Zinsen im Sinkflug – Comeback des Goldgeldes

23. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die amerikanischen Zinsen sind nach wie vor sehr niedrig. Daran hat bislang auch die letzte Zinsanhebung der US-Zentralbank (Fed) im Dezember um 0,25 auf jetzt 0,5 Prozent nichts geändert. Interessanterweise ist es seither sogar zu einem weiteren Rückgang der Langfristzinsen gekommen. Jüngst haben sich auch die Kurzfristzinsen dieser Entwicklung wieder angeschlossen.

Die Zinssituation in den Vereinigten Staaten von Amerika ist symptomatisch für das Zinsumfeld in allen anderen entwickelten Volkswirtschaften der Welt: Die Zinsen sind auf oder nahe Rekordtiefständen. In Deutschland und in Japan sind beispielsweise die 10-jährigen Renditen der Staatsanleihen bereits unter die Nulllinie gefallen, d.h. die Renditen sind negativ geworden.

polleit-2016-07-22-1

Steigende Vermögenspreise

Der weltweite Zinsverfall hat Folgen. Zum Beispiel befördern die niedrigen Zinsen die Vermögenspreise in die Höhe – wie etwa im Aktienmarkt. Das liegt zum einen daran, dass die künftigen Gewinnzahlungen der Unternehmen mit einem geringeren Zins abdiskontiert werden. Das erhöht den Barwert der Gewinne und lässt die Aktienkurse steigen.

polleit-2016-07-22-2Zum anderen liegt es daran, dass niedrigere Zinsen die Fremdkapitalkosten der Unternehmen absenken. Dadurch fallen die Gewinne höher aus. Hinzu kommt, dass es für Unternehmen attraktiver wird, Eigen- durch Fremdkapital zu ersetzen. Dadurch wiederum können sie ihre Eigenkapitalrendite erhöhen, was sich ebenfalls in steigenden Aktienkursen niederschlägt.

Die extrem niedrigen Zinsen haben aber vor allem noch eine wichtige Konsequenz: Sie senken die Attraktivität von Giroguthaben sowie Termin- und Spareinlagen, die bei Banken gehalten werden, gegenüber dem Halten von Gold herab. In den letzten Jahrzehnten konnten Sparer und Investoren eine Rendite auf Bankguthaben erzielen, die nach Abzug der Inflation meist (leicht) positiv ausfiel. Allein aus diesem Grund hatten Bankguthaben einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Gold (und Silber), die bekanntlich keine Zinsen abwerfen.

Gold: 10.000 Dollar?

Doch die Verzinsung von Bankguthaben ist nun passé, und deshalb ist der entscheidende Wettbewerbsnachteil von Gold (und Silber) als Alternative zu Bankguthaben weggefallen. Besonders offensichtlich wird das mit Blick auf Termin- und Spareinlagen, die üblicherweise gehalten werden, weil der Sparer mittelfristig (relativ) liquide Mittel zu halten wünscht. Genau für diese Anlageform bietet es sich nun an, sie (zumindest zu einem Teil) in Gold zu halten.

Das Gold hat zudem den Vorteil, dass es – anders als Bankguthaben – keinem Kreditausfallrisiko unterliegt. Außerdem kann die Kaufkraft des Goldes nicht durch politische Willkürakte herabgesetzt werden. Insofern ist das gelbe Metall auch eine Versicherung des Portfolios gegen die Widrigkeiten des ungedeckten Papiergeldsystems – die vor allem im Euroraum immer offensichtlicher zutage treten.

polleit-2016-07-22-3

An dieser Stelle sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass insbesondere der Euro-Bankensektor nach wie vor unter Druck steht – wie die gesunkenen Aktienkurse und die gestiegenen Kreditausfallsorgen zeigen. Greift die Politik im Zuge der Bankensanierung zum vorgesehenen „Bail in“ – beteiligt sie also die Halter von Bank-Schuldpapieren an der Verlustdeckung –, so stehen Sparern und Anlegern mitunter große Zahlungsausfälle ins Haus. Schmeißt die EZB die elektronische Notenpresse an, um die Banken zu sanieren, droht natürlich ein Kaufkraftverlust des Euro nach innen und außen.

