Wozu eigentlich arbeiten?

6. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

„Der rastlose Arbeitsmensch von heute hat tagsüber keine Zeit, sich Gedanken zu machen – und abends ist er zu müde dazu. Alles in allem hält er das für Glück.“ (George Bernhard Shaw)

Wenn einem die immerfort gleichen Beschlüsse der Europäischen Zentralbank (EZB) allmählich zum Hals heraushängen, die immer neuen Rekorde von DAX und Dow Jones bei vielen Lesern vermutlich nur noch als Schlafmittel taugen und man auch nicht schon wieder über einen drohenden Krieg in der Ukraine mutmaßen möchte, dann ist für den geneigten Börsenkommentator guter Rat teuer.

Wie schön, wenn dann unversehens eine gute Fee vorbeischwebt und einem ein prächtiges Thema sozusagen auf dem Silbertablett präsentiert. So ist es mir in dieser Woche gegangen. Und die „gute Fee“, das war Kollege Daniel Kühn, seines Zeichens Chefredakteur bei www.godmode-trader.de.

Im folgenden Artikel, den Daniel Kühn mir geschickt hatte, wird die Frage gestellt, warum in unserer „modernen Welt“ immer mehr Menschen Tätigkeiten verrichten, die eigentlich niemandem nützen. Etwa 70 Prozent aller Jobs seien gesellschaftlich überflüssig.

Zitate:

„Insbesondere in Europa und Nordamerika verbringen weite Teile der Bevölkerung ihre gesamte Arbeitszeit mit der Durchführung von Aufgaben, von denen sie selbst heimlich wissen, dass sie gar nicht gebraucht werden. Der moralische und geistige Schaden, der aus dieser Situation entsteht, ist tiefgreifend. Er ist eine Narbe quer über unsere kollektive Seele. Doch fast niemand spricht darüber“.

(…)

In unserer Gesellschaft scheint es eine allgemeine Regel zu geben, dass man um so schlechter bezahlt wird, je offensichtlicher die eigene Arbeit anderen Menschen nutzt. Auch hier ist eine objektive Beurteilung natürlich schwer zu finden, aber eine einfache Möglichkeit, ein Gefühl dafür zu bekommen, wäre zu fragen: Was würde passieren, wenn diese gesamte Berufsgruppe einfach verschwinden würde? Bei Krankenschwestern, Müllmännern oder Mechanikern ist es offensichtlich, dass – sollten diese je in einer Rauchwolke aufgehen – die Folgen augenblicklich und katastrophal wären. Eine Welt ohne Lehrer oder Hafenarbeiter wäre ebenfalls irgendwann in Schwierigkeiten, und sogar ohne Science-Fiction-Schriftsteller oder Ska-Musiker wäre diese Welt ein geringerer Ort.

Es ist aber nicht ganz klar, wie genau die Menschheit leiden würde, wenn alle Private-Equity-CEOs, Lobbyisten, PR-Forscher, Versicherungsmathematiker, Telemarketer, Gerichtsvollzieher oder Rechtsberater ähnlich plötzlich verschwinden würden. (Viele vermuten sogar, dass es die Welt deutlich verbessern könnte.)“

Die Situation scheint in der Tat absurd und wird immer absurder, je näher man hinschaut. Während die Arbeit knapp wird, sinken immer größere Teile der Bevölkerung in die Arbeitslosigkeit, wo sie aber nicht als Betroffene eines erkrankten System begriffen, sondern von den Medien als Parasiten der Gesellschaft verteufelt werden. Ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung wiederum hängt in Jobs fest, die sinnlos sind. Damit nicht genug: Diese Menschen arbeiten oft auch noch 10-Stunden-Tage in diesen Jobs, oder haben – wie oftmals in den USA – gleich drei solcher Beschäftigungen, um ihre Familien zu ernähren“.

(…)

„Während harte Arbeit allein die Menschen zwar erschöpfte, vermochte nur die offensichtliche Sinnlosigkeit des Tuns die Menschen wirklich zu zerrütten, wie man bald herausgefunden hatte. Es gibt wenig Furchtbareres für ein menschliches Wesen, als sein Leben mit etwas vollständig Sinnlosem zu verbringen.

Und doch tun es Millionen von uns, jeden Tag. Die Tragweite der gegenwärtigen Umstände ist uns allen kaum mehr bewusst, so normal ist der Wahnsinn mittlerweile geworden“.

Dass diese Feststellungen nicht nur, aber zu großen Teilen auch mit unserem Geldsystem zu tun haben, das sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt. In dem Artikel heißt es dazu:

„Die herrschende Klasse hat schnell erkannt, dass eine glückliche und produktive Bevölkerung mit einem Haufen Freizeit für sie eine tödliche Gefahr darstellt. Und die Idee, dass Arbeit an sich ein moralischer Wert zukommt, und dass jeder, der nicht bereit ist, sich für den Großteil seiner wachen Stunden irgendeiner Art von intensiver Arbeits-Disziplin zu unterziehen, auch nichts verdient, ist außerordentlich bequem für sie.“



In Russland gibt es ein Sprichwort, das da lautet: „Man wird eher bucklig als reich durch die Arbeit.“. Das eigene Tun jedoch als gänzlich überflüssig zu erleben, dürfte für die meisten von uns entsetzlich und auf Dauer unerträglich sein. Viel schlimmer jedenfalls als ein gekrümmter Rücken von zu viel Arbeit.

