Wo Dekadenz wächst, gedeiht Unheil

14. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Uns geht’s gut! Zu gut? Für die meisten hierzulande geht nicht darum, dass sie von A nach B kommen, sondern womit… auch nicht darum, satt zu werden, sondern womit. Es geht weniger um Inhalte, sondern um die Form. Und es geht nicht um das was, sondern um das wie… Sind wir schon so satt geworden?

Ich möchte hier das Wort Dekadenz meiden. Nennen wir es doch Erstaunliches. Extreme Dinge sind immer erstaunlich, da sie vom Normalen abweichen. Aber was ist normal? Alles, aber nicht der Durchschnitt.

Sicherlich lässt sich eine Gesellschaft statistisch in Zahlen erfassen, was in jeder Hinsicht reichlich getan wird. Statistische Zahlen zeigen aber nur einen Durchschnitt und vermischen damit das kleinere Bild. Schließlich haben ein Millionär und Habenichts einen gemeinsamen Reichtum von einer halben Million. Statistik täuscht. Deshalb findet sie auch überall Einsatz.

Für ein Individuum gibt es keinen gesellschaftlichen Durchschnitt. Deshalb unterhalten angeblichen Fakten auch nur, informieren aber kaum. Zudem ist zweifelhaft, ob Durchschnitte in einer Gesellschaft taugen, wo die Scheren schon so weit auseinander gegangen sind wie in der Verteilung des Reichtums oder dem Zustand des Arbeitsmarktes.

Ich erinnere mich nochmals an diese Frau im Zug, die mit ihren 600 Euro Rente und 400 Euro Miete sagte, „uns“ ginge es gut. Eine Täuschung schützt eben auch vor einer Ent-Täuschung.

Ich schreibe diese Zeilen aufgrund vieler Beobachtungen im Alltag. Nicht dass ich damit richtig liege, ich beobachte. Erwarten Sie deshalb keine wissenschaftliche Analyse. Aber vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich.

Extrem satte Menschen

Ich finde es unterhaltsam, Leuten zuzusehen, die satt sind in allen Dingen… Satt vom essen, satt von der Beziehung, satt von der Arbeit und auch des Denkens satt … vom Handeln ganz zu schweigen.

Und dann ihre Themen… Spargel kostet 7,50 Euro. Warst Du schon im neuen Dingsda? Die Kollegen sind mal wieder zum Kotzen und neuerdings sei man sogar Veganer oder Flexi-Vegetarier. Wohin fliegst Du in diesem Jahr in Urlaub? Ach nein…! Wir waren neulich erst…

Wie langweilig! Zum Glück aber hat die Fernsehbedienung eine große Auswahl. Tanzen, Singen, Kochen und auch Mord. Und dann gewinnt eine Frau mit Bart den Eurovision Songcontest. Mal was Neues statt immer nur Russland, Europawahlen und die Diät-Fortschritte der Kanzlerin, von Freundschaftsanfragen bei Facebook ganz abgesehen. Wie sind wir tolerant, selbst wenn Promis und Politiker Steuern hinterziehen …

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Selbst Unterhaltungen haben inzwischen ein extremes Maß angenommen. Wenn sie doch etwas unterhaltsamer wären! So aber erinnert vieles an eine Art von verbalem Rülpsen, vermischt mit viel „ich“. Dann doch lieber Fernsehen!

Vermutlich ist das Fernsehen das moderne Amphitheater der Neuzeit und mit einer Mischung aus Blut, Spielen, Krach, Kochen, Rosamunde Pilcher und Sport. Zwischendurch sorgen die Nachrichten für Erdung und einen linientreuen Kurs für die nächste Konversation. Oder wenn in Laber-Runden neue Bücher von vermeintlichen und politisch korrekt denkenden Experten vorgestellt werden. Der Großteil der weiten Welt findet heute ohnehin in den Medien statt und kaum noch vor der Haustür.

Moderne Anarchos

Von zu Hause aus ist heute alles möglich: Der Blick in die Welt, einkaufen, Kommunikation und Zerstreuung. Und sollte man hin und wieder Spaß an Protest verspüren, dann lässt sich dieser ganz bequem vom heimischen Sessel aus bewerkstelligen als auf einer Montagsdemo. Wenn beispielsweise jemand schlechte Lebensmittel verkauft, haut man kurz mit der Faust auf die Sessellehne oder ballt selbige um das Bierglas – oder schaltet weiter wie beim ZDF-Duell der EU-Spitzenkandidaten, wobei „Duell“ eher an eine Büchse „Bonduelle“ erinnerte. Vielleicht schreit man auch kurz die Katze oder den Kanarienvogel an, beißt vor Wut in eine Salzstangen zappt weiter oder schläft vor Entkräftung ein.

