Wohin die Gier führt, wenn Geld keine Rolle spielt

15. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Es ist vollbracht. Die teuerste Übernahme in der Geschichte Deutschlands wird tatsächlich Realität. Der Leverkusener Bayer-Konzern nimmt 66 Mrd. USD (!) in die Hand und kauft den Saatgut-Hersteller Monsanto aus St. Louis/USA. Tja, was soll man da noch sagen?

66 Mrd. für das mutmaßlich unbeliebteste Unternehmen der Welt, eine Prämie von 44% auf den letzten Schlusskurs vor Bekanntgabe der Übernahmeabsichten. Eine Bewertung zum 19fachen des aktuellen EBITDA, finanziert zu 75% mit Fremdkapital, zu 25% mit Eigenkapital aus einer zu begebenden Kapitalerhöhung. Und wofür das Ganze?

Um in vier Jahren einen zweistelligen Anstieg des Gewinns je Aktie zu erzielen, wie CEO Werner Baumann im Investoren-Call noch einmal betonte. Für dieses eher bescheidene Wachstum in einem zudem relativ zyklischen Markt werden den Konzern zukünftig rund 50 Mrd. USD Schulden plagen.

Gleichzeitig ist eine Kapitalerhöhung und die Ausgabe von Wandelanleihen über ca. 19 Mrd. USD geplant – für heutige Bayer-Aktionäre eine Verwässerung von bis zu 22%. Auf den ersten Blick nicht wahnsinnig attraktiv. Was die Rechnung jedoch maßgeblich verändert, ist die Aussicht auf Fremdkapital zu schätzungsweise maximal 3%. Die geniale strategische Schachzug von Bayer ist dadurch nämlich vor allem eines: Financial Engineering in Reinstform.

Finanzingenieure am Werk

Doch so niedrig der Zins auch sein mag, der Hebel könnte eben auch in die andere Richtung ausschlagen. Sollten die Geschäfte bei Monsanto wider Erwarten alles andere als rund laufen, dürfte enormer Abschreibungsbedarf auf den neu entstehenden immateriellen Firmenwert entstehen. Von der Fokussierung auf einen höchst umstrittenen Industriezweig völlig zu schweigen.

Zwar macht das billige Geld der EZB solche Entscheidungen erst möglich, ob eine Zentralbank jedoch ein guter Ideengeber ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Mega-Übernahme ist gleichzeitig ein wunderbares Beispiel für den geldpolitischen Irrsinn unserer Tage. Statt Geld zu Minuszinsen bei der EZB zu parken leiht ein Konsortium an Banken (darunter die BofA Merrill Lynch, Credit Suisse, Goldman Sachs, HSBC und JP Morgan) dieses lieber für 3% oder weniger an Bayer. Das Geld fließt postwendend an die Aktionäre von Monsanto, die diese Mittel erneut am Aktienmarkt reinvestieren.

Die Blase nährt also die Blase, dies und jenseits des Atlantiks. Im Fall von Charles Lindbergh war der Erstflug über den Atlantik mit der „Spirit of St. Louis“ am Ende von Erfolg gekrönt, ob gleiches auch für die transatlantische Übernahme in St. Louis gelten wird, darf aus heutiger Sicht zumindest angezweifelt werden.

Kursziel 18.000!

Erste Anzeichen von Fehlallokationen beobachtet auch Dr. Hendrik Leber vom Frankfurter Value-Asset-Manager ACATIS. Das aktuelle Umfeld wird uns seiner Meinung nach jedoch noch einige Jahre erhalten bleiben. Die Aktienkurse sollten daher in den nächsten Jahren „weit über das vernünftige Maß hinaus steigen“.

Ein DAX-Stand von 18.000 Punkten sei dann alles andere als unrealistisch. Lebers Kollege Dr. Uwe Rathausky bemühte dazu einmal mehr Warren Buffett. Der Value-Papst hatte bereits 2015 erklärt, dass Aktien im historischen Vergleich alles andere als günstig seien. Bliebe das aktuelle Zinsumfeld jedoch für weitere zehn Jahre bestehen, wären sie jedoch vielmehr als Schnäppchen anzusehen. Und Hand aufs Herz: Mit einem baldigen Ende der Nullzinsen ist doch nicht ansatzweise zu rechnen.

