Zentralbanken als Aktionäre – keine gute Idee

7. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Der Erwerb von Aktien durch Zentralbanken ist ein sehr schwerwiegender Eingriff in die Marktwirtschaft. Hier und da war jüngst zu hören, die Europäische Zentralbank (EZB) erwäge, vielleicht künftig auch Aktien (in Form von ETFs) zu kaufen. Dies biete ihr eine weitere Möglichkeit, um die Geldmenge auszuweiten.

Kauft die EZB zum Beispiel einen Aktienindex-ETF an der Börse, dann bezahlt sie den Kaufpreis mit neu geschaffenen Euro. Die auf diese Weise ausgeweitete Euro-Geldmenge treibt nachfolgend die Preise in die Höhe, so die Überlegung.
Beim Kauf eines Aktienindex-ETFs wird die Zentralbank nicht, wie man zunächst meinen könnte, Teileigentümer der Unternehmen. Sie partizipiert vielmehr nur an der Wertentwicklung des Aktienindexes. Der Kauf eines Aktienindex-ETF durch die Zentralbank löst dabei jedoch eine Transaktionskette aus, hinter der sich üblicherweise ein oder mehrere Swap-Geschäft(e) verbergen. Ein Mitspieler in dieser Kette wird letztlich die Aktien zu Absicherungszwecken direkt erwerben. Vermutlich wird es eine Großbank sein.

Die Aktien werden also erworben, nicht weil die Bank sich unternehmerisch betätigen will, sondern weil sie ihre Zahlungsverbindlichkeiten, die sie im Swap-Geschäft eingegangen ist und von denen sie sich einen Gewinn erwartet, absichern will. Hier offenbart sich ein Problem: Die Aktienbörse ist bekanntlich der Marktplatz, auf dem knappes Kapital zum besten Wirt gelenkt werden soll. Kauft die Zentralbank Aktienindex-ETFs, treibt sie nicht nur künstlich die Aktienpreise in die Höhe. Die Aktien werden zudem auch in die Hände von Marktakteuren gespült, die kein Interesse haben, langfristig am Unternehmenserfolg mitzuwirken. Das wird Kapitalfehlallokationen zur Folge haben, die Wachstum und Beschäftigung schmälern.

Bei Kauf von Aktien würde die Zentralbank natürlich unmittelbar zum Teileigentümer der Unternehmen. Sie hätte ein Stimmrecht auszuüben, Mitverantwortung zu tragen, würde unmittelbar den Unternehmenserfolg beeinflussen. Auch erhält die Zentralbank möglicherweise Dividenden, die sie wiederanlegen muss. Sind jedoch bürokratische Zentralbanker zu einer solchen unternehmerischen Leistung befähigt?

Wohl nicht. Ansonsten wären sie ja Unternehmer oder gleich Investoren geworden. Der Erwerb von Aktien durch eine Zentralbank ist ein schwerwiegender Schlag gegen die Marktwirtschaft: Er kommt einer Sozialisierung von Unternehmervermögen gleich, die unweigerlich dazu führt, dass das Herzstück der Marktwirtschaft (oder das, was von ihr noch übrig geblieben ist) erlahmt oder gar außer Kraft gesetzt wird.

Dass die Zentralbanken direkt in die Aktienmärkte eingreifen werden, wenn es zur Lösung tagesaktueller Problemen opportun erscheint (wie zum Beispiel das Abwehren eines „Aktienmarkt-Crashs“), ist nicht von der Hand zu weisen. Denn mit ihrer Niedrig- beziehungsweise Negativzinspolitik üben sie ja bereits einen verzerrenden Einfluss auf im Grunde alle Finanzmarktpreise, einschließlich der Aktien, aus. Die Skrupel, noch stärker in die Märkte für Unternehmensanteile einzugreifen, dürfte vermutlich bereits relativ gering geworden sein. Anleger sollten sich also nicht von möglichen Kurssteigerungen blenden lassen, die Aktienkäufe durch die Zentralbanken nach sich ziehen. Sie sollten vielmehr die Probleme vor Augen haben, die eine solche Politik nach sich ziehen würde.

