Ziemlich beste Feinde

21. März 2018 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Die Älteren unter unseren Lesern kennen vermutlich noch das Spiel „Vier gewinnt“. Gewonnen hat, wer als erster vier Spielsteine in einer Reihe platzieren konnte. Politiker denken da eher in Amtszeiten. Nachdem die deutsche Bundeskanzlerin gerade in die vierte Amtszeit gestartet war, zog der russische Präsident Wladimir Putin gleich.

Der zum Lieblingsgegner der westlichen Leitmedien und der mutmaßlich dahinter stehenden Kräfte aufgebaute russische Staatschef ist nun ebenfalls in seiner vierten Amtszeit. Wer von beiden dabei die Nase vorn hat, ist gar nicht so leicht zu entscheiden, aber letztlich auch egal: Einerseits ist Putins Vierer-Reihe streng genommen durch die Jahre 2008 bis 2012 unterbrochen, als er nur Ministerpräsident des Landes war, andererseits wurden genau in jener Zeit – ein Schelm wer Böses denkt – künftige Amtszeiten von vier auf sechs Jahre verlängert, weshalb Putin im einflussreichsten Amt seines Landes inzwischen schon zwei Jahre mehr auf dem Buckel hat.

Bedeutsamer ist dagegen der Eifer, mit dem schon im Vorfeld der Wahl gegen Russland verbal geschossen wurde. Der Giftgasanschlag auf einen ehemaligen Doppelagenten und dessen Tochter in Salisbury wurde ohne eine auch nur annähernd stichhaltige Beweiskette, dagegen aber in der rechtsstaatlichen Tradition der Vorverurteilung den Russen in die Schuhe geschoben. Nach der Wahl wurden zudem bittere Krokodilstränen über das Leiden der russischen Menschen vergossen, weil das Land unter – gemeint ist wegen – Putin angeblich eine schlimme wirtschaftliche Entwicklung genommen habe. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass Russland seit Jahren mit Wirtschaftssanktionen belegt ist, dass die Spitzensteuersätze dort nach hiesigen Maßstäben geradezu frivol niedrig sind und der russische Staat dennoch beneidenswert niedrig verschuldet ist.

Dass man aus Glashäusern nicht mit Steinen werfen sollte, gehört zu den vielen Weisheiten, die im Westen mittlerweile weitgehend verdrängt wurden. Durch die hierzulande praktizierten Konzepte Umverteilung und Verschuldung wurde jedenfalls noch keine Volkswirtschaft auf einen dauerhaften Wachstumspfad gebracht. Das Thema Russland erscheint uns in all seinen Facetten so spannend und interessant, dass wir uns damit in der Druckversion des Smart Investor demnächst etwas genauer auseinandersetzen wollen. Die Moskauer Börse gehört zudem aufgrund des politischen Abschlags zu den weltweit preiswerten.

Lust am Untergang

So wie einige Weisheiten hierzulande in Vergessenheit geraten sind, so hat man in Politik und Verwaltung offenbar auch jeden Bezug zu den Quellen des einstigen Erfolgsmodells Deutschland verloren. Kleiner Hinweis: Das Land ist nicht aufgrund seiner ausgefeilten Gender Studies zu einer der führenden Wirtschaftsnationen aufgestiegen. Eine der deutschen Vorzeigebranchen war dagegen die Autoindustrie, die seit dem Dieselskandal massiv unter Beschuss steht.

Selbstverständlich ist Betrug zu ahnden. Und ebenso selbstverständlich kann es keinen Pardon geben, wenn arglose Kunden auf vermeintlich bauernschlaue Art zu Hundertausenden von den schwarzen Schafen der Branche über den Löffel gezogen werden. Da geht es nicht nur um den Einbau von Schummel-Software. Ein derzeit kaum thematisiertes Ärgernis sind beispielsweise auch die Verbrauchsangaben. Gibt es tatsächlich auch nur eine Handvoll Autofahrer im Lande, deren Fahrzeug tatsächlich nur das verbraucht, was der Hersteller angibt? Oder gar weniger?

Auch hier hat sich eine augenzwinkernde Kumpanei und Schönfärberei zu Lasten der Verbraucher etabliert, die durchaus etwas über die Macht der Industrie und die Ohnmacht der Verbraucher aussagt – mit richterlichem Segen, welche Abweichungen nach oben die hochverehrte Kundschaft hinzunehmen habe. Auch da gehört mit dem „eisernen Besen“ gekehrt. Die Verve aber, mit der in der Dieselaffäre derzeit draufgeschlagen wird, wäre ohne den deutschen Hang zu Selbsthass und Selbstzerstörung kaum vorstellbar.