Für Hendrik Leber wird es daher zukünftig völlig normal sein, steigende Aktienkurse trotz stagnierender Ertragszahlen zu beobachten. Der Crack-Up-Boom – wie wir dieses Phänomen nennen – ist im vollen Gange. Wie bereits bei Bayer/Monsanto zu erkennen ist, nährt die Blase die Blase, bis sie irgendeinmal platzt. Mit sinnvollen Aktienanlagen in solchen Zeiten beschäftigen wir uns unter anderem im Kapitalschutzreport im nächsten Smart Investor, der Ende September erscheint. Daneben widmen wir uns jedoch auch den anderen Asset-Klassen und Strategien, mit denen sich schwere Zeiten überstehen lassen werden.

Zu den Märkten

Nach den Kursrückgängen der letzten Tage befindet sich der DAX aktuell im Niemandsland (vgl. Abb., gelbe Markierung).

2016_09_14-dax

Der Kurs musste die wichtige Unterstützung im Bereich von knapp 10.500 Punkten (rote Linie) aufgeben, hält sich aber über der oberen Begrenzung der an dieser Stelle schon mehrfach gezeigten Abwärtsflagge (blaue Linie). Diesen Montag gab es dann eine Schrecksekunde, als der Markt den Kurseinbruch an der New Yorker Börse vom vorangegangenen Freitag nachvollzog und unter diese Linie zurückfiel.

Allerdings konnte sich der DAX noch im Sitzungsverlauf wieder erholen. Im Ergebnis befinden wir uns nun charttechnisch zwischen zwei wichtigen Linien. Die schnelle Erholung spricht für eine gewisse innere Stärke des Marktes, allerdings ist die widerstandslose Aufgabe des 10.500er Bereichs auch ein klares Schwächezeichen.

Das übergeordnete Bild war während der letzten Wochen bullish: Der impulshaften Aufwärtsbewegung folgte – geradezu klassisch – eine Konsolidierungsphase. Zwar dauerte diese für unseren Geschmack ein bisschen zu lange, allerdings kann man es auch als Zeichen der Stärke des Marktes bewerten, dass der DAX die Verschlechterung der Nachrichtenlage so klaglos wegstecken konnte.

Wir sprechen nicht nur von einer konjunkturellen Eintrübung, sondern auch von angekündigten Terroranschlägen, Terrorwarnungen, geopolitischen Spannungen und dem saisonal ohnehin äußerst ungünstigen Börsenmonat September. Sentimenttechnisch ist es also eher ein Pluspunkt, dass der Markt nicht weiter/nachhaltiger zurückgefallen ist. Ansonsten sind wir ohnehin der Ansicht, dass bei richtig schlechten Nachrichten die Notenbanken schnell und massiv einschreiten, um uns erneut zu „retten“. Der Montag könnte so betrachtet der nicht untypische „Ausschüttler“ am Ende einer Konsolidierung gewesen sein. So unbefriedigend all diese Konjunktive sind, der Vorteil der aktuellen Situation besteht charttechnisch in zwei klar definierten Linien, an denen sich das weitere Kursverhalten messen lässt. Ein kraftvoller Ausbruch über die 10.500er Marke wäre ein Indiz für das bullishe Szenario, ein erneutes und nachhaltiges Eintauchen in die blaue Flaggenformation ist dagegen bearish zu interpretieren. Besonders vor dem Hintergrund des nach wie vor positiven Sentiments favorisieren wir weiter das bullishe Szenario.

Negativer sieht das Bild dagegen aktuell beim S&P500 aus. Dessen Kurseinbruch vom Freitag war – wie erwähnt – Auslöser für die jüngsten Kursturbulenzen im DAX. Am vergangenen Freitag wurde das markante Hoch vom Mai 2016 (rote Linie) unterboten.

