Zum Ausstieg wird nicht geklingelt

27. Dezember 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Wenn wir mal versuchen, völlig objektiv an die Märkte heranzugehen … ha! Erwischt! Niemand kann wirklich objektiv sein. Selbst, wenn man ein völlig leeres Depot hat, gerade von einer dreimonatigen Kur auf Alpha Centauri zurückkommt und keine Ahnung hat, was die „Fiscal Cliff“ sein soll, hat man doch schneller eine Meinung beisammen, als es gesund wäre. Womit wir beim Thema sind…

Wenn es um die Börse geht, kann zwar niemand vorhersehen, wie es wirklich in den kommenden Monaten weitergeht. Aber Prognosen sind gerade deswegen so beliebt, weil viele glauben, genau das wissen zu müssen. Warum?

Fragen Sie bloß nicht mich. Normalerweise gebe ich keine Prognosen ab, weil einfach logisch ist, dass sie nicht funktionieren. Von statistisch völlig normalen Glückstreffern natürlich abgesehen, die einzelne „Experten“ sofort in Gurus verwandeln. Ein Status, den sie dann einige Jahre behalten, bis sie durch genügend Schüsse in den Ofen wieder auf statistisches Normalmaß zurückgekehrt sind. Nehmen wir doch einfach 2012 als Beispiel. Zum einen hieß es zu Jahresbeginn, dass es in der Eurozone, wenn, dann nur eine kurze, moderate Rezession geben würde. Tja. Und dann hieß es, dass die Aktienmärkte tendenziell eher stagnieren dürften, weil man erst wieder mit stärker steigenden Kursen rechnen darf, wenn das Wachstum zurückehrt. Nochmal tja.

Wie in aller Welt hätte man auch all die Einflussfaktoren vorhersehen können, die in den vergangenen zwölf Monaten auf die Kurse einwirkten? Renditen in Spanien und Italien im Steigflug, operative Hektik bei zeitgleicher geistiger Windstille in der EU-Führung, deutsche Renditen auf Ex-Festgeldlevel, die nächsten Runden künstlicher Anleihestützungen, starke Worte von allen Notenbanken, die zugleich alle mehr oder weniger am Ende ihres Lateins sind. Die Wahl in den USA, der Streit um die Fiskalklippe, kein Wachstum in der EU und nur eines auf dem Papier in den USA, Zypern und Ungarn als neue Mitglieder im Verein klammer EU-Länder, Regierungswechsel in Frankreich, Rezession in Holland … man könnte die Liste noch lange weiterführen. Aber das ist eben nur die eine Hälfte der Medaille.

Die andere ist die Reaktion der Marktteilnehmer auf diese Ereignisse. Zig Millionen Anleger weltweit, alle mehr oder weniger emotional gesteuert, zugleich aber dem Herdentrieb verpflichtet. Kollektive Hoffnung bestimmt seit Ende Juni die Märkte. Aber genauso gut hätte die kollektive Angst sich durchsetzen können – jederzeit. Eine unmittelbare, logische Bindung zwischen der wirtschaftlichen Realität und den Handlungen der (wankelmütigen und fragilen) Mehrheit der Anleger gibt es nicht. Also:

Niemand kann klar vorhersehen, was auf uns zukommt und erst recht nicht, wie die Menschen mehrheitlich darauf emotional reagieren werden. Wie also kann man, ohne rot zu werden, heute orakeln wollen, wo der DAX an Silvester 2013 notieren wird? Und wenn man mal vom dringenden Bedürfnis, Bescheid zu wissen und sich auf die Dinge einstellen zu können, abkommt (das in normalen Leben durchaus statthaft ist, an der Börse aber nun mal nicht geht), stellt man sich womöglich auch noch die defätistische Frage: Wozu auch?

Warum muss ich heute wissen, wo der DAX in zwölf Monaten steht? Ideal wäre das nur, wenn man mir zugleich auch mitteilen könnte, auf welchem Wege er dorthin gelangt. Sollte der Stand am Jahresende 9.200 Punkte lauten … oder 4.900 … bringt mir das doch nur etwas, wenn ich weiß, ob und wann es dazwischen mal 1.000 Punkte runter und/oder rauf geht, wann ich wegen Seitwärtsbewegungen die Füße hochlegen und in Urlaub gehen kann etc. Das wäre mal eine Aussage.

