Zeitlose Krisentheorie

13. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die monetäre Konjunkturtheorie der „Österreicher“ zeigt, dass die Ausgabe von ungedecktem Geld per Kredit zu Boom und Bust führen muss. Was die Österreichische Schule der Nationalökonomie, soweit sie Ludwig von Mises (1881 – 1973) folgt, auszeichnet, ist ihre wissenschaftliche Methode. Ihr zufolge ist die Nationalökonomie keine Erfahrungswissenschaft (wie die Naturwissenschaft), die ihre Erkenntnisse durch Experimente, durch Überprüfen von Theorien anhand von Daten gewinnen kann. Nationalökonomische Erkenntnisse leiten sich aus der Logik ab, dass der Mensch handelt.

Die Nationalökonomie ist nach Mises eine „a priori Handlungswissenschaft“. Der Begriff „a priori” bedeutet allgemeingültig und denknotwendig. Ein Beispiel für ein a priori ist der Satz vom Widerspruch: „Wenn etwas A ist, kann es nicht nicht-A sein.“ Im Zentrum der Handlungswissenschaft steht der Satz „Der Mensch handelt“, eine unbestreitbar wahre Aussage. Mittels logischer Ableitung (Deduktion) lassen sich aus ihr weitere wahre Erkenntnisse ableiten.

Beispielsweise, dass menschliches Handeln stets zielbezogen ist, Zeit erfordert, unter Unsicherheit stattfindet, dass Güter knapp sind und dass Zeitpräferenz und „natürlicher Zins“ stets positiv sind. Die a priori Handlungswissenschaft erlaubt es, richtige von falschen ökonomischen Theorien zu unterscheiden, ohne dass man dazu eine Theorie „ausprobieren“ muss. Richtige Theorien stehen im Einklang mit den Erkenntnissen, die logisch aus dem Satz „Der Mensch handelt“ folgen.

Mises gelingt es, die monetäre Konjunkturtheorie als a priori Theorie verständlich zu machen, sie als universell gültige und zeitlose Krisentheorie zu begreifen.

Auf Boom folgt Bust

Wenn die Zentralbank die Geldmenge per Bankkredit ausweitet, sinkt der Zins unter den „natürlichen Zins“ – also den Zins, der sich einstellt, wenn die Geldmenge nicht per Kredit ausgeweitet wird. Der künstlich gesenkte Zins vermindert das Sparen (aus dem laufenden Einkommen) und regt den Konsum an. Zusätzlich zieht die Investitionstätigkeit an. Das Ausweiten der Geldmenge per Kredit lässt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ansteigen im Vergleich zum verfügbaren Ressourcenangebot.

Anfänglich kommt es zu einem Konjunkturaufschwung (Boom). Er muss jedoch früher oder später in sich zusammenfallen, in eine Rezession (Bust) münden – was dann geschieht, wenn der Zustrom neuen Geldes im Kreditmarkt abebbt. Dann steigt der Marktzins auf den „neutralen Zins“ und Investitionen, die mit dem künstlich gesenkten Zins angeregt wurden, erweisen sich als unrentabel. Auf den Boom folgt – und zwar notwendigerweise – der Bust.

Besteht die Möglichkeit, dass der Boom anhält, der Bust ausbleibt? Ein Bust kann durch neuerliche Zinssenkungen und das Vermehren der Geldmenge abgewendet und in einen neuerlichen Boom umgemünzt werden. Dadurch nehmen jedoch die Kapitalfehllenkungen zu und der Korrekturbedarf vergrößert sich: Die künftige „Bereinigungskrise“, die die Volkswirtschaft wieder zum Gleichgewicht führt, wird verschärft.

Ist es denkbar, dass der Bust ausbleibt, weil zum Beispiel Produktivitätsgewinne die Schäden ausgleichen, die das Ausweiten der Kredit- und Geldmenge, die nicht durch Ersparnisse gedeckt ist, anrichten? Eine neue Produktionstechnik etwa könnte dazu führen, dass die Einkommen ansteigen und dadurch bereits aufgelaufene Probleme (zum Beispiel Abschreibungen unrentabler Investitionen) „verkraftbarer“ werden.

Doch selbst wenn man eine solche Annahme macht – die als „besonderer Umstand“ außerhalb der monetären Konjunkturtheorie steht –, ändert sich nichts an der Theorieaussage: Auch bei einem nunmehr höheren Einkommen wird das Ausweiten der Kredit- und Geldmengen, die nicht durch Ersparnisse gedeckt sind, zu Boom und Bust führen. Ob es künftig „besondere Umstände“ geben wird, die den Zeitpunkt des Busts aufschieben, kann die Wissenschaft nicht beantworten.