Dass Pragmatismus und Verhältnismäßigkeit gegenüber der heiligen Prinzipienreiterei im Lande stets den Kürzeren gezogen haben, kann ebenfalls kaum bestritten werden. Das zeigt die absurd-hysterische Grenzwertdebatte, die faktisch das wirtschaftliche Aus für die Dieseltechnologie in Deutschland bedeutet. Es dürfte – außer dem deutschen Atomausstieg – nicht viele Beispiele geben, in denen sich eine Nation selbst aus einer Technologie gekickt hat, in der sie zuvor weltweit führend war.

Nun könnte man es sich leicht machen und alleine auf eine Handvoll undurchsichtiger NGOs verweisen, die Industrie, Politik und Justiz in der Sache vor sich hergetrieben haben, indem sie durch buchstabengetreue Anwendung fragwürdiger Vorschriften, jeglichen Pragmatismus bereits im Vorfeld kategorisch abwürgten. Tatsächlich scheint das Problem hier aber tiefer zu liegen. Denn die Auto-Industrie hat – um es martialisch auszudrücken – den Feind in Form der Politik mittlerweile fest im eigenen Land stehen. In den USA oder Frankreich, wäre es kaum vorstellbar, dass Politik und Verwaltung den Schlüsselindustrien des Landes derart in die Parade fahren.

Während naive Zeitgenossen noch an Zufall glauben mochten, als just am Tag der Bilanz-Pressekonferenz der Audi AG am 15. März 2017 Firmenzentrale und einzelne Standorte einer Razzia unterzogen wurde, wiederholte sich dieses Schauspiel nun auf fast identische Weise bei der BMW AG – gestern Razzia, heute Bilanz-Pressekonferenz. Da geraten die Rekordzahlen schnell in den Hintergrund. Und wer das nun für konstruiert hält, der behalte bitte im Hinterkopf, dass die Staatsanwaltschaften, die diese Razzien veranlassen in Deutschland – in Durchbrechung des Prinzips der Gewaltenteilung – weisungsgebunden sind.

„Mr. DAX“ hautnah

Am Montag hatten wir das große Vergnügen, einem knapp zweistündigen Vortrag von Dirk Müller, alias „Mr. DAX“, im Rahmen des European Finance Forum e. V. in der Hauptverwaltung der Bundesbank in Bayern zu lauschen. Unabhängig vom aktuellen Ränkespiel um den Diesel geht Müller davon aus, dass diese Technologie ohnehin bereits tot sei. Ein Schicksal, das perspektivisch auch den Benziner ereilen werde.

In beiden Bereichen zeige sich die herausragende Kernkompetenz der deutschen Automobilindustrie (Motor, Getriebe/Antriebsstrang), die auch für deren positives Markenimage gesorgt habe. All das verliere mit dem Aufkommen von Sharing-Modellen und der Elektromobilität an Bedeutung. Insbesondere bei der Elektromobilität sei Deutschland vergleichsweise schwach aufgestellt. So gebe es hierzulande nur einen Bruchteil der Ladepunkte von China, das in diesem Bereich weit vorgeprescht ist. Dabei wäre ein flächendeckender Ausbau der Ladestruktur für vergleichsweise kleines Geld zu haben.

Wer nun aber glaube, dass Deutschland den Anschluss an die Mobilität der Zukunft vollkommen verpasst habe, der sollte noch einmal genauer hinsehen. Denn die großen Autounterbauer haben zusammen mit den großen Ölkonzernen unter weitgehendem Desinteresse der Öffentlichkeit den sogenannten „Hydrogen Council“ gegründet, der die Wasserstofftechnologie als Antriebstechnik voranbringen soll. Hier wären die ausgefeilten Motor- und Getriebekonzepte der deutschen Automobilindustrie weiter von Nutzen. Möglicherweise handelt die deutsche Autoindustrie sogar nach einer von Sunzi beschriebenen Kriegslist: „Gib vor, schwach zu sein, damit der Gegner überheblich wird“.