Der Drahtseilakt der SNB geht weiter

Beim Versuch, die Franken-Aufwertung zu stoppen, könnte die SNB doch noch vom Kapitalzufluss aus dem Euroraum überrollt werden.

Am 15. Januar 2015 gab die Schweizer Nationalbank (SNB) ihren Mindestwechselkurs von 1,20 gegenüber dem Euro auf. Seither hat die SNB jedoch nicht aufgehört, im Devisenmarkt zu intervenieren: Sie kauft nach wie vor Euro gegen Ausgabe von neuen Schweizer Franken, um sich gegen die Aufwertung der Schweizer Währung gegenüber dem Euro zu stemmen. Da die SNB mittlerweile auch die Geldmarktzinsen in den Negativbereich gesetzt hat, um den immensen Kapitalzustrom aus dem Euroraum abzuschrecken, befinden sich jetzt auch alle übrigen Zinsen – bis hin zu den Bundesobligationen mit einer Laufzeit von 10 Jahren – unter der Nulllinie. Doch wie lange kann die Schweiz sich eine solche Geldpolitik noch leisten?

Stemmt sich die SNB der CHF-Aufwertung entgegen, mag das zwar die heimische Export- und Tourismusindustrie unterstützen. Allerdings stehen dem eine Reihe von Negativposten gegenüber:

(1) Die Fremdwährungsreserven der SNB schwellen an. Entsprechend steigen die Verlustrisiken, die aus Wechselkursschwankungen entstehen, und die letztlich der Schweizer Steuerzahler zu tragen hat.

(2) Die Negativzinsen verursachen Fehlallokationen. Beispielsweise steigt die Nachfrage nach Bauleistungen, und die Grundstücks- und Häuserpreise blähen sich auf.

(3) Der Aufkauf der Devisen, um die Franken-Aufwertung zu stoppen, lässt die heimische Geldmenge anschwellen. Der „Liquiditätsüberhang“ in der Schweiz befindet sich bereits auf dem höchsten Niveau seit Beginn der 1980er Jahre. Er signalisiert künftigen Preisdruck in Form höherer Konsumgüter- und/oder Vermögenspreise.

Sollte sich jedoch herausstellen, dass der Franken-Außenwert auf dem derzeitigen Niveau überbewertet ist, müsste die SNB ihre ganzen Eingriffe irgendwann rückabwickeln. Das wäre alles andere als problemlos. Zwar kann sie ihre Bilanz „zurückschrumpfen“, indem sie Fremdwährungsbestände verkauft; sie würde dann vielleicht sogar Gewinne ausweisen können. Allerdings müsste sie die Frankengeldmenge reduzieren, und sie müsste auch die Zinsen wieder in den positiven Bereich zurückführen. Beides könnte zum Beispiel die Schweizer Aktien- und Immobilienmärkte und damit auch der Konjunktur schwer zusetzen, die durch die niedrigen Zinsen und die Geldmengenausweitung zuvor aufgebläht wurden.

Stellt sich jedoch heraus, dass sich die Lage des Euro weiter verschlechtert, könnte der Franken noch verstärkt unter Aufwertungsdruck geraten. Sollte die SNB sich dagegen stemmen, müsste sie noch mehr Euro aufkaufen und möglicherweise die Zinsen noch weiter in den Negativbereich absenken. Der Kapitalzufluss in die Schweiz könnte zusätzlich an Fahrt gewinnen, wenn die Erwartung um sich greift, dass die SNB den Franken-Kurs irgendwann freigeben muss, weil sie ansonsten Gefahr läuft, die Kaufkraft des Franken zu opfern. So gesehen geht der Drahtseilakt der SNB weiter: Sie versucht, die Franken-Aufwertung abzumildern, setzt dadurch aber die Schweiz letztlich der Gefahr aus, vom Kapitalzufluss aus dem Euroraum überrollt zu werden. Wenn die Schweizer in letzter Konsequenz nicht bereit sind, die Kaufkraft ihres Franken herabzusetzen, bleibt der Franken unter Aufwertungsdruck.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

Ein Kommentar auf "Zentralbanken als Aktionäre – keine gute Idee"

  1. FDominicus sagt:

    Zentralbanken sind generell nicht gut. Es ist dabei egal was sie tun oder lassen

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