Progression

Die a priori Handlungswissenschaft lässt sich auch progressiv anwenden. Dann zeigt sich, dass Boom und Bust Folgeerscheinungen des staatlichen Handelns sind. Der Staat – der territoriale Zwangsmonopolist für Rechtsprechung und Rechtsetzung – ersetzt (in einem langwierigen Prozess) das Sachgeld durch sein eigenes Geld, ein ungedecktes Papiergeld („Fiat-Geld“).

Fiat-Geld ist für ihn ein Wachstumselixier: Dank der Verschuldungsmöglichkeiten, die es bietet, weitet sich die Finanzkraft des Staates über das reguläre Steueraufkommen hinaus aus und bringt immer weitere Bevölkerungskreise in staatliche Abhängigkeit (durch Auftragsvergabe, Beschäftigungsangebote, Transferzahlungen etc.). Selbst aus einem Minimalstaat wird daher früher oder später ein Maximalstaat.

Damit der Boom, für den die nicht durch Ersparnis gedeckte Kreditvergabe sorgt, nicht zum Bust führt, greift der Staat zu Interventionen. Dazu zählen nicht nur Zinssenkungen und Geldmengenvermehrung, sondern auch Regulation, Besteuerung, Bürokratie und Behinderung des internationalen Kapitalverkehrs. Die Marktwirtschaft wird dadurch zusehends gehemmt, die produktiven Kräfte schwinden.

Wenn aber die freien Märkte zusehends ausgeschaltet werden, schwindet das Wirtschaftswachstum. Verschuldete Unternehmen, Private, Staaten oder Banken können ihren Schuldendienst nicht mehr vollumfänglich leisten. Sollen Zahlungsausfälle auf breiter Front abgewendet werden, wird die Zentralbank die Zinsen auf null Prozent senken und die Geldmenge immer weiter ausweiten müssen.

Damals

In der Weimarer Republik wurde ab 1918 versucht, einem Bust zu entkommen: Aus politischen Gründen wollte man keine „Bereinigungsrezession“, die mit einer Umstellung der Kriegs- und Zwangswirtschaft auf die Anforderungen der Friedenszeit verbunden gewesen wäre. Die Deutsche Reichsbank finanzierte daher die Ausgabefreude des Staates, indem sie seine Schulden kaufte und ihm dafür neu geschaffene Papiermark aushändigte.

Dadurch wurde der Bust aufgeschoben. Doch als die Menschen erkannten, dass die Deutsche Reichsbank die Geldmenge mit immer größeren Zuwachsraten vermehren wird, kam es zur Katastrophen-Hausse („Crack-up Boom“): Die Menschen flohen aus der Papiermark, versuchten sie gegen andere Güter einzutauschen, es kam zur Hyperinflation. Als das Geld gänzlich unbrauchbar wurde, flog der Schwindel auf, und es kam zum Bust. Die Politiker der Weimarer Republik hatten dem unausweichlichen Bust also eine Hyperinflation „vorgeschaltet“.

In den Vereinigten Staaten von Amerika ging es 1929 vom Boom direkt in den Bust. Banken, die mit einer Teilreserve operierten, wurden zahlungsunfähig und schlossen ihre Schalter. Dollar-Guthaben waren sprichwörtlich weg. Die Zinsen stiegen, die Produktions- und Beschäftigungsstruktur, die im Zuge des Booms errichtet wurde, brach zusammen. Umfangreiche Staatseingriffe in der Wirtschaft („New Deal“) verhinderten, dass die freien Marktkräfte Preise und damit Produktion und Beschäftigung neu ausrichten konnten. Die Wirtschaft belebte sich erst mit dem Einstieg Amerikas in den Zweiten Weltkrieg.

Künftig

Mises‘ monetäre Konjunkturtheorie ist eine universell und zeitlos gültige Krisentheorie. Sie sagt, dass auf den Boom der Bust folgen muss. Wann (und wie) dies geschieht, hängt von den „besonderen Umständen“ ab. Ob der Boom direkt in einen Bust umschlägt (wie 1929 in Amerika), oder ob dem Bust ein „Crack-up Boom“, eine Hyperinflation, vorausgeht (wie 1923 in der Weimarer Republik), werden politische Entscheidungen bestimmen.

Wenn Michael von Prollius schreibt „Der Crack-up Boom fällt aus“ (Smart Investor 5/2015), trägt er eine subjektive Einschätzung über künftige Zustände vor. Das entkräftet die monetäre Konjunkturtheorie nicht. Die a priori Theorie sagt uns mit Gewissheit, dass der Boom in einem Bust enden muss, sie kann aber nicht sagen wann.

Eine andere Einschätzung ist die: In Volkswirtschaften, in denen weite Teile der Bevölkerung vom Staat finanziell abhängig geworden sind, ist ein Weimarer Boom-Hyperinflation-Bust-Szenario wahrscheinlicher als ein Boom-Bust-Szenario, geschweige denn ein andauerndes Boom-Szenario. Solche Zukunftseinschätzungen, das sei betont, gehen allerdings über die monetäre Konjunkturtheorie hinaus.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH


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