Zahlungsmoral im Sinkflug

14. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Ein aktueller Bericht eines skandinavischen Kredit- und Inkassounternehmens zeigt eine sprunghaft verschlechterte Zahlungsmoral in Europa. Die Zahl der Unternehmen, die sich über eine Ausweitung der Zahlungsfristen beklagen, stieg im laufenden Jahr um ein Drittel. Das ist eine bemerkenswerte Verschlechterung, wenn man sich das Zinsniveau und die Füllhornpolitik der EZB vor Augen hält…

Der European Payment Report des Unternehmens Intrum Justitia basiert auf der Befragung tausender Unternehmen in 29 europäischen Ländern. Der Report soll ein Bild von der finanziellen Situation der Unternehmen und der allgemeinen Zahlungsmoral vermitteln. Das diesjährige Ergebnis, die Umfrage findet immer zu Beginn des Jahres statt, ist ernüchternd. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund der forcierten Geldschwemme.

Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen müssen verzögerte Zahlungen von meiste größeren Firmen hinnehmen. Insgesamt gaben 61% der Firmen an, Anfragen hinsichtlich unangenehm langer Zahlungsfristen erhalten zu haben. Das ist ein enormer Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. In 2016 gaben lediglich 40% der Firmen an, ähnliche Schwierigkeiten zu haben.

Unsere Lieblingsantwort ist wie so oft „weiß nicht“. Es gibt sicherlich auch Menschen, die auf die Frage, wie stehen Sie zu einem Atomkrieg mit „weiß nicht“ antworten. Für finanziell verantwortliche ist eine solche Antwort hinsichtlich der Zahlungsmoral der Kunden jedoch interessant. Vielleicht weiß man gar nicht so genau, wer wann und wie viel zahlt und mit welchen Zahlungsfristen man leben kann. Das kann man entweder als freimütigen Ausdruck großen Wohlstands oder als Zeichen der Resignation auffassen. Immerhin sank die Quote derjenigen, die nicht wissen was sie sagen sollen. Ob das gut oder schlecht ist? I don’t know.

Aufschlussreich sind wie so oft in diesem unserem Europa die massiven Unterschiede der Zahlungsmoral. Letztere hängt, wen wundert es, nicht zuletzt mit der wirtschaftlichen Gesamtsituation der einzelnen Länder zusammen. Dieser Faktor erklärt jedoch mitnichten die Unterschiede. Deutschland befindet sich da, wo es viele hierzulande bekanntlich am schönsten finden, in der Mitte. Bloß nicht auffallen. Natürlich hat auch das seinen Haken und aus der oberen Hälfte der Tabelle könnten umgehend Klagen ob der schlechten Zahlungsmoral deutscher Firmen kommen während aus dem Süden der beliebte Oberlehrervorwurf erklingt. Es ist schon ein Kreuz. Davon wollen wir uns aber angesichts der glänzenden Konstitution der beinahe vollständig genesenen Patienten Portugal, Italien und Griechenland nicht die gute Laune verderben lassen. Wer später zahlt, der hat halt nur ein bisschen länger seine Erfolge gefeiert. Immer schön locker bleiben …

Wie sehr sich die mittlere Dauer der Zahlungen unterscheidet lässt sich folgender Tabelle entnehmen. B2B (business to business) steht für Transaktionen zwischen Firmen, B2C (business to consumer) für Geschäfte zwischen Firmen und Privatkunden.

Wäre das nicht eine wundervolle Idee für ein Startup? Wie wäre es mit einer natürlich blockchain-basierten Anwendung, die eine Einstufung der Zahlungsmoral von Firmen ermöglicht. Jeder darf jeden einstufen, er muss nur nachweisen können, Zahlungen nach einem bestimmten Zeitpunkt erhalten zu haben. Das ist kostengünstig abzubilden, hilft der Gemeinschaft und spart unnötige Kosten für Ratingagenturen. Wenn man sich so umhört, würde manch öffentlicher Auftraggeber sich in dieser Bewertung allerdings ebenfalls schwertun, mehr als einen Stern zu erhalten. Mit öffentlichen Fördergeldern wird es also nichts. Es sei denn, der Webserver läuft mit Ökostrom. 

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3 Kommentare auf "Zahlungsmoral im Sinkflug"

  1. Aristide sagt:

    Die Antwort „Weiß nicht“ zeigt weder großen Wohlstand noch Resignation an, sondern… … … na ja, früher reichte man sojemandem wahlweise eine Zyankalikapsel, einen Seidenschnur, ein Schwert oder eine mit einer Patrone geladene Pistole, verbunden mit dem Satz „er wisse wohl, was zu tun sei“. 😉

  2. Michael sagt:

    Möglw. fällt den Befragten die Situation eher wieder auf. Geändert hat sich das Vorgehen der größeren Schuppen gegenüber den mehr oder weniger redlichen Mittelstandsunternehmen wohl kaum.

    Es wäre vorstellbar zumal die E.U. in ihren feuchten Pfeifenträumen und in Abwesenheit eines auch nur irgendwie gearteten Verständnisses einfachster ökonomischer Zusammenhänge mit der Vorgabe ‚jede Rechnung sei innerhalbs Monat zu begleichen‘ ein wenig viel sich hat am Konsum orientiert.

    Es wurde ja vor langer Zeit die Managerin einer Fluglinie dafür ausgezeichnet, dass sie nur jenen die Rechnungen zahlte die sie wirklich benötigt und alle anderen warteten 4 Jahre. Wenn man nur lange genug streckt, dann läuft die Pipeline wieder an usw… aber dem der nicht zahlt fehlt die Liquidität nicht.

    Die großen Schuppen sind auf ein Monat finanziert und bekommen gegebenfalls Kredit, d.h. aber praktisch sie wären entlang der Umschlagshäufigkeit des Einkommens im Konsumenten von 12 (Einkommen ist eine Geldmenge, es läuft in den Konsumenten halt nur einemal im Monat einer mit einem Geldbeutel ein und selbst dieses Bild ist schon blumig überzeichnet) synchron.

    Ihre Zulieferer werden aber vermutlich nicht soviel Kredit bekommen und die Hebelung des Eigenkapitals zu schaffen. In einem Kreditgeldsystem muss irgendjemand dem Wirtschaftsraum Geld bereitstellen und wenn es die Wirtschaft nicht tut – wer dann? Glaubt noch irgendjemand es findet sich noch irgendein kühner Zeitgenosse der auf Kredit ein Jungunternehmen ins Leben ruft um in der Aussicht auf ewige Knechtschaft im Konsumsozialismus vor Staat und Banken zu buckeln?

    Die werden vermutlich auch probieren mit dem Cash Flow durchzukommen.

    Noch dazu gesellt sich – wenn zuviele Kennzahlen sprungartig vor interessanten Wahlen gut werden …

    Wir stehen vermutlich schon am Vorabend der nächsten Krise. In jedem Bärenmarkt gibt es Aufschwungphasen.

    Das kommt dabei raus wenn man Marktmodelle erfindet in denen Güter übergeben werden die am Ende an alle verteilt werden sollen. Linke Spinnerein führen am zuvorgenannten Ende immer zu unbezahlten Rechnungen.

  3. dork sagt:

    Ein großer Mittelständler unserer Region hat in der Buchhaltung die inoffizielle Anweisung: Große Geschäftspartner und Zulieferer sofort bezahlen. Alle anderen bis runter zum Handwerker erst nach deren 2.Mahnung. Die kleine mittelständische Volkswirtschaft als Kreditgeber … eine sichere Bank 🙂

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