Da die aber gerade nicht greifbar ist (wenn man mal Wahrsager außen vor lässt), würde es mir schon reichen, wenn ich im entscheidenden Moment erkennen könnte, was zu tun ist. Was alleine schon schwer genug ist, denn: Ich kenne keinen Marktteilnehmer, der nicht von seinen eigenen Positionen korrumpiert würde. Wer das Depot bis zur Halskrause voll mit Puts hat, ist schlicht taub für bullishe Argumente. Und wer eine bunte Sammlung aggressiver Long-Positionen sein Eigen nennt, dem kann man noch so viele Warnungen ins Ohr brüllen – es interessiert ihn nicht. Womit wir wieder beim Problem der Emotionalität wären.

Eine wirklich große Leistung vollbringt der, der trotz eigener Positionen mit aller Kraft versucht, der realen Lage, ob es nun um die der Charts oder um die außerhalb der Börsensäle geht, offen gegenüberzutreten. Pro und Contra gegeneinander abzuwägen, anstatt der eigenen Meinung zuwider laufende Ansichten einfach vom Tisch zu wischen. Aber da kommen wir ja bereits in Bereiche, die viele normale Wutbürger nicht einmal im realen Leben hinbekommen. Knifflig.

Dass es sich hier um eine für Nicht-Anleger lachhaft klingende, für echte Anleger aber kaum zu bewältigende Hürde handelt, erlebt man immer wieder kurz vor und nach einer Trendwende. Unterstellen wir einfach mal, der DAX würde im Januar nach unten kippen (keine Prognose, nur ein Gedankenspiel). Dazu passt, dass die relativ wenigen überlebenden Bären teilweise seit Juni, mehrheitlich aber seit der „Auf-dem-Absatz-kehrt“-Wende im November immer wieder in Puts einsteigen, entnervt ausgestoppt werden, wieder einsteigen, noch entnervter noch mal ausgestoppt werden und so fort.

Das dauert gemeinhin so lange, bis die Gruppe der Bären so klein ist, dass dem Markt schlicht die Käufer ausgehen, weil fast jeder längst Long investiert ist und darauf wartet, dass irgend jemand anders nun auch noch kauft, um die eigenen Positionen weiter (oder überhaupt) in die Gewinnzone zu hieven. Da naht der Moment, an dem fast alle verlieren, denn…

Der Gag ist ja, dass die Marktstimmung in diesem Moment die Gefahren nicht widerspiegelt, weil die Börsen in dieser Hinsicht funktionieren wie ein Kettenbrief. In dem Moment, in dem sich acht Milliarden Menschen darauf freuen, dass ihnen in Kürze vier Tonnen Briefumschläge mit einem Geldschein darin ins Haus flattern, bemerken sie in ihrem kollektiven Wahn nicht, dass keiner mehr übrig ist, der dafür noch in die Tasche greifen könnte. Börse: dito. Aber!

Kaum kippen die Kurse, verlieren dann auf einmal alle. Die Bären, weil sie sich nicht mehr trauen, Short zu gehen. Wer vier- oder fünfmal auf die Mütze bekommt, lässt es sein oder wechselt sogar ins bullishe Lager (und beschleunigt damit das Ende noch selber). Und die Bullen sind so davon überzeugt, dass dieser Rücksetzer eben nur ein Rücksetzer und nicht die Wende ist, dass sie in diesen hinein nicht aussteigen, sondern zukaufen … und in den nächsten erst recht und so weiter. So haben viele ihren Einstiegkurs bei der Telekom-Aktie auf unter 30 Euro gedrückt … hat nicht viel geholfen, aber psychologisch ist „verbilligen“ immer eine feine Sache.

Wobei sie das wirklich ist … wenn man das von vornherein als Strategie plant. Womit ich zwar nicht sagen will, dass ich sicher eine Trendwende bzw. starke Korrektur unmittelbar bevorstehen sehe … siehe die Unmöglichkeit von Prognosen. Aber ich denke zumindest, dass der Zeitpunkt nahe ist. Vielleicht sehr nahe … vielleicht ein paar Wochen entfernt … oder ein, zwei Monate. Wie zuletzt öfter angesprochen, gehen den Bullen die Zugpferde und die Konvertiten aus. Der große Verfalltermin an den Terminbörsen ist vorüber, das Jahresultimo steht in Europa am Freitag an und der große Erleichterungs-Schub nach der in Kürze zwangsläufig kommenden Einigung der US-Politik dürfte noch weniger vorhalten als die Rallye nach Bekanntgabe von QE III. Und dann richtet die Klientel, die noch imstande ist, auf der Leiter auch mal nach unten zu sehen, den Blick auf die anstehenden Quartalsbilanzen, ja überfliegt sogar womöglich die zuvor ignorierten, nicht selten lausigen Konjunkturdaten der letzten Wochen und Monate.

