Wolle Aktie kaufe?

1. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt (www.baden-boerse.de)

Ich kann nichts dagegen machen: Wenn ich an die Art und Weise denke, mit der Offizielle und Finanzindustrie Hand in Hand versuchen, dem Anleger klarzumachen, dass die Lage aber sowas von im Griff und eigentlich rosig ist – und das weltweit und für immer und alle Zeit, schwebt vor mein geistiges Auge die Basian Pastewka-Figur des Rosenverkäufers, der aus dem Nichts erscheint und mit strahlendem Lächeln seine Rosen an den Mann bringen will. Nur mit verändertem Text. „Wolle Aktie kaufe … haha?“

In diesem Stil will man uns eine Realität verhökern, die es zwar nicht gibt, die wir aber unbedingt weiter genau so wahrnehmen sollen. Denn auf uns allen, ob als Konsument oder als Anleger, baut das Kartenhaus der Politik, der Notenbanken, der Finanzindustrie auf. Würden wir auf die absurde, ja wahnsinnige Idee kommen, nicht mehr auf „buy now, pay later“ hereinzufallen oder gar unsere Ersparnisse nicht in die Aktienmärkte zu stopfen sondern es abzuziehen, stünde das Gebilde, das seit vielen Jahren nur deswegen nicht in den Orkus kippt, weil wir uns alle immer weiter verschulden, vor einem schlagartigen Aus. Und das läuft dann nicht langsam ab, nicht wie ein Dahinsiechen, das jeder rechtzeitig erkennt und so alle Zeit der Welt hätte, sich darauf einzurichten. Nein, es würde schnell gehen. Zu schnell. Denn die nicht mehr erfassbaren Summen virtuellen Geldes, das durch nichts erwirtschaftet wurde, nun aber die Wirtschaft refinanziert einerseits und die Potenzierung des echten Geldes bei der Kreditvergabe andererseits sind mörderische Hebel.

Also tut man so, als sei alles bestens. Nur … genau jetzt bröckelt bei vielen der Glaube – und sei es nur der Glaube daran, dass es weiterhin gelingen wird, ungelöste Probleme erfolgreich unter den Teppich zu kehren. Sind es die Bilder von Flüchtlingen aus so vielen Teilen der Welt, nur mit dem, was sie am Leib tragen, auf der Suche nach Hilfe, die den Glauben an die Allmacht der Schönredner erschüttern? Oder der Umstand, dass die Zauberlehrlinge des ewigen Aufschwungs, die Sklaven ihrer eigenen Feigheit, nun besonders ungelenk und ungeschickt agieren, was andeutet, dass die Sache aus dem Ruder läuft?

Beides womöglich. Ersteres zeigt, dass niemand wirklich bereit ist, etwas gegen die Ursachen des Terrors zu tun. Hier mal ein Bömbchen, da mal eine Rede wilder Entschlossenheit … aber der IS oder Boko Haram können weiter ungehindert wüten, so sehr, dass selbst Al Qaida beinahe in Vergessenheit gerät. Diese massive Zunahme derer, die dem Tod zu entkommen suchen, mag die weniger mental gerüsteten in das dumpfe Geheul diverser Vorfahren verfallen lassen. Aber diejenigen, die noch einigermaßen selbständig denken können beschleicht das Gefühl, dass man hier weitaus gezielter agieren könnte … und sie fragen sich, warum das unterbleibt. Und es sind letztere, deren Wohlgefallen wichtiger ist, denn diese Klientel konsumiert mehr … und vor allem: sie investiert mehr.

Diejenigen, die nur unser Bestes wollen (sie wissen schon was) erkennen die Gefahr durchaus. Aber da ihnen außer schönen leeren Sprüchen nichts zur Verfügung steht, um unsereinen im Glauben zu lassen, alles sei bestens, wird umso lauter gegen jeden Zweifel an einer rosigen Zukunft gekeift. Doch wieder bekommen die Rattenfänger da ein Problem: Feine, leise Flötentöne im Hintergrund wirken wie der Gesang der Lorelei. Vertut man sich indes in der Tonlage, wirken sie wie Nebelhörner. Das weckt auf.

