Zinszauber wirkt: Die perfekt inszenierte Schein-Heiligkeit

17. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

Glosse von Frank Meyer

Da saß sie nun in ihrem dunklen lila Kleid, die mächtigste Frau der Welt… Janet Yellen. Ihre Haare waren wie immer weiß wie ihre Weste. Manch Journalist und Experte sah sogar einen Heiligenschein über ihrer Frisur leuchten…

(Foto: Flickr von DonkeyHotey)

Am Nachmittag des 16. Dezember feuerte eine rote Salve wichtiger Schlagzeilen über die Bildschirme: FED-Chefin hätte ein Auto bestiegen, um damit zur Notenbanksitzung gefahren zu werden. Eigentlich war das nicht nötig, denn sie könnte dorthin auch schweben, spöttelte ein Börsenhändler. Nein, sie taucht dann auch nicht nur auf, sie erscheint. Wahrscheinlich kann sie sogar das Wasser aus dem Hudson River im Handumdrehen in blutroten kalifornischen Barriquewein verwandeln. Ein anderer Journalist meinte, sie lege sich jetzt mit dem Rest der Welt an. Dabei hat sie vielleicht nur das Rennen der Einbeinigen eröffnet, so eine Reaktion darauf. Wer weiß?

Allein schon, weil es so sein könnte, wälzt sich eine handverlesene Schaar der Journalisten mit Vorliebe vor ihrem Tisch im Staub herum und warten auf … auf Worte – die schmecken – wie eine alte Cola eben schmecken kann. Wer als Journalist dann voller Betriebsblindheit und/oder Sorge um die Jobsicherheit etwas anderes sieht, begeht Gotteslästerung!

Was sagte sie? Inflation… Energiepreise… Arbeitsmarkt… Zinsen… aufmerksam… handeln… bereit, wenn nötig… blahhh. Aber es ist schon ein Unterschied, wer so etwas sagt wie es ein Unterschied ist, aus welchem Glas man Wein trinkt.

Frau Yellen sagte viel und auch wiederum nichts. Letzteres ist jedoch nicht aufgefallen. Mein Google-Übersetzungsprogramm hat mir ERROR ausgespuckt. Rechts und links des Texts tauchten Werbebanner für psychologische Hilfe auf. Als ich Frau Siri auf dem IPhone nach dem Sinn der Worte fragte, teilte sie mir mit, es täte ihr leid. Sie verstünde mich nicht. Aus meinem PC quollen Seifenblasen, die unter keinen Umständen platzen wollten. Ich habe sie dann in eine leere Ecke der Wohnung geräumt. Vielleicht holt diesen Sperrmüll ja noch jemand ab.

Wenn Magie alles ist

Mal ehrlich… Das Gerede um diesen Event erreichte in den letzten Monaten ein Stadium der Ekelhaftigkeit. Hebt die FED die Zinsen an? Oder nicht? Und wenn ja, was dann? Wenn nein, wann dann? Das wussten ja nicht mal die FED-Mitglieder. Mit dem Charme rotierender Wegweisern verstopften sie die Sendekanäle und untermauerten im Stundentakt ihr JEIN zu diesem Thema mit immer mehr Sprechdurchfall. Doch jedes Wort wurde auf der Goldwaage gewogen, ohne zu ahnen, dass verbale Seifenblasen nichts wiegen. Aber das gehört zum großen Spiel – wenn man keine andere Waffen hat als Verbalakrobatik. Einer nannte es sogar Verbal-Erotik. Chapeau!

Hurra! Nun hat die FED nach sieben Jahren die Zinswende geschafft bzw. erst einmal das lange angekündigte Zinshüpferchen. US-Geld kostet etwas mehr als zuvor. Aus Verzweiflung? Ich sagte, ich fresse einen Besen, und zwar quer und aus Marzipan, wenn es dazu kommen sollte. Ich Depp! Aber lecker ist es schon! Nun werden die Zinsen bis Ende 2017 neunmal auf 2,25 Prozent steigen… Ha ha ha!

Zu einer Zinswende wird ist es nicht kommen. Dazu müssten die Zinsen auf ein normales Maß gehoben werden. Kann die FED das, ohne den größtmöglichen Schaden anzurichten? Angeblich werden ja 2018 die Zinsen auf einem normalen Niveau liegen. Aber was wird dann normal sein? Das Verrückte?

Wer denkt, dieses leidige Thema der „Zinswende“ gehört jetzt der Vergangenheit an, der wird sich irren. Es geht jetzt richtig los! In den nächsten Monaten oder Jahren wird noch öfters über den nächsten Zinsschritt diskutiert. Dafür werden Millionen Bäume gerodet, um sich auf deren Papier darüber auszulassen. Man wird Milliarden von Sendeminuten vergeuden, ohne ein klares Bild zu bekommen. Kein Wunder, bei so viel Nebel! Experten werden Millionen von Kilometern zurücklegen wollen, um live die Welt der Frau Yellen vor den Kameras zu erklären. Das ist heute Zentralbank-Politik. Diese hat mehr mit Massenpsychologie zu tun als mit normalem Menschenverstand. Was bleibt sonst, außer mit Worten Zeit zu gewinnen, wenn die früheren „Zinswaffen“ stumpf geworden sind. Wenn die FED die Märkte nicht vor sich hertreibt, sieht das Spiel umgekehrt aus.

