Zinsen, Dividenden und jede Menge Hoffnung

30. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Dividenden sind die neuen Zinsen, so lautet das neue Mantra der Fondsverkäufer. Der Irrglaube an die immer und ewig einzig richtige Assetklasse treibt auch in den Medien wieder ihre Blüten. Und so kaufen wieder alle ihre Winterjacken in der Hochsaison…

Viele Äußerungen zum Aktien- und Anleihenmarkt sind eher blass und zeugen von oft erschreckend geringer Detailskenntnis. Nun kann man bekanntlich nicht nur an der Börse auch ohne Fachkenntnisse viel Geld gewinnen, allerdings sind dafür die oft haarsträubenden Begründungen für jede noch so unbedeutende Kursbewegung überflüssig.

Die Verklärung von Dividenden zu einer Art neuer Zinskupons ist eine Umdeutung der gefährlicheren Art. Das heißt nicht, dass Aktien oder Bonds generell besser oder schlechter sind. Eine Aktie ist aber etwas völlig anderes als eine Anleihe, mit allen Vor- und Nachteilen.

Nur weil man über die teils grotesken Niveaus an einigen Anleihemärkten bestenfalls noch schmunzeln kann, wird aus der Aktienbewertung nicht zwangsläufig und überall ein Schnäppchenlevel. Schlussendlich kauft man sich heute die Cash Flows von morgen, beziehungsweise die Hoffnung auf die Cash Flows von morgen.

So darf man neben vielen anderen Dingen verwundert zur Kenntnis nehmen, wie sich gleichzeitig der Trend zum passiven Investieren breitmacht (für viele eine gute Idee) die Tendenz alles zu wissen aber zumindest in den Medien dennoch nicht zurückgeht. Immer mehr Leute wissen also immer mehr, investieren aber verstärkt so, als wären sie sich bewusst, dass sie nichts wissen. Wundervoll! Möglicherweise ist das Erklären der SAP-Zahlenwerke anhand des Bartwuchses des Oracle-Meisters Larry Ellison aber auch nur der letzte Ausläufer des Entertainment-Arms der Finanzbranche, der seit der Jahrtausendwende im Sterben liegt.

Nach dem ausgeprägten Bullenmarkt der letzten Jahre muss doch endlich mal wieder der Funke über- und die Quote anspringen. Aber diese Quote weigert sich hartnäckig. Daran ändert auch der Sonderbeitrag über den Kometen, der den Dinos auf den Schädel gefallen sein soll, nichts. Auch die Schwerarbeiter auf Goldsuche in Alaska können den Boden der so genannten Aktienkultur nicht so recht lockern. So richtig überraschen kann das nicht, denn es wohl wenige Themen, die auf Partys sicherer den schnellen Gesprächstod einläuten als Finanzthemen. Daher hilft wohl nur das neue Dogma der Alternativlosigkeit der Aktienanlage. Der Europäer aber weiß: Wenn es alternativlos wird, wird’s teuer.

So manche vermeintlich alternativlose Alternative ist neben all ihrer Alternativlosigkeit auch noch ziemlich volatil. Dazu gehört der Dividendenstrom.

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Nun muss wegen einigen Unternehmen, die ihre Ausschüttungen kürzen, niemand in Tränen ausbrechen. Es gibt ja auch deutliche Dividendensteigerungen anderer Firmen. Schlussendlich müssen die Cash Flows aber langfristig mit den Ausschüttungen mithalten. Wenn Anleihen verkauft werden, um damit Aktien zurückzukaufen oder auch um die Gelder direkt auszuschütten, darf man das als deutliches Warnzeichen ansehen.

Mit den Zyklen der Finanzmärkte wandeln sich auch die Themen. Mal sind Aktien tot, wie zu Beginn der 80er, dann muss man Aktien angeblich immer und überall haben, dann doch wieder nie. Für den einen muss man Bonds auch bei negativen Renditen kaufen, der andere betont den risikosenkenden Beitrag des faulen Apfels auf den gesamten Obstkorb. Je wo der Index gerade steht, hat die eine oder andere Seite medial Oberwasser. Vergessen wird, dass es keine guten oder schlechten Assetklassen sondern nur gute und schlechte Einstiegspunkte gibt.



