gerade einmal zwei Wochen zeigt aber auch, an welch seidenem Faden ein solcher Boom hängt. Er ist von den Entscheidungen einer Handvoll Köpfe abhängig. Ein Grund, weshalb sich die Börse im Jahr 2013 ohne Politik weniger denn je denken lässt.

2013-06-05_Nikkei

Wenn die Regierungen und ihre Notenbanken – in einigen Regionen wohl richtigerweise die Notenbanken und ihre Regierungen – auf Gaspedal oder Bremse treten, können sie Entwicklungen aus dem Stand umdrehen und so kurzfristig für erhebliche Verunsicherung sorgen. Die Gretchenfrage lautet also: Wie ernst sind Gedankenspiele in Richtung auf ein Auslaufen der QE-Maßnahmen zu nehmen? Sie scheinen in etwa so glaubwürdig, wie die bloße Aussage eines Drogenabhängigen, ab morgen ein neues Leben zu beginnen.

Ein Entzug wird so nicht funktionieren. Die amtlich verbreitete Wohlfühlpropaganda kann nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir sowohl in den USA als auch in der Eurozone und ganz besonders in Japan meilenweit von einem selbsttragenden Aufschwung entfernt sind. Wenn die Notenbanken den Hahn zudrehen, gehen die Lichter aus. So einfach. Sie sind also buchstäblich zum „Erfolg“ verdammt. Wobei „Erfolg“ aber eben nur jene wuchernde Scheinblüte meint, die auf lange Sicht keine Probleme löst, sondern nur weitere schafft… (Seite 2)

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