Wohl dosiert ins Koma gespart

8. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Die EU-Kommission hat beschlossen, sämtliche Klingeltöne auf den Smartphones in Europa zu verbieten und durch die Europahymne zu ersetzen. Nein? Zugegeben, das ist Zukunftsmusik, aber bald im Bereich des Möglichen. Doch der Reihe nach…

Haben wir Sie erschreckt? Wir Autoren erschrecken täglich!

Wie geht es eigentlich Griechenland? Man hört gar nichts mehr, außer von einem neuen Sparprogramm, welches in dieser Woche verabschiedet wurde…

Was für Erfolge! Unter anderem wurde den Landwirten die Subventionen für Treibstoffe gestrichen. Sie zahlen künftig 200 statt 65 Euro für eine Tonne Diesel. Ja, wir wissen, Subventionen führen zu Marktverzerrungen. Aber in der Not? Das sind sicherlich bahnbrechende Experimente, um den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen. Keine Sorge, denkt der global denkende Ökonom, wenn Landwirte in Griechenland scheitern, die EU hat genügend Überschüsse für die Versorgung Griechenlands mit Nahrungsmitteln. Muss man bloß zukaufen…

Weniger Sorgen dagegen müssen sich die vier großen Zombie-Banken machen. Sie bekommen immer das, was sie brauchen. Von 14,4 Milliarden Euro war neulich die Rede. Vorerst. Damit sie weiter Kredite vergeben können, beispielsweise an Bauern, die ihren Diesel finanzieren müssen. Wohin das alles versickert, wir wissen es nicht, wir wollen ja auch keine nötigen Unsicherheiten schüren…

Experten behaupte, die bittere Medizin wirkte, weil es dem Patienten immer schlechter gehe. Die undankbaren Hellenen weigern sich aber, diesen Zaubertrank noch schneller zu sich zu nehmen. Soweit man sehen kann, ist es die falsche Medizin. Offiziell sind die Sparprogramme ein großer Erfolg. Deshalb wird der Schuldenberg zum Jahresende auf 340 Milliarden Euro angewachsen sein. Wachstum gibt es auch bei der Armut. 36 Prozent der Griechen müssen inzwischen weniger als 4.608 Euro im Jahr auskommen. Ja, was sie vorgefressen haben, müssen sie nachhungern, ruft es aus der Zentrale für Gerechtigkeit (ZdG) der Geldgeber, nur nicht so direkt.

Die Geldgeber beklagen eine permanent zu zögerliche Umsetzung der Reformen. Hat damit jemand jemals gerechnet? Die Troika hatte es kürzlich sehr eilig mit der Umsetzung des nunmehr dritten Hilfspaket, was die Griechen eigentlich gar nicht wollten – wohl aus der Erfahrung mit den letzten beiden, womit kein Grieche, sondern die Gläubiger gerettet wurden. Es geht auch gar nicht darum, was Griechenland möchte, sondern die allwissenden Organisationen, wo sich die Sesselfurzer ihre rosige Welt am Reißbrett zusammenzimmern. Sie bestimmen, was richtig und falsch ist. In der Zwischenzeit subventioniert die EZB ihre teuren und tollkühnen Pläne, inklusive aller Schäden, die sie anrichten.

Unterdessen schrumpft die griechische Wirtschaft weiter, die Preise fallen, die Verelendung schreitet voran. Erinnert sei an die Worte jedes Präsidenten, jeden Euro zurückzuzahlen. Nur wann, ließen sie offen, vielleicht in tausend Jahren. Dann ist jede Milliarde eine Kleinigkeit bei den vielen Nullen auf den Geldscheinen und den vielen Nullen im Amt. 

Es gibt jedoch Hoffnung! Wenn die Privatisierungswelle gelaufen ist, werden die Filetstücke für einen besonders kleinen Obolus verschleudert worden sein und das „Volkseigentum“ liegt dann in fremder Hand. Der Erlös wird an die Kreditgeber überwiesen, während der Schuldenberg weiter gewachsen ist. Die armen Griechen, sie kommen/dürfen aus der Nummer nicht heraus, während der staatlich gelenkte Optimismus aus den Schaltstellen in Brüssel täglich neue Rekorde meldet. Einige Zeit später wird es dann heißen, sämtliche Klingeltöne werden durch die Europa-Hymne ersetzt. Bis dahin bleibt es lächerlich, aber spannend… (© Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten, Langfassung)

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5 Kommentare auf "Wohl dosiert ins Koma gespart"

  1. lubri sagt:

    Lieber Herr Meyer,

    es muß ein Fehler in Ihren Angaben sein.

    Wenn richtig: Diesel hat eine Dichte von ca. 0,85 kg/l. Eine Tonne Diesel sind also ca. 1.200 l. 1.200 l a 200 € macht einen Literpreis von rd. 17 €cent. Das ist weit unter den Produktionskosten. Vorher war der Preis nur 65 €, Literpreis also nur 5 €cent. Die Subventionen, die bekanntermaßen immer zu Fehlallokationen und zum Betrug führen, sind also gesenkt worden. Was ist daran falsch?

    • Frank Meyer sagt:

      Stimmt… Genau muss es heißen : Diesel für landwirtschaftliche Maschinen wird jetzt höher besteuert.
      Bislang zahlten Bauern 66 Euro Steuern je Tonne Diesel. Sie werden ab sofort 200 Euro je Tonne zahlen.
      Danke für den Einwand!

  2. Helmut Josef Weber sagt:

    Man– wie kann man nur mit so wenig Worten so viel Wahrheit schreiben.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

  3. Skjumper sagt:

    Auch wenn es alles der Wahrheit entspricht: Soweit es Griechenland betrifft hat sich mein durchaus mal gegebenes Mitleid mit den Griechen seit der letzten Wahl auf Null reduziert. „Die dümmsten Kälber wählen sich die dicksten Schlächter“. Das werden wir hier in DE wohl auch noch lernen.

  4. FDominicus sagt:

    Die Einnahmen und Ausgaben müssen angepaßt werden. Der richtige Weg wäre Streichung aller Subventionen und eine massive Entstaatlichung. Davon ist nichts zu sehen und daher wird es nicht besser werden. Sparen heißt nicht Geld ausgeben was man nicht hat sondern von dem was man erwirtschaftet hat einen Teil zurücklegen.

    Die Eingriffe des Staates werden immer größer und damit wird es immer problematischer aus diesem Kreis heraus zu kommen. Und da der Staat weiter expandiert, wir der auch mehr Geld brauchen. Geld was in Griechenland offenbar nicht erwirtschaftet wird.

    Richtig wäre es auch gewesen niemals anzufangen „Rettungspakete“ zu verteilen. Den Erfolg schreiben Sie ja selber auf 340 Mrd an Schulden und es kommen immer mehr dazu…..

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