Alleine ein Blick auf den Höhenflug der Börsen in Asien und Europa lässt da durchaus an einen zackigen Rücksetzer denken. Das muss dann nicht unbedingt eine Trendwende werden … aber es kann. Das dumme ist ja, dass man eine Trendwende erst als solche identifizieren kann, wenn der Rücksetzer auf einmal nicht mehr aufhört, weil all diejenigen, die wild entschlossen waren, in jeden Kursrückgang hinein zuzukaufen, auf einmal unruhig werden und der alte Börsianerspruch wieder zum Vorschein kommt: „Bei erreichen streichen“. Rücksetzer oder Trendwende – so etwas kann man nicht vorher wissen, denn es basiert auf Emotionen, die man nun einmal nie prognostizieren kann. Bei Einzelpersonen nicht, bei Menschenmassen erst recht nicht.

Wenn man eine solche Situation zu erkennen glaubt, hat man als Anleger jedoch ein Problem. Erstens sind die Kurse dann nicht selten sehr weit von charttechnischen Unterstützungen entfernt, deren Unterschreiten tatsächlich einen Trendbruch indizieren würde. Wartet man also, bis diese Linien brechen, kann man sehr leicht am Tief Short gehen oder aus seinen Long-Positionen aussteigen, weil es eben doch nur ein Rücksetzer wurde. Zweitens neigen die Akteure am Ende einer Trendbewegung (egal, ob Auf- oder Abwärtstrend) dazu, völlig die Contenance zu verlieren und zügellos zu agieren.

Gerade, wenn man einen DAX so nahe am Allzeithoch hat, höre ich es jetzt schon tönen: Die Marktteilnehmer wollen das Allzeithoch „sehen“. Ha. Als ob sie es nicht schon zweimal anno 2000 und 2007 gesehen hätten. Und danach lange Zeit von unten. Das ist, als ob man unbedingt aufs Matterhorn kraxeln würde, obwohl es unten Postkarten gibt, die zeigen, wie es von oben aussieht. Manch einer wird mich nun nicht verstehen. Aber ich bleibe da lieber unten. Lange Rede, kurzer Sinn:

Es ist unmöglich, den genauen Zeitpunkt oder gar das genaue Kursniveau einer Trendwende vorherzusagen (komme mir jetzt keiner mit Elliott). Aber wenn die Anzeichen sich mehren, ist es durchaus Erfolg versprechend, sich dann langsam von seinen trendkonformen Positionen zu trennen (da man die allerletzten Punkte eh nicht erwischen kann, man lese nach bei Kostolany) und behutsam und geplant auf die Gegenseite zu wechseln. Denn wenn es kippt, dann gerne hurtig … und wie gesagt: Entscheidende Trendlinien sind in solchen Phasen gemeinhin fern. Wer sich langsam auf die Gegenseite „reinstaffelt“, kann es schaffen, auch dann nur mit einem kleinen Kratzer davonzukommen, wenn die als möglich erwogene Trendwende eben doch wieder nur ein Rücksetzer wird … und schlägt sich schlicht wieder auf die Seite der Trendfolger, bis sich die Warnsignale erneut verdichten. Wer nun einwirft, dass es doch viel einfacher wäre, einfach „oben“ die Positionen zu drehen, dem schlage ich vor: Probieren sie es aus. Vielleicht klingelt diesmal am Hoch ein Glöckchen. Aber alte Händler behaupten zu wissen:

„Zum Ausstieg wird nicht geklingelt“. Wo das Hoch ist, weiß man erst, wenn es schon eine unangenehm lange Zeit durchschritten ist. Die Börse ist halt nicht das Matterhorn. In diesem Sinne Ihnen allen einen guten Rutsch ins Neue (bzw. den Bären „im neuen“) Jahr!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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