Auch Protest ist heute extrem „in“. Sogar die „Anstalt“ oder die „heute-show“ liefern schon Vorlagen für anstrengungslosen Protest im Fernsehsessel. Ist es nicht erstaunlich, wenn ein Volker Pispers oder Urban Priol den Leuten im Saal einen der geistigen Degeneration vorhält und die Gemeinte dazu applaudiert? Selbst die Kabarettisten sind darüber erstaunt. Die Zuschauer gehen dann nach so viel Protest am späten Abend ins Bett, nachdem manche von ihnen per „like“ auf Facebook den medialen Shitstorm unterstützt haben – und dann den Mond anschnarchen.

Rekorde und Überfluss

Wenn ich mich umschaue, liefert die Statistik täglich neue Rekorde in jedweder Hinsicht: Fleischverbrauch, Landverbauung, Staatsausgaben, Absatzzahlen von Luxusautos, Börsenkurse und traumhafte Beschäftigungszahlen – bei gleichzeitig neuen Höchstständen in Sachen Verschuldung, Verarmung, Kriminalität, Minijobber oder Tiefpreise für Unterhaltungselektronik. Statistische Zahlen Quantität messen, aber sie liefern keine Aussagen zur Qualität.

Wir leben in Zeiten des statistischen Überflusses. Völker in fernen Ländern wollen voran kommen. Wir hierzulande wollen eher den Status behalten. Wo anders kämpft man um persönlichen Fortschritt und Wohlstand. Wir kämpfen hier (mit der Fernbedienung) um das Vorankommen, das oft schon bürokratisch ausgebremst wird.  Eigentlich keine sehr friedliche Sache diese Konkurrenz, wäre da nicht der räumliche Abstand. Aus gesellschaftlicher Sicht ist das aber mehr als spannend und wird sich ändern. Dafür sorgt schon der technische Fortschritt und auch die ach so segensreiche Globalisierung.

Leben wir hierzulande in einer Zeit des Stillstandes? Der Ausstoß an Produkten und Dienstleistungen findet unter Beteiligung weniger vollwertig bezahlten Arbeitern statt. Entsprechend beschränkt sind auch die Möglichkeiten für die meisten Leute in finanzieller Hinsicht und oft begrenzter als in Regionen mit echten Bedürfnissen und echter Nachfrage. Und da man ohnehin das Meiste schon hat, werden eben Maschinen für andere produziert, denen wir manchmal Geld geben, damit sie unsere Produkte kaufen können. Die Übersättigung der Leute in den Industrienationen führte dazu, dass inzwischen die Dienstleistungskomponente ein stärkeres Gewicht bekam als die Produktion. Ob uns das „Dienstleisten“ wirklich reicher macht, wage ich zu bezweifeln

Zudem haben die modernen Produkte eine oft kürzere Lebenszeit. Wegwerfgesellschaften fragen immer nach Ersatz. Und es ist schon ein Unterschied, ob man für eine neue Couch wie früher lange sparen musste, oder ob man sich so ein Ding wegen schlechterer Qualität alle zwei Jahre kaufen kann. Hinzu kommt der heiß umworbene schnelle Konsum durch Kreditaufnahme. Davon machen die Deutschen zur Freude der Banken inzwischen wieder rege Gebrauch.

Dekadenz für den Nachwuchs

Wohin aber entwickelt sich eine gesättigte Gesellschaft? Sie wendet sich dem Unsinn zu und tobt ihre Kräfte anderweitig aus: Auf der Couch, am Computer, in der Pflege von Krankheiten, dünner Kommunikation oder in der Kindererziehung.

So ein Spaziergang in einem Park am Wochenende in einer Großstadt ist für mich fast unerträglich geworden, denn wo kann man besser beobachten, wie die Erziehung der Kleinen inzwischen zu einer Pseudo-Wissenschaft mutiert zu sein scheint, wenn man heutige Mütter und Väter im Umgang mit ihren Kindern beobachtet? Dabei ist es wirklich anstrengend und aufopferungsvoll, einen kleinen Tyrannen heran zu ziehen und es bedarf einer Unmenge an Über-Elterlichkeit. Dabei besteht doch die Hauptaufgabe von Eltern darin, den Nachwuchs zu beschützen und vor allem zu zeigen, wie man lebt. 

