Woher kommt der Deflationsdruck?

5. Dezember 2013 | Kategorie: Gäste

von Robert Rethfeld

Die Euroland-Inflationsrate stieg im November von 0,7% auf 0,9%. In den USA dürfte die November-Inflationsrate von 1,0% auf 1,3% anziehen. Alles gut also? Nicht ganz.

Die Inflationsrate wird von Einflussfaktoren wie den Rohstoffpreisen, den Arbeitskosten und der konjunkturellen Entwicklung bestimmt. Der Blick auf den langjährigen Rohstoffindex zeigt seit etwa 100 Jahren einen übergeordneten, realen Abwärtstrend.

Damit dieser Chart nicht falsch verstanden wird: Natürlich sind die Rohstoffpreise insgesamt gestiegen. Aber der Anstieg blieb seit 1920 unterhalb der Inflationsrate. Rohstoffe werden real preiswerter. Ähnliche Charts lassen sich für die meisten Rohstoffe zeichnen.

Das bedeutet: Die Rohstoffhausse von 2001 bis 2011 dürfte als eine mittelfristige Gegenbewegung im Rahmen eines langfristigen, realen Abwärtstrend notiert werden. Seit dem Jahr 2011 hat der Langfristtrend das Ruder wieder übernommen (siehe Pfeil obiger Chart). Man könnte entgegenhalten, dies sei ja keine eindeutige Trendwende. Die Rohstoffhausse könnte ihre Bewegung erneut aufnehmen.

Ein wesentliches Argument gegen diese Sichtweise besteht in der Angebotssituation wichtiger Rohstoffe. Der Kohlepreis befindet sich auf einem Niveau, auf dem er bereits im Jahr 2004 notierte. Kohle ist preiswert und in rauen Mengen am Weltmarkt verfügbar. Und das noch mehrere hundert Jahre. Als Folge wird der Betrieb von – vergleichsweise sauberen – Gaskraftwerken von deutschen Energieunternehmen als nicht rentabel angesehen.

Im Jahr 2012 haben die USA 95% ihres Erdgasverbrauchs durch Eigenproduktion abgedeckt. Die Autarkie wurde hier praktisch erreicht. In den kommenden Jahren mutieren die USA zum Erdgasexporteur.

Die US-Erdölproduktion weitet sich derzeit schlagartig aus. Die mit Hilfe neuer Methoden ausgebeuteten Felder in North Dakota und Texas einerseits und der gezügelte Erdöl-Verbrauch der US-Amerikaner andererseits sorgen dafür, dass sich die Schere zwischen Angebot und Nachfrage verengt.

Betrug der Deckungsgrad des Öl-Verbrauchs durch Eigenproduktion in den 1960er Jahren noch 80 Prozent, so fiel dieser bis zum Jahr 2007 auf 33 Prozent. In den kommenden Jahren soll dieser Deckungsgrad deutlich steigen und die 60-Prozent-Marke erreichen (nächster Chart).

Das Erdöl-Angebot auf dem Weltmarkt steigt bis zum Jahr 2015 deutlich an, danach flacht der Anstieg ab. Unter diesen Umständen kann einem Anstieg des Ölpreises in den Jahren 2014 und 2015 nur eine geringe Wahrscheinlichkeit zugestanden werden. Dies würde nur dann passieren, wenn die Nachfrage nach Erdöl plötzlich stark zunehmen würde und/oder das Angebot verknappt werden würde. Dazu aber müssten die BRIC-Staaten „anspringen“… (Seite 2)

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