Würzburg an der Würz: Eine Opaaa für Oma und Opa

8. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer – Gastkommentar von Baldassare Galuppi

Sie werden mich zwar nicht kennen, aber das ist mir herzlich egal. Schließlich taucht nicht jeden Tag jemand wie ich aus der Versenkung wieder auf, der seit 230 Jahren tot ist – und seitdem mit Georg Friedrich Händel und Johann Adolph Hasse in der gleichen Kantine seit Ewigkeiten zu Mittag essen muss. Sie werden sich jetzt wundern, wie ich hier auf den Blog komme, geht Sie aber auch nichts an…

Da dieser Blog frei von Musik und natürlich völlig frei von Kunst und Kultur erscheint, habe ich mich hier kurzerhand eingeschlichen. Das Musikmagazin „Rolling Stone“ schreibt schließlich auch über Finanzthemen. Warum nicht umgekehrt? Na, jetzt gehen Sie schon weiter, es gibt heute hier nichts zu sehen. Gott, sind Sie hartnäckig! Ich übrigens auch!

Vor fast drei Jahrhunderten war mein Name in ganz Europa bekannt. Baldassare Galuppi… Ja DER! Bitte? Meine Musik wurden überall gespielt, sogar in London und Sankt Petersburg. Es war die Zeit des Barock, als ich Musik für laute Männer und Frauen in bunten und schweren Kostümen auf der Bühne schrieb. Heute interessieren sich zu meinem ständigen Bedauern nur noch wenige Leute für diese Musik. Doch auf einmal tauchen mein Name und meine Noten in Würzburg auf. Ein Fehler? Ich befürchtete es…

Mein Stück „Alexander in Indien“ oder auch „Alessandro NellÌndie“ wurde in einem Würzburger Altenheim gespielt, welches für 700 Leute Platz bietet, aber nur von 220 besucht wurde. Lag es an mir? Übrigens, ein Autor dieses Blogs war mit seinen 46 Jahren der mit Abstand jüngste Besucher, hatte sich offenbar verirrt oder ist wesentlich älter als er vorgibt. In diesem Moment habe ich ihm den Schlüssel zum Blog gestohlen…

Man nennt übrigens dieses Etablissement in Würzburg Mainfranken-Theater. Warum die Wahl dort auf mich fiel, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Vielleicht aus Versehen beim Flaschendrehen für die Spielzeit 2015/16, als der Flaschenhals bei „G“ liegenblieb und „Galuppi“ ziemlich weit oben steht. Wahrscheinlich aber wollte man dem Würzburger Publikum mal etwas Ausgefallenes bieten. Doch was der Unterfranke nicht kennt…

Zugegeben, die Handlungen meiner Stücke sind keine leichte Kost und immer verzwickt. Ruhm, Ehre, Niederlage, Liebe, Eifersucht, Intrige… Sie wissen schon, was eben eine gute Oper benötigt. Und gute Musik. Üppig, wuchtig, aber auch zart und leise. Die Leute in meiner Zeit waren wild darauf, wie heute Dichter und Denker auf das Mutantenstadl. Im Gegensatz zu früher sind Opern in Anbetracht moderner Unterhaltung vom kulturellen Kostzettel verschwunden, bis auf ein paar Verrückte. Umso mehr freue ich mich, dass die üppige Verschwendung von Steuergeld zu einer Aufführung eines meiner so prächtigen Werke führte. Sonst wird doch auch so viel sinnlos ausgegeben… Habe ich mich gefreut. (Und der Auto dieses Blog auch!)

Bei „Alessandro nell`Indie“ handelt es sich um eine wirkliche Rarität, betonte eine Frau eine halbe Stunde vor Beginn des Stücks zur Einführung im Foyer des Theaters. Ihr Vortrag endete mit einer Warnung vor künstlerischen Freiheiten des Regisseurs – dem Zeitgeist entsprechend – diesmal auch Flüchtlinge ins Stück einzubauen, wegen der Aktualität. Wessen Brot ein Theater eben isst, dessen Botschaft es dann auch spielt. In der DDR war es ähnlich. Hätte der Mauerfall nicht stattgefunden, wäre aus Händel über kurz oder lang ein glühender Widerstandskämpfer für den Sozialismus geworden und mit Mozart ein Kommunist, der mit Marx auf der Bühne ein „Ja, wir schaffen das!“ in die Theatersessel gebrüllt hätte.

Ich weiß nicht genau, warum Theater auch Nachmittagsvorführungen anbieten. Kann es sein, dass Rentner spätestens um 20 Uhr im Bett sein müssen, bevor in der ARD der Tatort beginnt und im ZDF Rosamunde Inga Lindström flimmert? Vielleicht sitzen die älteren Herrschaften auch nur da, die Reste des Bildungsbürgertums, weil man ihnen in einem dunklen Moment und einem noch dunkleren Hausflur ein unkündbares und lebenslanges Abonnement aufgeschwatzt hat, was abgesessen werden muss. Zudem waren mehr Sanitäter anwesend als Feuerlöscher. Oder es gibt in ihrem Seniorenheim sonntags immer nur Streuselkuchen zum Kaffee, dabei will man aber einfach nur mal in Ruhe schlafen?

