Zahlenspiele – das Jonglieren mit Schulden

19. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

Es gibt Zahlen, mit denen sollte man eigentlich nicht spielen, sie erschlagen den Betrachter, vor allem, wenn es sich um Dimensionen handelt, die sowieso kein Mensch begreifen kann. Nehmen wir einen Betrag von 50 Euro. Soviel kostet heute vielleicht ein Einkauf, wenn man auf Schnickschnack (also auf fast alles) verzichtet. Unter der Summe von 50 Euro kann man sich etwas vorstellen. 100-Euro-Scheine sind grün, man erhält im Gegenzug eine Aktie der Allianz, wobei hier schon wieder die Vorstellung schwerfällt, was die Allianz = zwei Deutsche Bank wirklich wert sind.

Manche zahlen hundert Euro für eine Tankfüllung. Darunter versteht man auch etwas, auch wenn es der Autofahrer nicht begreift. Für 500 Euro bekommt man fast eine Unze Gold oder etwas mehr als ein Kilo Silber. Doch wieviele Otto-Normal-Bürger hielten jemals so etwas in der Hand. 1000 Euro kostet ein Computer, 10.000 Euro ein kleines (komisches) Auto, 50.000 Euro ein wesentlich größeres Gefährt. Zahlen, die man überblicken kann, selbst wenn man solche Summen noch nie vor sich auf dem Tisch liegen hatte.

Die Staatsverschuldung der Bundesrepublik Deutschland steht derzeit bei ca. 1.510.000.000.000 Euro (1,51 Billionen). Pro Sekunde kommen 474 Euro hinzu, pro Minute, also 28.440 Euro, der Wert eines mittleren Autos. 60 Autos pro Stunde. Ist Volkswagen schneller? An einem einzigen Tag steigt die Summe auf 41 Mio Euro, im Jahr sind es 15 Mrd. Euro. Allein um den Schuldenzuwachs im Jahr 2008 aufzufangen müssten 356.000 Beschäftige ihr komplettes Durchschnittseinkommen von ca. 42.000 Euro (Wert aus 2006) Vater Staat überweisen.

Um die gesamte Verschuldung abzutragen (1,51 Billionen Euro) wäre es erforderlich, dass 36 Mio. Beschäftigte ein Jahr lang auf ihr komplettes Durchschnitts-Bruttoeinkommen verzichten. Deutschland hat rund 40 Mio. Arbeitnehmer.

Die Zahlen zeigen auf, dass es völlig unmöglich ist, die Staatsverschuldung wieder zurück zu fahren. Schon das Stoppen des Schuldenzuwachses, was Finanzminister Streinbrück als Ziel für 2011 hat, würde nur die Neuverschuldung stoppen, das Anwachsen der Spitze des Schuldenberges, nicht aber die Zinszahlungen für die bislang aufgetürmten Schulden, sofern es überhaupt gelingt. Steigen aber die Zinsen, wird die Refinanzierung der alten Schulden entsprechend teurer. Ein Prozent mehr Zinsen bedeutete 15 Mrd. Euro Zusatzkosten jährlich.

Doch wie löst ein Staat die Problematik der nicht mehr rückführbaren Staatsverschuldung in historisch vergleichbaren Situationen? Es ist die Inflation, die jeden Finanzminister erfreut. 1,5 Billionen Schulden hätten bei einer Inflationsrate von 10 Prozent zusammen 150 Mrd. EUR weniger Schuldlast. Nur spielen die Geldgeber bei 10 Prozent Inflation mit und akzeptieren fünf Prozent Rendite? Sehen Sie? Also sagt man ihnen, dass die Inflation kein Problem wäre, die Notenbank wachsam und rechnet sie mit etlichen Stellschrauben die Preise so herunter, bis zwei oder drei Prozent erreicht sind. Wenn es nicht auffällt, geben Geldgeber dem Staat auch für fünf Prozent weiteren Kredit.

Bloß wie bekomme ich die Teuerung in die gewünschte Region? Dazu gibt es Statistiker mit mathematischen Formeln, die ich nicht verstehe. Ich würde teures Rindfleich durch Hundefutter ersetzen und Milch durch Wasser. Doch ich bin kein Statistiker. Vor allem die Amerikaner sind Meister im Schönrechnen. Sie verzichten auf dies und jenes, vergessen die Energie- und Nahrungsmittelpreise und haben auch sonst noch einige Ideen. Sie ahnen warum? Richtig! Sieht besser aus!

Und sollte sich ein Angestellter wegen der Teuerung 10 Prozent mehr Gehalt erstreiken, rutscht er sofort in eine höhere Steuerklasse. Kalte Progression nennt das der Fachmann, die anderen benutzen dafür andere, verständlichere, aber nicht immer jugendfreie Begriffe. Und wo stehen wir? Man kann es nur ahnen und sich an den Preisen orientieren, die täglich aufgerufen werden. Der Goldpreis hat sich dazu seit tausenden Jahren als Barometer für Inflation als hilfreich erwiesen.

Ja, viele haben zu lange Zeit zu gut gelebt. Es wurde einem ja auch nicht schwer gemacht, Geld auszugeben, das man nicht hat, um Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, um Leuten zu imponieren, die man nicht mag. Vielleicht lachen wir später einmal über die peppigen Werbesprüche aus den vergangenen Jahren. Ich habe nie geglaubt, dass Sparen eine Untugend ist. Doch anno 2008 kommt es vor allem auf die Form der Anlage an. Manche haben vor zehn Jahren Aktien gekauft und in der Apotheke Schlaftabletten. Vielleicht war es zuviel von beiden Dingen, die die Welt schön machen sollten.

Manchmal dauert es, bis man das Sparen lernt, meist weil man es lernen muß. Das betrifft in erster Linie den Bürger, aber auch Unternehmen und den Staat. Bloß – welcher Staat spart schon? Kennen Sie einen?

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