Zeitenwende auf Mallorca

2. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Normalerweise beginnt Mitte April auf Mallorca die Sommersaison. Nicht so in diesem Jahr. Was ist schon normal heutzutage, vor allem in Spanien? Statt Betten herzurichten, die Küchen anzuheizen und die Tische zu decken, stehen die Angestellten der Hotels vor dem Arbeitsamt bzw. sie beginnen die Saison gleich mal mit Urlaub. Die Hoteliers bestehen darauf, wenn die Gäste ausbleiben….

Doch die Flugzeuge sind voll, berichten Reisende. Das verwundert nicht, denn etliche Kapazitäten hat man aus dem Markt genommen.
Drei Flieger von Frankfurt nach Palma de Mallorca sind zur Zeit ausreichend. Früher hatte meine Fluglinie mehr Flieger auf der Strecke. Unser Frühflieger war diesmal zu zwei Dritteln belegt. Grölende Ballermänner flogen nicht mit. Ja, es ist ruhiger um diese Zeit auf der Deutschen liebsten Insel im Jahr 2009.

Sonnige grüne Insel

Mitte April ist Mallorca eine wirklich grüne Insel. In den mit Steinen umrandeten Feldern blühen gelbe und weiße Blumen, Mohn und eine zauberhaft schöne lilafarbene Gladiolenart. Die Mandelblüte ist längst vorbei, Weinreben schieben jetzt die ersten Blätter. Mallorca ist auch ein Begriff für guten Wein. Wer soll ihn in diesem Jahr trinken? Es werden weniger Urlauber kommen, sagen die Hoteliers und Vermieter von Ferienwohnung. Sie richten sich auf Schwierigkeiten ein und wissen, es gibt zuviele Betten. Während die Saisonkräfte auf eine Geduldsprobe gestellt werden, berichten die Zeitungen von Vandalismus in Luxusvillen und Mietbetrug im großen Stil.

Saisonstart mit Schwierigkeiten
Ostern fiel 2009 erst in den April. Inselweit hatten 72 % der Hotels geöffnet. Im letzten Jahr waren es noch 78%, obwohl in diesem Jahr schon weniger Hotelzimmer zur Verfügung gestellt wurden. 65% der verfügbaren Zimmer waren gebucht, im letzten Jahr stand die Quote noch bei 70 %.

In der Tourismusbranche sind auf Mallorca 40.000 Saisonarbeiter tätig. Damit die fijos-discontinos im Winter vier Monate lang Arbeitslosengeld erhalten können, müssen sie innerhalb von zwei Jahren mindestens 12 Monate arbeiten. Arbeitet ein Angestellter ein ganzes Jahr durch, stehen ihm 35 Tage Urlaub zu. Für ein halbes Jahr bekommt ein Saisonarbeiter 17,5 Urlaubstage. Da der April aber schon mal buchstäblich ins Wasser fiel, verlangen die Arbeitgeber, dass ihre Saisonarbeiter jetzt schon Urlaub nehmen. So haben sie knapp drei Wochen Luft zum Jonglieren mit ihrem Personal. Man rechnet mit dem Saisonstart jetzt in der zweiten Maiwoche.

Auf einen Saisonarbeiter kommen im Schnitt noch zwei Aushilfskräfte ohne gesetzliche Ansprüche auf Unterstützung. Was sollen sie tun, wenn die Saison jetzt kürzer wird und weniger Betten bezogen werden müssen? Sie sitzen in der Klemme. Während in dieser Zeit die ersten Anfragen von Arbeitgebern in den Arbeitsämtern einlaufen, gab es in diesem Jahr noch keine Nachfrage, berichten die Zeitungen.

Se Vende

In den Straßen hält der Boom der Se Vende-Schilder (zu verkaufen) weiter an. Selbst in Meereslage sind etliche Besitzer in Not gekommen. Die Preise fallen, vor allem in nicht so attraktiven Lagen. Selbst dort war das Geschäft früher einfach. Man baute ein paar Hohlblocksteine zusammen, verklebte sie mit Mörtel, strich alles weiß man und bekam von Idioten 300.000 Euro beim Verkauf. Ein todsicheres Geschäft, das jetzt für viele tödlich endet. Auffällig oft stehen im Vergleich zum letzten Jahr die Zeichen der Kapitulation nun auch an den Autoscheiben. Viele haben ein zweites auf Kredit finanziertes Auto.

Leisten können es sich aber immer weniger, seit die „Überschuldungskrise“ am Arbeitsmarkt und im Tourismus durchschlägt. Selbst der Spanier lernt das Sparen. Se Vende steht als Begriff für das Ende eines Booms, der die Leute völlig verrückt gemacht hat. Seit sie aber in Einbahnstraßen feststecken weil die Einnahmen wegbrechen, fallen ihnen die Ziegelsteine auf den Kopf. Ein Teufelkreis voller Kopfschmerzen.

Urlaub zu Hause

Die Deutschen verbringen heuer ihren Urlaub eher auf Balkonien. Dabei geht es ihnen noch besser als den britische Touristen. Nicht nur dass sie ihren Gürtel enger schnallen müssen, ihre Währung hat jetzt weit weniger Speck auf den Hüften als früher. Touristen bekommen weniger Dinge für ihr Pfund, wenn sie es im Ausland ausgeben. In den britischen Urlauberhochburgen Palmanova und Magaluf öffneten am Osterwochenende nur ein Drittel der 91 Hotels. Sie waren weit weniger ausgelastet als noch im letzten Jahr. In Palma sieht die Lage verheerend aus. Zwar haben fast alle Hotels geöffnet, doch die Auslastungsrate ist von 60% im letzten Jahr auf jetzt 40% gesunken. Selbst die Spanier bleiben jetzt zu Hause auf dem Festland. Es ist ein leichter Vorgeschmack auf das, was die Branche im Rest des Jahres 2009 noch erwarten wird.

2009 – Das Jahr des Niedergangs?

Fährt man durch die Gegend, gehen einem ganz seltsame Gedanken durch den Kopf. Seit Jahrhunderten blühen um diese Zeit die Blumen und erwärmt sich das Wasser an den Stränden. So auch in diesem Jahr. Mit steigendem gefühlten Reichtum auf Pump und dem Ausbau von Flughäfen und Flugstrecken konnte sich fast jeder eine Reise auf die Sonneninsel leisten. Bisher. Vor wenigen Jahren ist der Gipfel des Ansturms auf die Bettenburgen erreicht worden. Man war sich aber sicher, dass man noch mehr Unterkünfte bauen muss. Seit nun aber nicht mehr jeder hierher fliegen kann, stehen die Betonburgen, die auf der Grundlage dieser Täuschung gebaut wurden leer. Im Bau befindliche Objekte bleiben unfertig stehen. Die einen erwarten einen „Rückbau“. Ich erwarte einen groß angelegten Abriss.

Befreiungsschläge

Man könnte denken, dass die Insel in diesem Jahr etwas aufatmen möchte. Jetzt versucht sie, ihre Müll produzierenden Gäste loszuwerden. Dabei hat die Insel in diesem Jahr entscheidende Vorteile durch die Krise. Doch der Kampf zwischen ihr und den Touristen und Bauherren hat gerade erst begonnen. Wer weiß schon, auf welche Ideen die spanische Regierung noch kommt, um eine Bereinigungen zu verhindern.

Ich glaube, die Insel hat eine lange Zeit der Ruhe vor sich – die Unterstützung der Götter scheint ihr dabei sicher zu sein.


 

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