Institutionelle Goldnachfrage

Auch und gerade für intentionelle Investoren können die Edelmetallmärkte natürlich von Interesse sein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab eines einen fulminanten Rohstoffpreis-Boom. Die Aussicht auf künftige Preiszuwächse ermunterte viele institutionelle Investoren, in Rohstoffe – direkt oder indirekt (über Exchange Trade Funds (ETFs)) – zu investieren.

polleit-2016-07-22-4

Mit dem Ende des Rohstoffpreis-Booms, der ab etwa Mitte 2008 einsetzte, hat sich jedoch die Attraktivität von insbesondere Gold und Silber merklich verbessert. Denn seither sind die Zinsen weltweit auf Talfahrt. In der Tat hat die Gold-Nachfrage über ETFs darauf reagiert. Die nachstehende Grafik zeigt die Entwicklung der Goldbestände der Exchange Traded Funds (ETFs) seit Anfang 2007, zusammen mit der Entwicklung der kurzfristigen US-Zinsen. Man erkennt einen negativen Zusammenhang: Fallen die Zinsen, steigt die Gold-ETF-Nachfrage – und umgekehrt.

polleit-2016-07-22-5

Dieser Zusammenhang ist – bei genauem Nachdenken – nicht wirklich überraschend. Denn ist der Zins niedrig, wird das Halten von Gold attraktiv(er): Dem Halter entgehen dann nur geringe Zinserträge, die er andernfalls mit dem Halten von zum Beispiel festverzinslichen Papieren oder Bankeinlagen hätte erzielen können. Entsprechend nimmt die Goldnachfrage ab, wenn der Zins steigt: Wer Gold hält, dem entgehen schließlich Zinserträge.

Interessanterweise besteht aber nicht nur zwischen den Beständen der Gold-ETFs und den US-Kurzfristzinsen ein recht enger (negativer) Zusammenhang, sondern einen ähnlich engen (nun aber positiven) Zusammenhang gibt es auch zwischen den Gold-ETF-Beständen und dem Goldpreis (in USD/oz): Eine Zunahme der Gold-ETF-Bestände ist einhergegangen mit einem steigenden Goldpreis – und umgekehrt.

Was man aus dem bisher Gesagten ableiten kann, ist das Folgende: (1) das Zinsumfeld hat in erheblichem Maße die Nachfrage nach Gold-ETFs bestimmt, zumindest in der kurzen Frist, und (2) die zinsreagible Nachfrage der Gold-ETFs (die nicht nur, aber vor allem auch von institutionellen Investoren angetrieben sein dürfte) scheint einen besonders bedeutenden Einfluss auf den Goldpreis ausgeübt zu haben.

Zinsführerschaft der Zentralbanken

Vor diesem Hintergrund des bisher Gesagten sollte sich der Edelmetallinvestor genauer mit der Frage beschäftigen: Werden die Zinsen dauerhaft niedrig bleiben (können), oder muss man nicht doch mit künftig wieder steigenden Zinsen rechnen? – Üblicherweise wird der Marktzins erklärt durch das Angebot von und die Nachfrage nach Krediten, etwa in Form von Anleihen.
Im einfachsten Fall setzt sich der nominale Marktzins zusammen aus dem „Realzins“, einer Kreditprämie und einer Prämie für die künftig erwartete Inflation. Im „Normalfall“ würde man erwarten, dass der nominale Marktzins positiv ist. Er kann jedoch auch negativ werden, und zwar dann, wenn die Inflationsprämie stark negativ wird (und das kann bei Deflationserwartungen durchaus der Fall sein).

Mittlerweile sind die Zinsmärkte jedoch keine freien Märkte mehr, sondern sie werden maßgeblich von den Zentralbanken gesteuert. Letztere haben die Kurzfristzinsen (die sie üblicherweise bestimmen) auf extrem niedrige Niveaus geschleust. Das zieht auch tendenziell die Zinsen für langlaufende Anleihen nach unten (und zwar im Zuge der sogenannten Zinsarbitrage).