Das wird jeder bestätigen, der einmal eine Zeitlang ohne Job war, und nach zwei, drei Wochen des Herumsitzens plötzlich bemerkt hat, wie frustrierend, sinnentleert, verstörend ja sogar krankmachend ein Leben ohne eine eigentliche Aufgabe sein kann.

Von wegen, man sei dann dauerhaft im Urlaub. Das Gegenteil trifft zu: Zahlreiche Studien zeigen, dass „süßes Nichtstun“ die Menschen krank und unzufrieden macht.

Sind wir also zur Faulheit gar nicht geboren? Ist das, wovon viele von uns träumen, nämlich der Müßiggang, in Wahrheit eine Belastung, wenn er zum Dauerzustand wird?

Der Extrembergsteiger Reinhold Messner hat die Frage nach dem Sinn und Zweck unseres Lebens sinngemäß einmal folgendermaßen beantwortet:

„Der Mensch selbst ist es, der seinem Dasein mit seinem Tun einen Sinn gibt“.

Ich würde diese Aussage gerne noch um einen zentralen Aspekt ergänzen, den Reinhold Messner, wie ich ihn einschätze, sofort unterschreiben würde:

Wer seine Arbeit mit Begeisterung und Enthusiasmus tut, der hat gute Chancen, ein erfülltes, zufriedenes und glückliches Leben zu führen. Messner selbst übrigens hat diesen zentralen Punkt schon in seinen jungen Jahren für sich umgesetzt, indem er sich für ein Leben als Bergsteiger anstelle des Daseins eines verbeamteten Lehrers entschieden hatte.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt:

Wer aufrichtige Freude an seinem Tun hat, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals finanzielle Sorgen haben, denn Aufgaben, die uns wirklich am Herzen liegen, die machen wir so gut, dass sich damit in den allermeisten Fällen auch Geld verdienen lässt. Und ein gewisses Quantum an Geld ist für die meisten von uns eben unverzichtbar. Zumindest für all jene, die nicht wie Diogenes in einer Tonne hausen wollen…

Das bedeutet: Wer darüber nachdenkt, welches seiner Hobbys für ihn Beruf(ung) werden könnte, der wird sich fortan weder über den Sinn seines Daseins noch über seine monatlichen finanziellen Ausgaben größere Sorgen machen – sofern er den Mut hat, seine Überlegungen in die Tat umzusetzen.

Leider scheitert es genau daran nur allzu oft, weshalb viele Menschen am Ende ihres Lebens vermutlich den traurigen Satz sagen werden: „Ach hätte ich doch…“

© Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief




 

7 Kommentare auf "Wozu eigentlich arbeiten?"

  1. mark sagt:

    „Wer aufrichtige Freude an seinem Tun hat, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals finanzielle Sorgen haben, „… Leider nur unter sehr bestimmten Bedingungen. Wenn man nicht das Geld hatte für die richtige Ausbildung, nicht in richtigen Kreisen verkehrt, um die für den Job nötigen Leute kennen zu lernen, nur mit der Sicherung des niedrigen Lebensstandards beschäftigt ist

  2. rolandus sagt:

    Ganz gemäß Konfuzius:

    Wähle einen Beruf den du liebst und Du brauchst keinen Tag zu arbeiten!

    Schön Gruß
    rolandus

  3. Freude bei der Arbeit zu haben ist machbar. Es gibt einen wunderbaren Film, der zeigt, wie das auch in Firmen gehen kann. Selbstbestimmt und auf Augenhöhe:

    https://vimeo.com/118219210

  4. cource sagt:

    nur der ständige vergleich mit anderen macht uns unzufrieden–wir leben nun mal in einer neid und hassgesellschaft–wer in einem abgelegen ort oder auf einer einsamen insel lebt, fühlt sich frei und unbeobachtet–macht was er will und ist glücklich–der fleißige deutsche zahlt einen hohen preis, dafür das er in der welt, auch ohne rohstoffe, mitmischen darf–er spielt sich einfach vorzeitig kaputt–schön dumm

  5. busybus sagt:

    Der Artikel ist von David Graeber, und er schreibt u.a. von einem Schulfreund, der seine Berufung zu Gunsten eines Berufs aufgab: http://strikemag.org/bullshit-jobs

  6. Michael sagt:

    Arbeiten tut der Mensch im Betrieb. Im krassen Gegenzug dazu steht ‚die‘ Arbeit die ein Term der Umverteilung ist und damit exklusiv auf der Ebene Gesellschaft und Unternehmen zu betrachten ist. Damit ist klar, dem Arbeiten entkommt keiner. Denkste. Dem Arbeiten kann man entkommen, am besten, indem man ‚der‘ Arbeit nachgeht.

  7. markku sagt:

    Soso, dann sind also Versicherungsmathematiker und Rechtshelfer (impliziert letztlich, dass effiziente Versicherungen und das Rechtssystem per se unnütz wären) obsolete Berufe, aber Börsenbriefschreiber und Daytrader dienen den Menschen!? Ich schätze, es ist genau umgekehrt.

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