Ich finde immer wieder witzig, diesem Treiben zuzusehen, wie es die Zentralbanken immer wieder schaffen, die Meute zu unterhalten, Themen zu setzen, Erwartungen zu schüren und gleichzeitig wieder zu enttäuschen. Das ist moderne Notenbankpolitik in Ermangelung weiterer Möglichkeiten – dafür aber perfekt inszeniert mit einer Menge von Fans, die darauf abfahren, ohne auf die Folgen zu achten. Aber sagen Sie das mal einem Fan von Andre` Rieu, wenn Sie ihn vor dessen Musik warnen.

 

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5 Kommentare auf "Zinszauber wirkt: Die perfekt inszenierte Schein-Heiligkeit"

  1. mistkaeferchen sagt:

    DANKE SEEHR GUTER KOMMENTAR, DAS VON IHNEN BESCHRIEBENE TRIFFT ZU AUF DIE FED MISCHPOKE. MIT SARKASMUS UND IRRONIE BESCHREIBEN SIE TREFFEND WAS ABGEHT AN MIST BEI DER FED.

  2. Insasse sagt:

    Nicht, dass ich ein Fan von André Rieu wäre. Ihn aber mit Yellen & Co (nsorten) in einen Topf zu werfen… Das ist nicht nett! Klar, beide liefern Unterhaltung auf, sagen wir, suboptimalen Niveau. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden ist doch aber, dass unter André Rieu nur dessen Fans „leiden“, noch dazu freiwillig. Unter den Zentralbankstern leiden dagegen auch die vielen, vielen Nichtfans und zwar unfreiwillig. Insofern lob ich mir doch den André und stelle hiermit Antrag auf Rehabilitierung. 😉

  3. Argonautiker sagt:

    Es ist sowieso unethisch, wenn eine Handvoll Leute über den Wert des Geldes entscheiden das alle nutzen müssen, anstatt das auch all die an der Entscheidung der Wertigkeit des Geldes beteiligt sind, die es nutzen. Wie praktisch. Wenn das doch jeder könnte. Irgend etwas herstellen, die Anderen dazu verpflichten es nutzen zu müssen, und dann auch noch den Preis dessen vollkommen selbst festlegen, und sich für diese Leistung auch noch feiern zu lassen.

    Diese Selbstbeweihräucherung findet man überall bei den Systemrelevanten. Die Medien feiern sich auf ihren Preisverleihungen am liebsten selbst, die Politiker klopfen sich auf ihren Parteitagen gegenseitig die Schultern blau, und verkünden, daß es allen so gut geht wie noch nie, und die größten Zauberer von allen, feiern sich ebenso jedesmal selbst wenn sie eine Entscheidung getroffen haben, die final meist darauf hinausläuft, die Gelddruckmaschine noch etwas schneller rotieren zu lassen. Und als Mensch weiß man schon gar nicht mehr, welche Ecke man noch vollkotzen könnte.

    Habe ich jetzt eben wirklich Kotzen geschrieben? Ich bitte um Verzeihung, aber mir war gerade so zumute.

  4. bluestar sagt:

    „Ich finde immer wieder witzig, diesem Treiben zuzusehen, wie es die Zentralbanken immer wieder schaffen, die Meute zu unterhalten, Themen zu setzen, Erwartungen zu schüren und gleichzeitig wieder zu enttäuschen.“
    Noch witziger ist zuzusehen wie Politiker das eigene Land und Volk massiv schädigen und dafür von diesem respektiert, verehrt und gewählt werden. Stockholm-Syndrom ist dagegen absolute geistige Gesundheit.
    Absolut witzig sind jedoch Ereignisse wie der CDU-Parteitag, auf dem es von 1000 Menschen
    stehende Ovationen für eine Rede aus Worthülsen, Geschwätz und Propaganda gibt.
    Dummheit, Gehorsam und Unterwürfigkeit sind mittlerweile die wichtigsten Stützen dieser Gesellschaft. Wer nicht mitmacht ist Abweichler, Verschwörungstheoretiker, Pack oder Rechtsradikaler, gegen denen sich das Schwert dieser Diktaturdemokratie richtet.

  5. Ist doch schon sehr erstaunlich wie in den vergangenen Monaten immer wieder darüber spekuliert wurde wann und wie die Fed. die Zinsen anheben. Es wurden auch Horrorgeschichten geschrieben das wenn es soweit ist die Börsen einbrechen werden. Aber was ist passiert. Die Fed hebt in einem Minischritt die Zinsen an und an den Börsen passiert oh Wunder kaum etwas. Was für eine verrückte Börsenwelt.

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