Zufälle?

26. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Unser Leben wird bisweilen von merkwürdigen Zufällen durcheinander gewirbelt, nicht wahr? Aber wer Börsianer ist, dem kommt bisweilen der Gedanke, dass die dortigen Zufälle keine sind. Das darf man natürlich nicht explizit formulieren, denn bisweilen sind es illustre Gestallten, den Göttern gleich, die den Kursen die Hand führen. Aber manchmal haben deren Worte recht irdische Wirkungen. Beispiel heute, Donnerstag, 12:10 Uhr…

EZB-Präsident Mario Draghi verkündet am Rande einer Konferenz in London, dass der Euro unumkehrbar sei. Man werde alles Notwendige tun, um den Euro zu retten. Zudem würden die Märkte die Fortschritte in der Eurozone unterschätzen (weil sie leider unsichtbar sind, Anmerkung meinerseits). Man sei auf einem guten Weg Richtung Bankenunion (aha?) und man sei zudem „prinzipiell“ zu weiteren Staatsanleihe-Käufen bereit.

Welch göttliche Worte. Und gerade zur rechten Zeit, möchte man meinen. Der Dax war gerade zwei Stunden zuvor unter die 200 Tage-Linie gefallen, die zuvor mehrmals so gerade noch gehalten werden konnte. Der Dow Jones hätte sein Schicksal geteilt, denn die US-Futures lagen deutlich im Minus. Und das hätte natürlich zu Anschlussverkäufen geführt, in einem Umfeld enttäuschender Quartalsbilanzen (in den USA ebenso wie in Deutschland), mieser Konjunkturdaten und in einem Umfeld, das eben keine Fortschritte, sondern nur eine kontinuierliche Zuspitzung in der Eurokrise vorweist.

Mein lieber Gesangsverein, da hatten die Bullen haben ein Glück, dass der gute Mario diese Worte genau zur rechten Zeit aussprach. Und obwohl das de facto nur Plattitüden waren … man nennt dergleichen vornehm „Verbalintervention“, was das einzige ist, was die Notenbanken momentan tun können … schoss der Dax binnen 30 Minuten 100 Punkte nach oben … und während ich dies schreibe, sind es nach zwei Stunden schon 180 Punkte. Eine Hausse für nichts und wieder nichts … aber effektiv. Die Marktteilnehmer vernehmen „Anleihekäufe“ … und die Konditionierung verursacht sofort ein Zucken auf die Kauftaste.

Und schon kann man sich hinstellen und schlau daherreden, dass die Anleger die Fortschritte in Europa sehr wohl richtig einschätzen und durch ihre Käufe zeigen, dass sie dem Euro, der Eurozone, den Politikern, der Notenbank, Hinz, Kunz und dem Weihnachtsmann vertrauen. Das Detail, dass Draghi eigentlich nichts gesagt hat, was man nicht vorher auch schon gehört hätte, geht in solchen Parolen dummerweise verloren. Zumal es nicht passen würde, denn schließlich machen momentan die Kurse die Nachrichten. Kaum steigt der Dax, sind selbst negative Nachrichten positiv, Millionen Anleger können schließlich nicht irren. Gell?

Und oho, vergessen wir nicht, dass dieser Zufall kein Einzelfall war. Nein, die werden momentan immer dann „geliefert“, wenn irgendein Aktienmarkt droht, die 200 Tage-Linie zu brechen. Was zeigt: Die Verantwortlichen wissen wenigstens, was ein 200 Tage-GD ist, wenn sie schon sonst ernste Lücken aufweisen.

Dienstagabend an der Wall Street: Der Dow Jones fühlte sich nicht so recht wohl und drohte zum Handelsende unter die 200 Tage-Linie zu fallen. Nach einer direkten Berührung gegen 20:30 Uhr kamen einfach keine Käufe auf, sodass damit zu rechnen war, dass es zum Handelsende weitere Abgaben geben würde, die den Bruch dieser Linie perfekt machen würden. Doch ach, welch wundervoller Zufall: Genau zur rechten Zeit, gegen 21:25 Uhr, kommt das Wall Street Journal mit einer Eilmeldung. Die US-Notenbank stehe so was von unmittelbar vor mächtigen Aktionen, dass man nur vor „Bullishness“ erschauern könne.

