Zahlenzirkus Arbeitsmarkt

14. Februar 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Die Arbeitslosenquote wird in vielen Ländern auf verschiedene Weise ermittelt. Während in Deutschland jede abstruse Maßnahme genutzt wird, um Ministertöchtern eine geschwungene Statistik an die Hand zu geben, verzerrt sich die US-Statistik fast von selbst…

vom Bankhaus Rott

In der BRD haben so genannte Qualifizierungsmaßnahmen seit Jahren Hochkonjunktur. Sie sind ein schönes Instrument, dass die Verantwortung auf die Teilnehmer verschiebt („man muss auch fordern, etc.“) und die Statistik sofort entlastet. Ein Traum für so genannte Repräsentanten. Was aus den vielen Menschen geworden ist, die sich vor Jahren Grafikprogramme oder „1000 Excel-Tricks“ einbläuen lassen mussten, wird selten erläutert.

In den Vereinigten Staaten fliegen die Menschen, die es aufgeben, einen Job zu suchen, gleich ganz aus der Statistik. So schrumpft die Erwerbsbevölkerung in den Staaten nun seit einiger Zeit. Das mag wenig aufregend klingen, was sich aber ändert, wenn man bedenkt, was das für die Berechnung der Quote bedeutet. Ein einfaches Beispiel. Angenommen, es gibt 100 Arbeitslose und die Erwerbsbevölkerung umfasst 1000 Menschen. Dann ergibt sich eine Arbeitslosenquote von 10%. Geben nun 10 Menschen entmutigt die Jobsuche auf, so fallen sie aus der Zahl der Arbeitslosen und aus der Labor Force heraus. Die neue Quote ergibt sich nun aus dem Term 90/990 was 9,09% ergibt.

Ist das nicht erstaunlich? Die Arbeitslosenquote sinkt um etwa einen Punkt, obwohl sich an der Beschäftigungslage keine Änderung ergeben hat. Auch an den Aussichten für den Konsum hat sich dementsprechend nichts geändert, denn mit dem Ausscheiden aus der Labor Forc“ ist natürlich kein zusätzliches Einkommen verbunden. Das nur zum Thema Marktreaktionen auf verkündetet Arbeitslosenstatistiken.

Die Zahl der Menschen, die nicht mehr zur Erwerbsbevölkerung zählen, steigt seit einigen Jahren überproportional an. Allein von 2008 bis zum Januar 2011 sind rund 2 Millionen Menschen aus der entsprechenden Datenreihe verschwunden. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der als arbeitslos registrierten Personen deutlich.

Wie hätte sich die Arbeitslosenquote entwickelt, wenn die Labor Force stabil geblieben wäre, und diejenigen Menschen, die keine Jobchancen mehr sehen, in der Arbeitslosenstatistik verblieben wären? Wir haben anhand der Fed Daten einmal nachgerechnet. Das Ergebnis ist wenig überraschend, aber deutlich.

Nehmen wir den Start der wunderbaren Geldvermehrung und der weiteren Fantasien Ben Bernankes als Ausgangspunkt. Im März 2009 lag die offizielle (nicht umfassende) Quote bei 8,62%. Bei den obigen Annahmen ergibt sich per heute ein Wert von 9,59%. Die offizielle Messung liegt bei 9,05%. Ein ordentlicher Unterschied, wenn man einmal überlegt, wie selbst minimale Änderung bei derartigen Zahlen gerne als „Beweis“ einer Erholung oder gar als Beleg eines Booms herangezogen werden…

Wie die Arbeitslosenzahl aussähe, wenn – was über die vergangenen Dekaden in der Regel der Fall war – die Labor Force proportional zur Bevölkerung gewachsen wäre, sehen Sie im folgenden Chart.

Die Arbeitslosenquote läge in diesem gar nicht einmal unrealistischen Fall weiter deutlich über 10%.  Gerade in den letzen Quartalen ist die Tendenz der Entwicklung der aus dem Job und gleichzeitig aus den Daten herausgefallenen Menschen sehr deutlich. Die umfassende Quote U6 liegt gemäß Bureau of Labor Statistics aktuell bei knapp über 16%. Der Einfluss der wegen schlechter Aussichten sinkender Erwerbsbevölkerung fließt in diese Zahl ebenfalls nicht ein, so dass auch hier ein deutlich höherer Wert der Realität näher käme. 

Die möglichen Kritikpunkte an Statistiken, die von US Behörden an die Welt versendet werden, sind vielfältig. Nun sind die Daten zumindest vorhanden und in der Regel werden die Methoden auch freimütig offengelegt. Ob sie gut sind, ist ein anderes Thema. Viel eher sollte aber die Frage gestellt werden, warum die Zahlen oft kritiklos mit einem tumben Strahlen im Gesicht präsentiert werden, ohne dass jemals hinterfragt wird, was sie bedeuten und ob sie überhaupt eine sinnvolle Interpretation zulassen. Dies ist scheinbar unwichtig in einer Welt, in der für jede noch so kleine Kursbewegung des allerletzten Nebenwertes eine fadenscheinige Begründung über den Äther gesendet werden muss.

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang immer wieder gerne an die Berichterstattung zu Oracle und SAP. Hatte Oracle gute Zahlen verkündet und der Kurs der SAP Aktie legte zu, so hieß es „die guten Zahlen des Konkurrenten deuten auf weiteres Wachstum im Sektor hin“. Waren die Zahlen gut, aber SAP fiel lautete es hingegen „es geht die Angst um, SAP könnte Marktanteile verlieren“. Die übliche sinnlose und überflüssige Nachreichung eines Grundes für bereits eingetretene Ereignisse hat sich bis heute gehalten. Das ganze ist ungefähr so aufschlussreich wie ein Wetterbericht für gestern.

Nun haben in den Staaten einer umfassenden Umfrage zu Folge gut die Hälfte der kleinen bis mittleren Unternehmen – hüben wie drüben der eigentliche Jobmotor – weniger Menschen eingestellt, als sie gerne hätten. Die Fragestellung ist ein bisschen befremdlich, denn die meisten Firmen hätten wohl gerne mehr Arbeitskräfte, allerdings zu einem sehr geringen Preis.

Die ökonomische Situation der Firmen ist aber scheinbar derart angespannt, dass sich in vielen Unternehmen die Sorge breit macht, bei weiteren Einstellungen könnte das Geld nicht für die Gehälter reichen.

Aufschlussreich sind auch die Gründe der Einstellungen. Mit weitem Abstand auf Platz eins: Der Weggang anderer Mitarbeiter muss kompensiert werden.

Fantastisch ist der Anteil, den die Erwartung einer sich verbesserten Wirtschaftslage an den Begründungen hat. Satte 5% stellen aus diesem Grunde Personal ein, Respekt, das ist beinahe schon die Reinkarnation des guten alten US-Optimismus. Sicherlich ist dieser Schwung der Ausdruck des postmodernen Superaufschwungs, dessen Wohlstand versprühende Wirkung wir alle miteinander die Ehre haben, erleben zu dürfen.

Die uns bis dato unbekannten Steuergeschenke für die Einstellung von Arbeitslosen haben es so gerade eben in die Datenreihe geschafft. Das ist eine ebenso beeindruckende Zahl, wie das eine Prozent, das unter „don’t know/Refused“ verbucht wurde. Ob dies alles nur Schweiger waren oder ob wirklich der ein oder andere Personalchef gesagt hat: „Hey, Mann, ich habe keine Ahnung, warum wir Sie eingestellt haben!“ Das allerdings, das wäre schon wieder ganz schön cool.

 

 

 

 

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