Dumm sind die Manager und Ingenieure der deutschen Vorzeigebranche jedenfalls ganz sicher nicht. Apropos China: Hier sieht Müller die größte Blase aller Zeiten und zeigte sich überzeugt, dass steigende US-Zinsen das chinesische Kartenhaus zum Einsturz bringen werden. Schon jetzt verlasse das Kapital fluchtartig das Land, wobei massenhaft auch zunehmend unsinnige Investitionen getätigt werden, sofern sie nur außerhalb Chinas liegen. Ebenfalls sorgenvoll sah Müller in diesem Zusammenhang auf die Zahlungsschwierigkeiten chinesischer Mega-Konzerne wie der HNA Group. Trotz einer grundsätzlich optimistischen Sichtweise angesichts künftiger technologischer Fortschritte, kann es also an den Märkten jederzeit noch einmal ziemlich ungemütlich werden.

Zu den Märkten

In dieser Rubrik wollen wir heute das Hauptthema dieses SIW noch einmal aufnehmen und sehen uns die charttechnische Situation der BMW-Aktie etwas genauer an: Im oberen Teil ist der Kursverlauf der Aktie zu sehen, im unteren Teil die Umsätze und die Relativbewegung zum DAX-Kursindex.

Wir wählen hier bewusst nicht den Performance-Index, da auch der Aktienchart nicht um Dividendenzahlungen bereinigt ist. Allerdings ergeben sich in der Aussage ohnehin nur geringfügige Differenzen. Ihr absolutes Top erreichte die BMW-Aktie bereits im März 2015, also ein halbes Jahr, bevor der erste Teil des Dieselskandals den Volkswagen-Konzern einholte. Gegenüber dem DAX-Kursindex wurde im März 2015 ebenfalls das Allzeithoch verzeichnet; im Vergleich zum DAX-Performanceindex (hier nicht abgebildet) wurde es bereits im Oktober 2002 erzielt, also knapp 16 Jahre früher.

Obwohl der Auftakt des Dieselskandals zunächst ein reines VW-Thema war, kamen Autoaktien in den letzten zweieinhalb Jahren insgesamt aus der Mode. Allerdings blieb – wie auch die heutige Bilanz-Pressekonferenz von BMW einmal mehr verdeutlichte – der vorhergesagte Absturz der Branche bislang aus. Falls die deutschen Autobauer die Zukunft tatsächlich verspielt hätten, wie sogar schon im November 2016 in der ARD-Dokumentation „Autoland abgebrannt“ behauptet wurde, sollte da die Börse nicht langsam den Braten gerochen haben?! Wir mögen kaum glauben, dass die Marktteilnehmer von Diesel und Feinstaub derart benebelt sind, dass sie schlicht den Durchblick verloren haben. Selbst die jüngste Mischung aus bemerkenswert guten Vergangenheitszahlen, verhalten positivem Ausblick und den Durchsuchungen der Konzernzentrale konnte BMW per Saldo nicht aus der Spur bringen.

Relativ zum DAX ist die Aktie in den letzten Monaten sogar leicht angestiegen (vgl. Abb., unterer Teil, gelbe Markierung). Allerdings drängt sich BMW als Anlage trotz der günstigen Bewertung nicht auf. Denn Zykliker, zu denen die Autoaktien ohne Zweifel gehören, sind eher unattraktiv, wenn sie auf Basis des KGVs preiswert aussehen, weil dieser Kennzahl Gewinne zugrunde liegen, die sich in einer schwierigeren Konjunktur regelmäßig als nicht nachhaltig erweisen. Auch kann die relative Betrachtung in einem mutmaßlich weiter eher schwachen Gesamtmarkt in die Irre führen (vgl. SIW 11/2018, Abschnitt: „Im Auge“ der rechten Schulter?). Es ist eben nicht alles relativ. Und absolut kämpft die Aktie gerade mit ihrem achtjährigen Aufwärtstrend (rote Gerade) und dem gleitenden 200-Tage-Durchschnitt (blaue Linie, obere gelbe Markierung). Während das Potenzial nach oben begrenzt erscheint, könnte ein Unterschreiten dieser Marken eine frische Verkaufsdynamik motivieren.

Fazit

Auch wenn wir in München der Bayernwahl im kommenden Herbst ebensolche Bedeutung zumessen, wie der bundesdeutschen vom September 2017 und der russischen vom vergangenen Wochenende, sind die Karten nun erst einmal wieder gemischt und ausgeteilt. Die „ziemlich besten Feinde“ bleiben sich dabei gegenseitig erhalten.
© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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