Entweder mache man gleich am 01. August in der kommenden Sitzung etwas, spätestens aber dann bei der nächsten Mitte September. Um Himmels Willen. Erstens kommt’s drauf an, was sie tut, denn eigentlich sind die Pulverkammern leer. Für ein „QE III“ müsste man erst einmal neues Geld drucken, Gold aus Fort Knox verkaufen oder Ben Bernanke an die EU vermieten. Und zweitens: Machen sie kommenden Mittwoch nichts, kommt halt dann im September was. Und wenn dann auch nichts passiert, ist diese Meldung längst vergessen. Aber die Reaktion war wie üblich bei Pawlowschen Börsenhunden: Notenbank-Aktionen = billiges Geld = steigende Kurse. Der Dow zog in der letzten halben Handelsstunde um 90 Punkte an und rettete so seinen 200 Tage-GD. Ein Hurra dem Zufall!

Mittwochvormittag in Europa: Österreichs Zentralbankchef und EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny denkt laut darüber nach, dass es gute Argumente gäbe, dem ESM eine Banklizenz zu geben. Tjaja, klar: Denn täte man das nicht, wäre dessen Kapitaldecke schon vergeben, bevor er überhaupt offiziell startet. Und mit einer Banklizenz käme der Rettungsschirm an Zentralbankgelder … sprich man könnte die Einlagen hebeln, d.h. aus Luftgeld noch mehr Luftgeld machen. Die Folgen: unbekannt. Aber wohl vergleichbar mit dem Druck auf einen Knopf, auf dem „diesen Knopf bitte nicht drücken“ steht. Die Anleger reagierten jedoch sofort mit Käufen, denn „Banklizenz“ gehört auch zum Pawlow’schen Reizvokabular. Ein höchst günstiger Zufall, denn der Dax war am Tag zuvor nachbörslich unter den 200 Tage-GD gefallen und die enttäuschenden Quartalsergebnisse von Apple ließen befürchten, dass die Reise weiter nach unten gehen würde. Durch den unfassbaren Zufall dieser Aussagen jedoch stieg er plötzlich, statt zu fallen.

Drei „Verbalinterventionen“, allesamt aus parfümierter Heißluft bestehend, binnen 48 Stunden, während es bei Dax und Dow um die 200 Tage-Linien geht. Donnerwetter. Die Welt ist ein einziger Zufall. Zumindest an der Börse, denn außerhalb dieser passiert zumindest mir eine Häufung derartiger Zufälle nie. Gut, dass wir alle so vernünftig sind zu erkennen, dass derart integere Institutionen und Personen niemals willentlich in die Kursverläufe der Börsen eingreifen würden!

Wenn man an die Häufung von Zufällen glauben würde, könnte man zu dem Schluss kommen, die Aktienmärkte seien „unfallbar“. Und wer weiß, ob das nicht zufällig der eine oder andere auch so gewollt haben könnte. Ganz vielleicht natürlich nur. Und ganz vielleicht wurde der Kursschub parallel zu den zufälligen Äußerungen auch zufällig ein wenig angeschoben, um die nicht vorhandenen Gehirne der computergesteuerten Handelsprogramme zu stimulieren? Nein, undenkbar. Aber …

… Obacht, liebe Euphoriker. Da sollte man lieber das tun, was die computergesteuerten Handelsprogramme und die meisten Intradaytrader nicht tun: denken. Erstere können nicht mangels Hirn. Die Trader nicht, weil zum Denken bei diesen Kursausschlägen keine Zeit bleibt. Und tun wir dies, stellen wir zweierlei fest:

1. sind diese drei zufällig optimal getimten Verbalinterventionen letztlich nur die optimistisch klingende Verwurstung längst bekannter Gedanken, Notwendigkeiten und/oder Vorhaben. Da war nichts Neues dabei … und wer sich die Zeit nimmt, nachzudenken, bemerkt das natürlich.

