Zeitmaschine EZB

6. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Kommen die japanischen Verhältnisse nach Europa? Diese Frage muss am Anleihemarkt seit geraumer Zeit niemand mehr stellen. Die japanischen Verhältnisse sind schon längst da. Die Antwort auf die Frage, was genau man in dieser Situation mit weiteren Anleihekäufen bezweckt, interessiert leider niemanden mehr.

Von Analysen halten viele am Finanzmarkt nichts mehr. Der Markt sei effizient, die Preise sollten also grob passen. Wie das mit den regelmäßigen Einbrüchen an vielen Aktienmärkten zusammenpasst, wird ebensowenig hinterfragt. wie die Auswirkungen des massiven Trends zu Indexinvestments. Wie rational ist die Preisbildung, wenn jeder alles kauft, was jemand anderes in einen Index packt?

Während in vielen deutschen Medien weiterhin vom „Mangel an Aktienkultur“ schwadroniert wird, engt sich zur Aufrechterhaltung des schönen Scheins das Sichtfeld immer weiter ein. Offensichtliche Krater in der Investmentlandschaft werden dabei geflissentlich übersehen. Die folgenden Charts geben den Anhängern des blinden „cost averagings“ möglicherweise zu denken.

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Was Aktienkultur genau bedeuten soll, ist nicht überliefert. Wir bleiben daher lieber bei unserem alten Grundsatz: Es gibt keine schlechten Assetklassen, es gibt nur attraktive und unattraktive Preise. Assetklassen sind keine Sportvereine, für die sich manch einer lebenslänglich entscheidet.

Schlimmer noch als viele allgemeine Phrasen zum Thema Geldanlage sind die stets gesuchten und oft gefundenen Begründungen für jede noch so kleine Kursbewegung. Meldet Oracle gute Zahlen und die Aktie von SAP fällt, dann „fürchten Anleger auf Grund der Stärke von Oracle einen sinkenden Marktanteil der deutsche Softwarefirma“. Steigt die SAP-Aktie hingegen, ist die Stärke von Oracle nur der „Vorbote einer guten Marktentwicklung, von der auch SAP profitieren wird“. Fällt der Kurs bis zum Mittag, steigt dann aber zum Abend wieder, werden gerne auch beide Begründungen an einem Tag verwendet. Hauptsache was gesagt.



Bei größeren Trends, oder an Tagen, an denen auch den Großauguren nichts mehr einfällt, steigen die Aktien einfach „wegen der niedrigen Zinsen“. Und damit schließt sich der Kreis zur EZB, die ja die Zinssteuerung über alle Laufzeiten mittlerweile zu ihren Aufgaben zu zählen scheint. Wie die Verläufe der oben eingefügten Charts zeigen, zeigt die Aktienkurssteigerung eine bemerkenswerte Abhängigkeit von den geografischen Koordinaten der jeweiligen Heimatbörse. Das ist sicher lediglich eine Anomalie, die die EZB durch weitere Anleihekäufe schnell und sicher beheben wird. Falls Sie einmal aus Versehen als Geisterfahrer auf der Gegenfahrbahn der Autobahn landen sollten, denken Sie lieber nicht an die Politik des Herrn Draghi: Einfach schneller fahren, und hoffen, dass sich dadurch die Richtung ändert ist ein wenig attraktives Modell.

Die Entwicklung der deutschen Zinskurve in den letzten zwölf Monaten ist auch im Vergleich zum japanischen Markt bemerkenswert. Die folgenden Grafiken zeigen die Renditen (in Basispunkten) für die einzelnen Laufzeiten.

Anfang 2014 sah das Bild so aus:

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Anfang 2015 hat sich einiges verändert.

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Die folgende Grafik zeigt die Differenz der Renditen verschiedener Laufzeiten deutscher und japanischer Staatspapiere zu Beginn des laufenden Jahres.

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Mittlerweile können Europäer und Japaner also gemeinsam träumen. Die Bund-Renditen sind im kurzen und mittleren Laufzeitenbereich unter die Werte in Japan gefallen. Am langen Ende rentieren die japanischen Papiere tiefer. Gebracht hat es beiden Ökonomien erwartungsgemäß nichts. Vielleicht probiert man es ja mal anders herum.Wird schon schiefgehen…



 

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