Zinswende und Wendehälse: Nur Gerede

20. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Da saß sie nun vor den Kameras, Janet Yellen, die mächtigste Frau der Welt aus der US-Zentralbank. Genaues wusste sie nicht, tat aber so, als leide sie unter etlichen teils seltsamen Annahmen, was die Zukunft betrifft..

Sie sollte die Zinswende einleiten. Der Wirtschaftssender CNBC hatte dafür extra einen Countdown gestartet. Was passierte? Nichts! Die Zinsrakete blieb stecken, und das trotz des märchenhaften Aufschwungs aus dem Märchenbuch. Ich ahnte doch, da kommt etwas dazwischen. Geld bleibt kostenlos.

An Yellens Dekolleté funkelte eine goldene Kette, worauf sich das Gold erschrak und kräftig anstieg. Ist es nicht unpassend oder sogar etwas zynisch, als Notenbank-Chefin Gold zu tragen? Egal…

Apropos Märchen…Die offizielle Inflation ist zu niedrig, die offizielle Arbeitslosenquote deutet auf Vollbeschäftigung hin oder Vollpfostentum in der Statistikbehörde. Und der Konsum sei robust, natürlich auf Pump. Vielleicht sind Frau Yellen und Kollegen auch misstrauisch den Statistikern gegenüber. Wir werden es nie erfahren.

Nach einer Stunde Pressekonferenz war ich eingeschlafen, bis ich hörte…

„Wir haben beschlossen, die FED zu unsere Tätigkeit einzustellen und unsere Arbeit Ende des Jahres zu beenden. Die Dinge soll künftig der Markt regeln und für ein angemessenes Zinsniveau sorgen.“

Ooops… Ich hatte nur geträumt, nach dem Spektakel im Vorfeld, wenn die FED-Mitglieder abwechselnd der Presse von ihren Halluzinationen höherer Zinsen erzählen. Und jetzt? Daran wird sich auch künftig nichts ändern, denn schon im Oktober oder spätestens im Dezember soll es soweit sein, vermutet man.

Dabei gab es im Dezember noch nie eine Zinsanhebung, da die Bankbücher größtenteils geschlossen sind und es an „Liquidität“ mangelt. Im Oktober ist keine Pressekonferenz angekündigt. Aber man gibt sich flexibel. Nach der Zinsentscheidung ist nun schon wieder vor der Zinswende. Vielleicht gibt es ja sogar eher ein weiteres Aufkaufprogramm für Staatsanleihen, ein QE4? Das wird dann natürlich anders heißen, wenn man den Banken weitere Billionen Basisgeld zukommen lässt. Sprach sie nicht auch von Überlegungen in der FED, Negativzinsen anzubieten?

Wir wissen nicht, ob die FED-Chefin viel weiß oder nur ahnt. Dafür plagen sie viele Annahmen, was die Sache nicht besser macht, sondern undurchsichtiger. Tatsache ist, die FED kommt aus ihrer Null-Nummer mit Null-Zinsen nicht heraus. Die Finanzmärkte sind so abhängig vom Frischgeld wie Junkies vom Rauschgift.

Normale Zinsen würden die Märkte randalieren lassen. Yellen fürchtet sich davor, obwohl sie sagt, es ginge sie nichts an. Dennoch ist sie die mächtigste Frau der Welt und wir sind ihr und ihrem Marketing ausgeliefert. Was soll sie sonst tun? Sie gilt inzwischen als Anwärterin auf den Nobelpreis für Market-Marketing, gleich nach Mario Draghi und Ursula von der Leyen. Dennoch hoffen die Fachleute weiter auf Klarheiten aus den Notenbank. Pustekuchen! Wer das glaubt, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.
Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten (Langfassung)

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