So ist Coca Cola nicht deshalb ein gutes Investment, weil Buffet damit viel Geld verdient hat. Gut wird ein Investment durch die Kombination der Qualität des Investments und eines attraktiven Einstiegszeitpunkts. Für alle technisch orientierten Trader sieht die Welt anders aus, aber diese halten sich dankbarerweise bei der Erfindung fantasievoller Kausalketten zurück und arbeiten gemäß ihres Ansatzes konsistent.

Am Beispiel IBM lässt sich das Thema Einstieg und Ergebenis verdeutlichen. Wer die Papiere 2001 erworben hat liegt seither (alle folgenden Daten verstehen sich inklusive Dividenden) etwas mehr als 50% vorne. Das ist nicht schlecht, aber natürlich deutlich schlechter als die 120%, die selbst ein eher harmloses Portfolio mit Unternehmensanleihen gebracht hat. Hatte man Geduld und kaufte die Aktien etwas später nach den deutlichen Kursrückgängen der Jahrtausendwende, sieht die Rechnung anders aus.

Seit 2003 legte das Depot seither um mehr als 250%. Die Wartezeit haben wir der Einfachheit halber als zinslose Warteperiode gewertet. Das zeigt, dass es sehr wohl rentabel sein kann, ein paar Jahre auf Einnahmen zu verzichten um auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. An diesem Bild ändert sich auch durch negative Zinsen fast nichts, der Effekt ist marginal. Die Kosten der negativen Zinsen über mehrere Jahre nehmen sich im Vergleich zur täglichen Vola mancher Aktie geradezu lächerlich aus.

Die folgende Grafik zeigt die Effekte verschiedener Kaufzeitpunkte auf das Gesamtresultat.

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Wie heikel es werden kann, wenn eine Story heißläuft und jeder noch schnell sein Geld dieser Story hinterherwerfen muss, ist nicht nur von zahlreichen „Themenzertifikaten“ für Privatanleger bekannt. Auch Segmente wie die Emerging Markets, so interessant die Thematik sein mag, schützen nicht vor der Notwendigkeit, auf einen guten Einstiegszeitpunkt zu warten. Nun ist das Warten nicht jedermanns Sache, allerdings wird es in der Regel gut bezahlt. Wer ungeduldig ist, kann sich das Warten ja zur bezahlten Arbeit umdeuten.

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Wer allzu arglos den Predigten manches Finanzprodukt-Verkäufers folgt, zahlt auch zukünftig neben Gebühren alles Jahre wieder ein hohes Lehrgeld. Wer hat eigentlich das Wort „Bankberater“ erfunden? Gehen die Menschen auch zum Autoberater?



 

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2 Kommentare auf "Zinsen, Dividenden und jede Menge Hoffnung"

  1. Skyjumper sagt:

    Zu Zeiten als Daimler noch ein solides Unternehmen war (viel weniger Leasing“verkäufe“ als heutzutage) hatte die Aktie ein KGV zwischen 5 und 8. Je nachdem wie die Aktie gerade drauf war.
    Aktuell liegt das 2015er KGB bei rund 13. Für mich kein wirklich gesundes Maß mehr.

    Das letzte Mal kaufte ich die Aktie als sie im Zuge der Lehmankrise bei 19,- € stand. Verkauft habe ich bei 28,- €. Der Erlös reicht mir um zu warten bis die Kanonen wieder mal gedonnert haben. Dass das unter dem Gesichtspunkt einer Anlageoptimierung eine Milchmädchenrechnung ist stört mich dabei kein bißchen.

  2. TobiB sagt:

    Absolut, bei manchen Bereichen sind die Bewertungen am Aktienmarkt schon etwas extrem geworden, selbst viele Zykliker sind (bei guter Konjunktur) mit hohen KBV/KGV bewertet. Letztendlich hängt es aber tatsächlich auch am Zinssatz – wenn die EZB erfolgreich die Inflation und Konjunktur in Europa ankurbelt, aber die Zinsen zugunsten der Staaten länger niedrig hält, dann sind wahrscheinlich Aktien und Immobilien tatsächlich die beste Wahl (abgesehen von den möglichen Problemen be Staatsanleihen nachdem Griechenland wahrscheinlich in die Pleite rutscht). Man muss nur immer genauer hinschauen, um nicht den größten Schrott ins Depot zu legen…

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