Wo finden wir die Wahrheit?

14. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Man scheint momentan davon auszugehen, dass diese dreifache Katastrophe durch Erdbeben, Flutwelle und Atomunfälle keine Auswirkungen über Japan hinaus hat. Ich denke, das ist falsch. Völlig falsch sogar. Wenn die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt einen solch schweren Schlag hinnehmen muss, hat das Auswirkungen…

Die Welt ist vernetzt. Heute ist es wirklich so, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Sumatra am Ende für einen Streik der Automobilarbeiter in Detroit verantwortlich sein kann. Andererseits: Wie sehr werden diese Ereignisse die Weltwirtschaft beeinflussen? Und in welchen Bereichen?

Davon abgesehen, dass dieser Moloch einer in sich verzahnten Weltwirtschaft nicht einmal von den vorgeblich weisen Notenbanken überblickt wird, wie wir seit mehreren Jahren immer wieder feststellen müssen, kann das niemand wirklich schon jetzt beurteilen. Es ist nicht voraussehbar … man kann nur versuchen wahrzunehmen, was wo passiert und darauf reagieren. Und selbst das nur mit Zeitverzug, der dadurch entsteht, dass wir so gut wie nie die Wahrheit sehen und hören … und erst recht nicht imstande sind, alles, was für die Börsen relevant ist, sofort zu erfassen. Die Lage in Japan ist da ein typisches Beispiel.

Noch bis Freitagabend unserer Zeit ahnten wir nicht, welche verheerenden Folgen der Tsunami hatte. Er war bereits über die japanische Küste gefegt, aber weder Bilder noch Berichte ließen ahnen, was wir jetzt, zwei Tage später, immer noch nicht voll erfassen können: dass es eine unglaubliche Katastrophe ist. Und als die Wall Street am Freitag schloss, wusste noch niemand, was jetzt in den drei Atomkraftwerken Fukushima,  Onagawa und Topai vorgehen würde. Hinzu kommt, dass diese dramatischen Ereignisse den Blick aller Akteure von Libyen ablenken, worüber momentan kaum noch berichtet wird, weil es auf Platz 2 der Hitliste wichtiger Nachrichten gerutscht ist, während – angeblich – die Soldaten und Söldner Ghadafis die protestierenden Bürger überrennen und niedermetzeln.

Zuspitzung der Lage in Libyen und definitiv schwere Auswirkungen in Japan durch die atomaren Unfälle und die Flutwelle mit wahrscheinlich nicht ein paar Hundert, wie Freitag zunächst noch berichtet, sondern mehreren Zehntausend Opfern.

Aus Japan höre ich, dass Aktien von Baufirmen gerade bis zu 20, gar 30% ins Plus gelaufen sind. Jede Katastrophe hat ihre Profiteure. Wer weiß, vielleicht wird Siemens, stark im Kraftwerkbau engagiert, ja heute auch steigen. Und ja, wer weiß, vielleicht werden die Börsen in Europa und den USA nicht fallen, sondern deutlich steigen. Aber … wäre das nicht „falsch“?

Eine moralische Sicht der Dinge gibt es in dieser Hinsicht nicht. Warum sollte jemand z.B. seine BASF-Aktien wegen dieser Entwicklung verkaufen … oder heute keine VW-Aktien kaufen dürfen. Den Opfern der Katastrophe geht es nicht besser, würde man heute nur verkaufen, aber nicht kaufen, keine Frage. Und gerade, weil die meisten mit fallenden Kursen am heutigen Montag rechnen, kann genau das Gegenteil passieren.

Wenn die potentiellen Verkäufer merken, dass ansonsten niemand aussteigt … weil alle verunsichert warten, was die anderen tun … wäre es schon fast normal, wenn das Gegenteil passieren würde. Immerhin steht am Freitag der große Verfalltermin an den Terminbörsen an, und viele vor allem große Adressen hätten viel zu verlieren, wenn die Aktienmärkte aus dem von ihnen gewünschten Kurskorridor nach unten herausfallen würden. Ich weiß nicht, ob das geschehen wird. Nicht jetzt, bevor die Börsen überhaupt wirklich geöffnet haben. Aber man sollte es als Möglichkeit besser einkalkulieren. Doch entspräche eine Rallye der „Wahrheit“?—>

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