Selbst der letzte Dummbatz dürfte merken, wie lächerlich sich manche „Experten“ machen, die noch vor wenigen Monaten die große Bedeutung Chinas als Wachstumsmotor gepriesen haben und den Aufstieg des Landes als entscheidendes Element für die Aufwärtstrends der davon profitierenden Börsen in Europa und den USA hervorhoben. Dieselben Komiker stellen sich heute ohne rot zu werden vor Mikrofone und teilen dem beunruhigten Anleger mit, dass China ja nur vier Prozent des Exports deutscher Unternehmen ausmache oder für ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den USA verantwortlich sei. Also sei China gar nicht so wichtig.

Mein lieber Scholli, ich kann und will jetzt nicht schon wieder aufdröseln, warum diese Argumente Blödsinn bzw. eine gezielte Verfälschung der tatsächlichen Relevanz Chinas und der gesamten dortigen Region ist. Es sollte reichen klar zu machen: Wenn der Aufstieg von etwas entscheidend und dessen Abstieg dann wurst ist, habe entweder ich ein Problem mit meinem Verstand oder die Rattenfänger. So blöde sind die Anleger dann eben doch nicht. Und wenn man es wie jetzt mit der Augenwischerei übertreibt, bekommt man ein Problem:

Wenn Anleger das Gefühl bekommen, verarscht zu werden, ist es nicht weit zu einem Punkt, an dem sie auch die rosa Sprüche der Vergangenheit anzweifeln und schlicht überhaupt nichts mehr glauben. Dann hätten wir den Punkt erreicht, wo dieses ganze Spielchen für die Rattenfänger zum Bumerang wird. Zu einem mit höchst scharfen Kanten. In Kopfhöhe.

Und dass da was schiefläuft mit dem jahrelang doch so tadellos funktionierenden Spielchen, den Leuten den letzten Dünnpfiff erzählen und andrehen zu können, merken auch die Chinesen. Die haben eigentlich lange Zeit clever agiert. Sie haben sich angeschaut, was wir in Europa und den USA in Bezug auf die Wirtschaft falsch gemacht haben und es einfach richtig gemacht. Dumm nur, dass man dort in Bezug auf Kontrolle, Regulierung und Transparenz erstens noch ein wenig arg in alten Bahnen denkt und handelt und es darüber hinaus dahingehend in Europa und den USA nicht viel Positives abzugucken gibt. Und so hat man sich jetzt auf ein Brett begeben, dünn genug, um es zu bohren … das aber auch über die Reling führt.



Die chinesischen Börsen gehen deswegen über die Planke, weil sich durch das ewige Getrommel all derer, die davon profitierten (also alle außer den Anlegern) und die ebenso ewige Bereitschaft der Investoren, alles zu glauben, was nach leicht kassiertem Geld aussieht, eine Blase gebildet hatte, die die chinesischen Indizes oben auf eine Leiter ohne Sprossen bugsierte. Und jetzt gucken die ersten mal nach unten. Dumm gelaufen. Und nun machen die Behörden dort einen fatalen Fehler: Statt die Probleme einzugestehen und sich entschlossen an die Bereinigung zu machen, spielen sie mit den Anlegern blinde Kuh und wedeln mit Sündenböcken herum.

Man bringt es jetzt ernstlich fertig Leute zu verhaften, die am „Crash“ schuld sind. Nicht die Blase ist schuld. Nicht das schwindende Wachstum ist schuld. Nein, ein Journalist, ein Mann aus der Wertpapieraufsicht und ein paar Hanseln in einem großen Brokerhaus sollen den Kursrutsch verursacht haben. Da hat man sich wohl bei der Scharade um Laurent Kerviel 2008 was abgeschaut. Dumm nur, dass das bei uns damals auch kein Mensch geglaubt hat. Und wer mit so einem Schwachsinn daherkommt, verliert jede Glaubwürdigkeit. Ganz ungut, wenn man ein flötenspielender Rattenfänger ist, der einem erzählen will, alles sei im Griff.