2016_09_14-sp500

Am Montag erholte sich der Index wieder kraftvoll über diese wichtige Marke, um gestern erneut darunter zu fallen. Diese Hü-Hott-Kombination (gelbe Markierung) und die stark angestiegene Volatilität sind Ausdruck der aktuellen Unsicherheit der Marktteilnehmer. Dass die Formation mit einem Abwärts-Gap eingeleitet wurde, ist negativ zu bewerten. Viel darf hier nach unten nicht mehr passieren. Aber auch für die USA lehrt die Erfahrung der vergangenen Jahre: Sobald es richtig ungemütlich an den Märkten wird, greift die Notenbank ein. Schon oft erwies sich, was wie der „sichere“ Beginn eines Abwärtstrends aussah, in der Rückschau lediglich als Dip im „ewigen“ Aufwärtstrend „sponsored by Fed“.

Fazit

Bayer ist nach Wochen des Pokerns am Ziel seiner Träume. Aus diesen könnte jedoch schnell ein veritabler Alptraum werden, denn die „grüne Gentechnik“ ist alles andere als ein Selbstläufer.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

4 Kommentare auf "Wohin die Gier führt, wenn Geld keine Rolle spielt"

  1. Argonautiker sagt:

    Ich halte die Übernahme von Monsanto eher für einen weiteren Angriff auf die deutsche Wirtschaft, denn Bayer ist nur noch zu 20% in deutscher Hand. Die Frage ist also wer kauft da gerade wen? Wir kennen die Verträge nicht, aber grundsätzlich sind zwei Möglichkeiten gegeben. Sind sie so geartet, daß Bayer auch die Lasten kauft, dann kauft sie damit auch die zu erwartenden Strafzahlungen mit. Diese würden dann voraussichtlich wieder beim Deutschen Steuerzahler landen.

    Lauten die Verträge so, daß Bayer die Lasten nicht mitkauft, dürfte Monsanto sich so der Strafzahlungen entziehen, denn wer wollte etwas holen wo nichts mehr ist.

    In Beiden Fällen passiert jedoch eines, nämlich, daß die Angloamerikanischen Anteilehalter der derzeitigen Monsanto Aktien mit den 28% der amerikanischen Anteilseignern und 18%igen Britischen Anteilseignern der Bayer AG verschmelzen, und so ihre Majorität gegenüber den 20% der deutschen Anteilshaltern extrem vermehrt, sodaß das neue Bayer/Monsanto vielleicht noch zu 12-15% unter deutscher Leitung läge.

    In meinen Augen ist der Deal nichts anderes als die Ansage, es interessiert uns einen Scheiß ob ihr TTIP und CETA zustimmt, oder nicht, wir übernehmen die Sache, so oder so, denn wir sind schon längst so systemrelevant bei euch investiert, das wir uns einfach die Türen von innen selbst aufmachen können, denn die Majorität der Angloamerikanischen Investoren in der Bayer AG, mit 28+18=46%, gegenüber 20% deutscher Beteiligung, konnte längst bestimmen wohin die Reise für Bayer geht.

    Es sieht zwar so aus, also wenn sich Deutschland da gerade in Amerika einkauft, in Wirklichkeit ist es jedoch genau andersherum, und wenn es blöd kommt, wird es, wenn die Lasten mitgekauft wurden, dazu kommen, daß der Deutsche Steuerzahler für des Amerikaners Strafzahlungen aufkommen muß.

  2. MFK sagt:

    Entscheidend ist, ob es Bayer gelingt, dass erworbene Unternehmen in den Konzern zu integrieren und synergien zu heben. Angesichts großer kultureller Unterschiede ist das kein Selbstläufer. Daimler, RWE, Adidas, die Deutsche Telekom und Siemens haben gezeigt, dass dies schief gehen kann aber SAP, FMC und die BASF wiederum haben das geschafft. Also stay tuned.

  3. Paul Mueller sagt:

    Hier waren Economic Hitmans am Drücker…
    Bayer wurden die Sargnägel reingeschlagen,… Good Luck

  4. M.Schmidt sagt:

    „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

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