Doch die Zentralbanken haben noch weiter in die Zinsbildung eingegriffen, indem sie langlaufende Anleihen kaufen beziehungsweise in Aussicht stellen, sie zu kaufen. Man nehme nur einmal die Europäische Zentralbank (EZB). Sie kauft Staatsanleihen. Dadurch fällt die Nachfrage nach Anleihen logischerweise höher aus im Vergleich mit einer Situation, in der sie keine Anleihen aufkauft. Steigende Anleihekurse bedeuten, dass die Renditen fallen.

Die Zentralbank kann die Rendite der Anleihen quasi auf die Nachkommastelle festlegen. Wenn sie beispielsweise als Käufer einer Anleihe auftritt und einen Kaufpreis von 100 Euro bietet, wird der Marktkurs der Anleihe sich bei 100 Euro einstellen. Niemand wird bereit sein, eine Anleihe für weniger als 100 Euro zu verkaufen – denn wenn er an die EZB verkauft, erhält er 100 Euro. Die Anleihekäufe der EZB laufen folglich auf eine Mindestpreispolitik, auf eine Politik der Zinsobergrenze für Schuldpapiere hinaus.

Hinzu kommt, dass die EZB den Einlagenzins (das ist der Zins für Überschussguthaben, die die Geschäftsbanken bei der EZB halten) auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken versuchen, dem Strafzins zu entkommen. Dazu fragen sie Anleihen nach, treiben deren Kurse nach oben, und die Renditen fallen. Die Nachfrage nach Anleihen steigt theoretisch so weit an, bis die Renditen der Papiere (mit bester Bonität) auf dem Einlagenzins angekommen sind.

polleit-2016-07-22-6

Die nachstehende Grafik zeigt die Entwicklung der (vor allem seit Mitte 2008) fallenden Marktzinsen und der EZB-Anleihekäufe, die sich in einem Anschwellen der Bilanzsumme der Euro-Zentralbanken niederschlagen. Das Geheimnis der niedrigen Zinsen dürfte damit gelüftet sein. Es ist die EZB, im Verbund mit allen übrigen Zentralbanken, die für einen Zinsverfall sorgt… (Seite 2)

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , , ,

4 Kommentare auf "Zinsen im Sinkflug – Comeback des Goldgeldes"

  1. Argonautiker sagt:

    „Außerdem kann die Kaufkraft des Goldes nicht durch politische Willkürakte herabgesetzt werden.“

    Potzblitz, wieso dieser Autor immer weiter an diesem Irrtum festhält, ist mir schleierhaft? Natürlich kann politische Willkür ein Goldverbot einführen, war ja alles schon da. Politische Willkür kann selbst den privaten Besitz von Gold für strafbar erklären, und Trupps losschicken, welche jeden einzelnen Haushalt durchsuchen und alles was Gold und Silbrig ist, konfiszieren. Ist ja nicht so, als hätte es das noch nie gegeben.

    Mit Willkür und genügend Brutalität kann man so ziemlich alles machen, was man derzeitig ja auch ständig und überall sieht, indem sich scheinbar mal wieder aller Herrscher, und deren willfährigen Gehilfen, als GesetzesGEBER, und damit als Götter, anstatt als Hüter der Gesetze der Wirklichkeit verstehen. Das abpressen von Steuern, die Freiheitsberaubung, das Erteilen von Denk und Sprachverboten, ja selbst das Morden, und der Auftragsmord ist doch wieder politischer Alltag geworden.

    Klar hat jeder Wahn ein Ende, denn an der Wirklichkeit kommt man auf Dauer nicht vorbei. Ich halte das jedoch für eine ebenso gefährliche Ideologie, daß wenn man in Gold oder Silber geht, die Welt auf einmal wieder Gesund ist und einem nix passieren kann. Jegliche Währung, währt eben maximal nur so lange, wie man an sie glaubt, Und wie man sieht, kann man mit genügend Willkür und Brutalität jeden zu jeglichem Glauben zwingen, außer derjenige zieht den Tod vor, wobei ihm dann auch kein Gold der Welt mehr was nützt.