Nein, Würzburg hat mich wirklich nicht verdient! Obwohl, das Orchester spielte vorzüglich. Der Dirigent mühte sich sichtbar, die alte Zeit mit aller Gewalt aus den Orchestergraben musikalisch auferstehen zu lassen. Das ist gar nicht leicht, vor fast leeren Rängen zu spielen und sich als Musiker und Schauspieler zu fragen, warum man das eigentlich macht. Die Sänger waren grandios, oh ja, ganz ohne Zweifel! Auf der Bühne war viel los. Und feinste Musik! Aber wem sage ich das? Dem einen Autor des Blogs war zeitweise aber auch Scham ins Gesicht geschrieben, als er für die Rentnerschaft deutlich zu laut applaudierte. Als Rentner klatscht man eben nicht! Niemals! Ob Ritalin im Spiel war?

Theater, Oper und Schauspiel sind schon eigenartige Sachen in Deutschland. Kaum eine der rund 1.500 Einrichtungen arbeitet kostendeckend und wird subventioniert. So kostete im Würzburg eine der besten Karten 27,50 Euro, die wahrscheinlich 200 Euro hätte kosten müssen, wenn die Schauspielhäuser nicht mit staatlichem Geld gestützt würden. Bei Produktionskosten von einigen hunderttausend Euro pro Stück machen Kartenverkäufe nur 20 Prozent der Einnahmen aus. Permanente finanzielle Not macht erfinderisch. So kann man für eine Lächerlichkeit von 25.000 Euro im Jahr auch „Donator“ in Würzburg werden mit einem „Diamant“-Status. Aber gehen Sie bitte dann auch nicht hungrig in die Oper! Zum einen zer-knurrt womöglich der Magen die leisen Musikmomente, zum anderen kommt einem möglicherweise die Galle hoch, wenn das Catering-Personal auf die Frage, warum es denn keine Schnittchen gibt, berichtet, diese gäbe es nur unten im Keller für die Mitarbeiter. Oben im Foyer macht das zu viel Arbeit.

Dafür aber war die Garderobe barock ausgestattet: Sechs Mitarbeiter kümmerten sich um Mäntel, Schirme und Gehhilfen von 220 Besucher. Dagegen verkauften nur zwei jung-fast-dynamische Mitarbeiter Schaumwein und Kuchen – zum Glück kein Streuselkuchen, tuschelte es hinter mir. 

Auf die Frage, warum das Haus so schlecht besetzt sei, sagte eine Frau am Einlass: „Ist ja nur eine Barock-Oper!“. Deshalb werde ich wohl erst wieder in 220 Jahren nach Würzburg kommen. Überhaupt bin ich der Stadt überdrüssig, hatte ich doch mehr Aufmerksamkeit erwartet und etwas mehr Beifall. Wie aber soll man als Besucher auch drei Dinge gleichzeitig tun können: Schauen, schlafen und auch noch applaudieren? 

Würzburg ist vielleicht eine Hochburg des Boxbeutels, nicht aber der barocken Musik. Wahrscheinlich spielt man noch in 230 Jahren die üblichen Stücke, so süß wie Streuselkuchen und so leicht wie alkoholfreier Schaumwein. Ich habe wirklich mein Bestes gegeben und ebenso die Leute auf der Bühne und im Orchestergraben. Das Mainfranken-Theater hat es wahrscheinlich sogar gut gemeint mit der Kultur. Dabei wollte man doch in Wirklichkeit nur…. Streuselkuchen.

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3 Kommentare auf "Würzburg an der Würz: Eine Opaaa für Oma und Opa"

  1. Julie sagt:

    Lieber Frank,

    wir sind gute Freunde und uns verbindet nicht nur unsere Liebe zur klassischen Musik. Ich danke Dir für diesen herausragenden Beitrag, fern ab der sonstigen Themen. Niemand hätte darüber besser schreiben können. Herrn Galuppi hätt’s gefreut, da bin ich mir sicher.

  2. Monika sagt:

    Sehr geehrter Herr Meyer,

    mit einem Gruß aus der Heimat möchte ich ihnen für diesen grandiosen Artikel danken!
    Es sind meine eigenen Erlebnisse und Eindrücke, die sie auf unnachahmilche Weise, mit Feinsinn und Witz, niedergeschrieben haben. Im Grunde eine traurige Wahrheit, ich habe dennoch köstlich gelacht…

  3. mikap sagt:

    Dacht ich mirs doch gleich nach den ersten Zeilen.
    Dieser Beitrag hat mir den Tag versuesst.
    Wie immer außerirdisch gut.
    Schöne s WE

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