2. täuscht man sich, wenn man angesichts des fast 200 Punkte emporschießenden Dax glaubt, die ganze Welt sei gerade kollektiv und beglückt Long gegangen. Von wegen Millionen Anleger werden bullish! Die Umsätze im Dax Future waren hoch, aber im Orderbuch ging es gerade bei dieser aktuellen Rallye zeitweise zu wie im nachbörslichen Handel abends um Neun. Keine gigantischen Kauforders. Wären wirklich in größerer Zahl die großen Adressen aktiv gewesen, hätten die Umsätze an einem Tag, an dem es erst unter und dann schlagartig wieder weit über die 200 Tage-Linie geht, deutlich größer sein müssen. Man bekam den Eindruck, hier agierten nur Computer und Daytrader. Alleine deswegen, weil sich diese Rallye allen Ernstes an den Tradinglinien im Chart auf Eine-Minute-Basis orientierte! Zockerei. Mehr nicht. Was bedeutet:

Diese Rallye kann genauso gnadenlos in sich zusammenbrechen wie die künstliche Rallye vor dem Verfalltermin am Optionsmarkt letzte Woche. Sicher ist nichts, aber ich glaube, die Wahrscheinlichkeit einer riesigen Bullenfalle ist ziemlich hoch. Denn:

Die großen Adressen, die Entscheider bei Fonds, Hedgefunds, Versicherungen, Pensionskassen etc., sind nicht dumm. Nur ihre Computer sind es, wenn sie sie von der Leine lassen. Sie wissen ganz genau um die wirkliche Lage. Und sie wissen auch, dass diese „zufälligen“ Verbalattacken zugunsten steigender Kurse reine Defensivaktionen sind, die ein noch größeres Desaster, nämlich die Rückkehr der Aktienmärkte in den Bereich, welcher der fundamentalen Entwicklung entspricht, verhindern sollen.

Das erinnert mich an die früheren Notenbank-Interventionen am Devisenmarkt. Dort hieß es dann auch: Bis hierhin und nicht weiter. Aber die Märkte waren stärker, ja wurden durch diese Eingriffe sogar so provoziert, dass diese Aktionen immer wieder übel nach hinten losgingen. Und diesmal soll es anders sein – ausgerechnet am Aktienmarkt? Wo schon Leerverkaufs-Verbote für die Katz waren?

Und so dürften diese Entscheider erkennen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, dabei noch Gewinne zu erzielen: Oben aussteigen, Short gehen und zusehen, dass ein anständiger Trend entsteht … der nur in Richtung Keller hinreichend Kurspotenzial hat. Sollte diese Rallye verpuffen und Dax und Dow bald wieder an ihren 200 Tage-Linien stehen, werden sie brechen. Und dann wird es unschön …

… denn eine alte Fabel namens „Wer dreimal lügt, dem glaubt man nicht“, würde dann wie so viele Fabeln genau ins echte Leben passen. Dort vertrieb sich ein gelangweilter Hirtenjunge die Zeit, indem er um Hilfe schrie und so tat, als würde ihn ein Löwe anfallen. Das ganze Dorf stürmte zweimal heran, um den Jungen vor einem vermeintlichen Löwen zu retten, während der Bursche sich ob der heraneilenden Männer einen Ast lachte. Beim dritten Mal kam niemand mehr … man will sich ja nicht für dumm verkaufen lassen. Und der Löwe bekam sein Mittagessen. Sollten die Daytrader zu oft gegen eine Wand laufen, wenn sie den jahrelang konditionierten Pawlow’schen Reizen wie „Zinssenkung“, „billiges Geld“ etc. auf den Leim gehen, wird überhaupt niemand mehr auf diese Äußerungen zu „zufällig“ idealen Zeitpunkten reagieren. Dann kommt die Baisse mit brutaler Wucht … und ich habe den Eindruck, den letzten, wirksamen „Zufall“ dieser Art haben wir bereits an diesem Donnerstag erlebt. Wer weiß?

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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10 Kommentare auf "Zufälle?"