    Keine Materie der Welt hat aus sich auch nur irgendeinen Wert.

  2. Dis Pater sagt:

    Zitat:
    „Politische Willkür kann selbst den privaten Besitz von Gold für strafbar erklären, und Trupps losschicken, welche jeden einzelnen Haushalt durchsuchen und alles was Gold und Silbrig ist, konfiszieren.“

    Na ja, für strafbar erklären vielleicht, aber jetzt mal im Ernst…..Trupps losschicken, welche jeden einzelnen Haushalt durchsuchen und alles was Gold und Silbrig ist, konfiszieren????

    Mit welchem Personal?
    Dem Zoll fehlt Personal, um auf Baustellen wirksam gegen Schwarzarbeit vorzugehen und dort regelmäßig zu kontrollieren. Die Polizei ist hierfür auch nicht ausreichend genug aufgestellt, um „jeden Haushalt“ zu durchsuchen, mal ganz abgesehen davon, dass es hierfür keine Rechtsgrundlage gibt.
    Hmmm, wer könnte denn sonst noch kommen? Irgendwelche Betreuer von Jugendämtern, Zettelhexen (Politessen) Landratsamt-Vertretern, GEZ-Fuzzis und anderen?
    Denen schmeiß ich die Tür vor der Nase zu und zeig ihnen den gestreckten Mittelfinger.
    Vielleicht noch die Bundeswehr.
    Die Truppe ist ja auch nicht gerade üppig aufgestellt.

    Zudem würden sich Hausdurchsuchungen ruck-zuck rumsprechen.

    Mag sein, dass es Leute gibt, die ganz offiziell riesige Mengen Gold und Silber kaufen, hierbei registriert werden und somit auch ganz einfach nachvervollgbar sind.
    Die sind eben selbst schuld.
    Jeder, der nicht komplett unmöbliert im Oberstübchen ist, wird das eher regelmäßig, anonym und unterhalb der 15.000 Euro-Grenze tun.

    • Argonautiker sagt:

      Nun wenn man es legalisieren würde, daß man den privaten Besitz von Gold illegalisieren würde, dann bräuchte man sich doch über die Finanzierung und Rekrutierung von schlagkräftigen Leuten die das umsetzen, keine Sorgen machen.

      Es ist ja nicht so, daß das Gold dann wertlos wäre, und wenn das Wegnehmen aus dem Privatbesitz dann legal wäre hätte man ja dann auch einen legalen Fundus um entsprechende Löhne zu zahlen.

      So fremd ist das ungefragte Wegnehmen für den Staat ja nun mal nicht, oder fragt man Sie, ob, und wieviel Steuern Sie zahlen wollen? Und wenn Sie das nicht tun, finden sich dann nicht Leute, die dann vorbeikommen und Sie pfänden, oder gar ihrer Freiheit berauben, und einsperren?

  3. Quax-v-Baden sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Polleit,
    mich treibt seit einiger Zeit folgende Frage um : “ Was würde passieren, wenn die Zentralbanken weiter Anleihen und später evtl. auch Aktien kaufen und dann, einige
    Zeit später, auf die Rückzahlung einfach verzichten (oder stunden auf ewig ohne Zins) ?
    Meines Erachtens würde da in der breiten Masse gar nichts passieren und die, die diesen
    „Raub“ erkennen, haben keine oder zu wenig Macht diesen Irrsinn zu beenden oder zu ahnden. Rechtsfolgen hat es ja für frühere Rechtsbrüche bisher auch nicht gegeben.
    Damit dann doch letztendlich der größte Raubzug der Geschichte gelungen – oder ?
    Vielen Dank schon mal für Ihre – oder die Antwort anderer Blogleser

    Quax-v-Baden

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.