Die chinesischen Behörden werfen diesen Menschen vor, in Wort und Tat die Kurse manipuliert zu haben … während sie selbst es wirklich tun. Nur eben in die „richtige“ Richtung. Die Frage ist: Was soll das nutzen? Man sollte irgendwie dort kapieren, dass dadurch erst recht eine Blase aufgebaut wird, weil alle wissen, dass z.B. der Shanghai Composite längst tiefer stehen würde, wenn er nicht seit einigen Tagen kurz vor dem Handelsende aus dem Minus gezerrt würde, um den schönen Schein der Stabilität zu wahren. Vor allem sollte man kapieren, dass dergleichen in die Hose gehen muss, wenn es um die Ecke einen Index gibt, der die Realität abbildet:

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Denn der Hang Seng China Enterprises Index in Hongkong wird nicht von den „Stützungskäufen“ (so nennt man Manipulation in die für die Offiziellen „richtige“ Richtung) erfasst. Er bildet die 40 größten chinesischen Unternehmen ab, deren Aktien (meist noch aus der Zeit, als Shenzen und Shanghai in dieser Form noch nicht existierten) in Hongkong gehandelt werden. Der Unterschied bedarf keiner weiteren Worte – obenstehend der „stabile“ Shanghai Composite über die letzten drei Monate, hier folgend der Hang Seng China Enterprises für denselben Zeitraum. Man beachte die seltsam unterschiedliche Entwicklung der letzten Tage. Sich einzubilden, mit diesen Schönfärbereien davonzukommen, ist verdammt naiv.

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Wir lernen: Wenn man Menschen und Geld manipulieren will, muss man es geschickt machen. Und man muss wissen, wann man die Bremse reinhauen muss. Wer diesen Zeitpunkt verpasst, bekommt seine Dummheit gerne mal mit Schwung um die Ohren gehauen. Das gefährliche in diesen Tagen ist, dass das an vielen Börsen und zudem auch noch in der Politik zeitgleich passieren könnte.

Mit besten Grüßen, Ronald Gehrt 

 

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6 Kommentare auf "Wolle Aktie kaufe?"

  1. Stony sagt:

    Da sind die Grafiken vertauscht… Sonst wie immer ein sehr guter Beitrag!

  2. waltomax sagt:

    Oha! Ich bin doch sehr erstaunt, solch einen Artikel lesen zu dürfen, der Klartext spricht.
    Nun habe ich von Wirtschaft und Börsen wenig Ahnung, habe aber im Fazit ähnliche Texte schon vor 10 Jahren von mir gegeben und dafür mächtig Prügel bezogen. Meist im Kreise von Kollegen und Freunden. Was lernt man daraus? Sich selber mehr zu vertrauen und wenige auf sog. „Experten“ zu hören. Denn es wird durchwegs nur mit Wasser gekocht. Wage zu wissen!

  3. MFK sagt:

    So ist das halt an der Börse. Wenn jeder zum richtigen Zeitpunkt kauft bzw. verkauft, gäbe es ja keinen Handel. Dann wäre Börse auch langweilig. Auch wissen wir immer erst hinterher, wann der „richtige Zeitpunkt“ war bzw. gewesen wäre.

  4. Sandra sagt:

    Prägung: Etwas zuzugeben wirkt nach allgemeiner Auffassung wie ein Geständnis, eine Auslieferung an ein Urteil. Es ist sehr Vielen daher überaus wichtig, das Gesicht unter allen Umständen zu wahren. Ein kreiertes, durch massives Schönreden entstandene und nur dadurch zu erhaltende Bildnis stimmt leider oft mit der tatsächlichen Fratze nicht überein. Ohne Verurteilung oder Wertung ist dies ein Musterbeispiel für Fehlinvestition.

  5. bluestar sagt:

    Wieder ein schöner Artikel von Herrn Gehrt, vielen Dank.
    „In diesem Stil will man uns eine Realität verhökern, die es zwar nicht gibt, die wir aber unbedingt weiter genau so wahrnehmen sollen.“
    Das betrifft neben Börse natürlich auch die Themen, Demokratie, Pressefreiheit, Rechtsstaat und westliche Werte…

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