  1. Wollen sagt:

    Standardisierte Vorgänge Abläufe (Draghi,Heli Ben) seit Jahren, um plötzlich starke zufällige Kursanstiege zu erklären, wenn wieder mal das U-Boot auf Tauchstadion gehen möchte.
    „Wir kündigen an“ „Wir werden“,keinen Schritt weiter sind wir..
    Vor allem gehts nur noch um die Rettung von Staaten anstatt sich mit dem wirtschaftlichen in den Ländern zu befassen..,politische Börsen.
    Alles andere wird hier ausgeblendet.
    Die Show geht weiter..;)

  2. Avantgarde sagt:

    Auch diese „Zufälle“ werden die Entwicklung nicht aufhalten – das bewirkt dann allenfalls, daß es irgendwann aus dem Nichts ganz plötzlich scheppert.

    Ich hab mir fast so was in der Art gedacht.
    Immer wenn es so aussieht als wäre ein kritischer Punkt erreicht dann geschieht das Gegenteil.
    Warten wir also auf den nächsten Herbst 2011, einen FlashCrash oder ähnliches.

    Daß die EZB irgendwann Anleihen direkt kaufen wird müssen ist ja nun kein Geheimnis.
    Bisher füttert man auf dem Weg zum Anleihekauf ohnehin nur die Banken – das muß nicht sein.
    Nur sollte man es dann so machen, daß die Interventionen unerwartet zu unterschiedlichen Zinssätzen stattfinden.
    Muß ja nicht sein, daß die Ratingagenturen diversen Investoren auch noch einen free-lunch servieren können.

    Und falls der Ronald Gehrt hier mitlesen sollte dann: Besten Dank!
    Ich bin immer wieder fasziniert von dem was er da so schreibt.
    🙂

  3. FDominicus sagt:

    Wir lernen Zentralbanker sind die größten Manipulateure. Ich finde diese Erkenntnis nicht „weltbewegend“. Interssant wird es doch erst wenn wir diese Zentralbanken abschaffen, Bis dahin liefert doch genau das was derzeit im Übermaß haben: Chaos.

    • Avantgarde sagt:

      Alle Marktteilnehmer versuchen das Ding irgendwie in ihre Richtung zu schubsen.
      Auch Hedgefonds können Charts lesen und gehen dort geheblet rein wo es günstig ist.
      Die Hochglanzbroschüren der Fonds, die Statistikbehördern – insbesondere die des Wunderknaben China sind mit unter zweifelhaft.
      Und auch die EM-Verkäufer trommeln dann am lautesten wenn die Preise grad mal wieder am Top sind – weil gerade da schon zum x-ten Mal gerade das „System“ hätte unter gehen sollen.

      Business as usual.

  4. mfabian sagt:

    Für mich lautet die Lehre aus diesem Essay:
    Den Anstieg nach QE3 kann man genüsslich shorten 😉

  5. EuroTanic sagt:

    ***gelöscht*** vom Hausmeister.

  6. crunchy sagt:

    Wenn „die Märkte“ in den Sommerferien (weltweit!) reagieren, hat das mit „Fundamentalem“ soviel zu tun, wie ein Herr Trittin von Esotherik versteht.
    http://www.finanznews-123.de/juergen-trittin-kritisiert-esm-kritiker/

    Immer auf die Umsätze schaun: Das Verhalten der Hedgefonds ist noch immer wesentlich: Gerade ein Hüpfer, verursacht durch einen Schauspieler wie … … …, zählt nicht, nur das damit evtl. verbundene Kurs-Umsatz-Verhalten. Dennoch war es auch Salbe auf meine noch immer nicht verheilten Wunden.

  7. 4fairconomy sagt:

    Diesen Verbalinterventionen werden ggf. wohl auch Taten folgen, nämlich das Fluten der Märkte mit neuem Geld. Das Schneeballsystem wird wohl so lange als möglich aufrecht erhalten und dafür muss es mit immer mehr neuem Geld alimentiert werden. Wenn die Konjunktur brummt, hat man dafür ein gutes Argument bzw. die Banken in ihrem prozyklischen Geldschöpfungs-Verhalten sorgen von selbst dafür. Nun muss halt gegebenenfalls von den Notenbanken immer wieder kräftig nachgeholfen werden. Und so verstehe ich die Aussage von Draghi: er wird sich von nichts davon abhalten lassen, dies zu tun. Inflations- und sonstige Bedenken hin- oder her.

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