Wolkenkuckucksheim trifft Realität

27. September 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

vom Smart Investor

In einer österreichischen Welt stünden Griechenland und seine Gläubiger heute vermutlich nicht unmittelbar vor der Pleite. Dies nicht etwa deshalb, weil es dort mehr reiche und freigiebige Onkels als in der EU gäbe, sondern weil bereits die potenziellen Kreditgeber der ersten Generation mit „gutem Geld“ kaum nennenswert in das griechische Geschäftsmodell investiert hätten..

Ein derart absurd hoher Schuldenberg ist fraglos kein rein griechisches Problem. Zunächst einmal ist er Ausdruck eines Geldes, das als beliebig erzeugbares „Fiat Money“, solche Exzesse überhaupt erst möglich macht. Er ist aber auch Ausdruck jener Kumpanei der frühen Euro-Tage, als sich alle recht europäisch gaben: Politik, Wirtschaft und natürlich die Banken – letztere freilich nur, solange die Rendite stimmte, oder was man dort, in jener nicht ganz branchenuntypischen Mischung aus Gier, Dummheit und Überheblichkeit, so alles für Rendite hielt. Wer ein kritisches Wort anmerkte, der war nicht ganz auf der Höhe der Zeit, in jener schönen neuen EU-Welt, ein notorischer Miesmacher oder schlimmer noch, ein Rückwärtsgewandter, ein Gestriger. Die Suppe löffelt – wie eigentlich immer in solchen Fällen – der zwangsverpflichtete Steuerzahler aus, und der wird noch auf Jahrzehnte an „seiner“ Suppe löffeln.

Zeit für Griechenland

Auch in der Realität wird Griechenland den Gang zum Konkursrichter wohl nicht so schnell antreten müssen. Denn in der real existierenden Marktwirtschaft ist es nicht mehr entscheidend, wohin Angebot und Nachfrage von sich aus streben, sondern wohin sie die weise Führung der Wirtschaftsplanung lenkt. Griechenland hätte schon vor über einem Jahr seine Zahlungsunfähigkeit erklären müssen, den Euro aufgegeben und würde nach dem unvermeidlichen Einbruch vermutlich heute bereits ein hausgemachtes Wirtschaftswunder erleben. Dies weiß die Politik jedoch zuverlässig zu verhindern. Die Losung: „Zeit kaufen für Griechenland“ wie es die Kanzlerin ihrem Stichwortgeber Günther Jauch so unnachahmlich in die Kameras des Staatsfernsehens diktierte. Für Prognosen müssen wir also stets unterscheiden zwischen dem, was bei freier Entwicklung von Angebot und Nachfrage passieren würde, dem, was langfristig wünschenswert wäre und dem, was die Politik notfalls mit der Brechstange durchzusetzen bereits ist. Solange die Politik das Heft des Handelns in der Hand hat, werden die Marktkräfte bis zur Unkenntlichkeit überlagert und verzerrt.

Aus fremder Brieftasche

Als Blaupause für den EU-Transfermechanismus können unsere heimischen Transfersysteme, sei es für Individuen (Hartz IV), sei es für Bundesländer (Länderfinanzausgleich) dienen. War Deutschland einst für seine Ingenieurleistungen und seinen Erfindungsgeist berühmt, so dürfen wir uns heute der wohl ausgeklügelsten Transfersysteme weltweit rühmen. Von so viel Erfahrung wird künftig auch Griechenland profitieren, wenn dort Gerechtigkeit und Solidarität nach deutschem Vorbild Einzug halten. Da kann uns kaum mehr Bange um Griechenland sein, denn noch jede Transferbürokratie hat eine kaum zu bremsende Tendenz zu dauerhaftem Wachstum. Das Band zwischen Nehmern und Gebern ist auf Dauer geknüpft, denn im Gegensatz zur klassischen Hilfe zur Selbsthilfe, wird der Empfänger in aller Regel gerade nicht aus seinem Zustand der Abhängigkeit heraus transferiert.

Bis auf die Minderheit der Geber, können alle sehr gut mit dem Beharrungsvermögen solcher Raubsysteme leben: Der Apparat, der sich Einfluss und Pfründe sichert, aber auch die Empfänger, die sich ein Leben aus eigener Kraft oft kaum noch vorstellen können. Ihr gemeinsames Interesse ist die Aufrechterhaltung der Politik „aus fremder Brieftasche“. Scheitern kann so ein System letztlich nur an der Überforderung der Geber, oder an deren Unwillen sich weiter ausnehmen zu lassen. (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Wolkenkuckucksheim trifft Realität"

  1. crunchy sagt:

    Hi, musste mich auch erstmal setzen.
    Dass es kommen konnte, hatte ich ja befürchtet.
    Meine „physo“ Positionen blieben davon noch
    unberührt.
    Hopp oder dropp, ist die Frage der laufenden Woche.
    Ich habe mich für ein dropho entschieden:
    In weiter fallende Kurse v o r s i c h t i g (!)
    kaufen.
    Bei dem Endspiel, das sich noch lange (?)
    hinziehen kann, werden die Zentralbanken bis
    geht nicht mehr kämpfen.
    Nur , und das freut uns Bugs alle:
    D E R E N Nerven liegen blank!

    Weiterhin gilt für mich: Mir gäbet nix!

    Gibt´s woas umsinst: nähmämät!

    Silber bei 20 wär´ sowas.
    Drunner is nimmer!

  2. samy sagt:

    „Mir gäbet nix! Gibt´s woas umsinst: nähmämät!“

    Dem ist nichts hinzu zu fügen.

    🙂 🙂 🙂

  3. auroria sagt:

    Is hier jetzt OT, aber:

    Gerade „Neues aus der Anstalt“ gesehen, H A M M E R Folge!
    Sprechen uns absolut aus dem Herzen, vor allem die ersten ~ 10 Minuten!

    Wers verpasst hat, unbedingt anschauen, sollte in ein paar Stunden online sein, ca unter:
    http://anstalt.zdf.de/ZDFde/inhalt/30/0,1872,8349758,00.html

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