Essen die Kinder das Richtige? Ist der Brei auch BIO? Hat der Nachwuchs auch den richtigen Umgang, das richtige Kinderbett und die richtigen Spielsachen aus umweltfreundlichem Holz? Sind die Erzieher DIN-A-sozial zertifiziert, modern, nett, aufmerksam? Nur die Kinder können nicht sagen, ob sie die richtigen Eltern haben.

Und irgendwann sitzen die uniformierten Chantalles und Mikas mit mir im Zugabteil und ich staune über ihre Sprache und wie sie sich in der Öffentlichkeit geben – während ihre Eltern am Nachbartisch im Restaurant über den Nachwuchs klagen und pünktlich zur Nanny-Show zu Hause sein möchten.

Tja, wer keine Grenzen zieht, sollte sich nicht wundern, wenn diese jemand überschreitet. 

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Schwarz- weiß

Unsere digitale Welt mit ihrem 1-0-1-0-1-0 hat offenbar auch ihre Auswirkungen auf das menschliche Denkzentrum. Menschen denken und handeln bei entsprechendem Umfeld ebenfalls digital – gut zu beobachten in der Einordnung in schwarz und weiß, in gut und böse, in richtig und falsch. Dazwischen findet wenig statt, wie man an den Diskussionen in Sachen Russland/Ukraine, politischen Diskussionen oder auch an der Börse beobachten kann.

Schwarz-weiß sind die einfachsten Denk – und Handlungsweisen und deshalb so beliebt. Sie erfordern keinen großen Aufwand, vor allem, wenn man sein Bild aus den Medien konsumiert.

Grautöne und Schattierungen zwischen dem Schwarz-Weiß-Denken erfordern Zeit, Arbeit, Denken, Vergleichen und auch das Zuhören und Abwägen der Argumente und deren Einordnung. Aber wer kann und will das heute schon leisten? Schließlich wurde in den letzten Jahrzehnten nichts anderes gelehrt, geschult, geübt, benotet und auf sanfte Art und Weise eingehämmert.

Entweder man findet etwas gut, oder wie Chantalle aus dem Zug eben nicht gut, wobei sie moderne Worte benutzt – gerne aus dem Reich der Fäkalien – oder die pflegt eine Art von Affen-Stakkato, wobei ich den Tieren nicht zu nahe treten möchte.

Das Schöne ist jedoch, dass die Mehrheit der Leute in schwarz-weiß, gut-böse oder in richtig und falsch agiert. Damit sind die auch beeinfluss- und damit steuerbar.

Nach vielen Jahren an der Börse und meinem Blick auf Geldsysteme und Finanzmärkte, bin ich mir heute nicht mehr sicher, ob künftige Probleme von den Finanzmärkten ausgehen werden – oder vielmehr aus der Gesellschaft von innen heraus. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Börsen boomen und es davor zeitgleich Krawalle gibt. Es ist auch durchaus denkbar, dass Banken rekordverdächtig stabile Bilanzen ausweisen und alle Leute statistisch gesehen pleite sind – wo gesunder Menschenverstand permanent Widerspruch im Alltag erfährt – wo die Form stimmt, aber nicht mehr der Inhalt – und wo der Schein permanent vom Sein angefeindet wird.

Ob dann noch ein 100 Millionen Euro teures Tagesschau-Studio das Vertrauen in den Schein stärkt? Ich weiß es nicht, wohl aber, dass eine spannende und vor allem weniger sichere Zeit vor uns liegt, voller statistischer Wunder, überzeugenden Reden und einer ganz anderen Realität.



 

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6 Kommentare auf "Wo Dekadenz wächst, gedeiht Unheil"

  1. Wassonst sagt:

    Ich bin ja seit langem passiver Leser dieses Blogs aber an dieser Stelle muss etwas mal gesagt werden. Auch ihr Blog, neben weiteren anderen, trägt dazu bei, dass bei dem klassischen Bürgertum ein Denkprozess in Gang gesetzt worden ist, welcher durch die klassischen MSM nicht gewünscht ist. Auch wenn Ihre Tonlage zunehmend pessimistisch wirkt, bitte ich nicht alle über einen Kamm zu scheren. Solange die Eliten das Internet gewähren, sollten wir die Chance nützen jeden Tag aufzuklären und eine reflektive Community zu schaffen. Das ist erst der Anfang. Also vielen Dank für ihre Reflektionen.

  2. amoratis sagt:

    …also die Menschen, die ein Kabarett besuchen, sind meist auch die, die noch ein gewisses Interesse haben an ihrer Umwelt, und den Umständen die dazu geführt haben wie sie sind – Erstaunen auf seiten der Kabarettisten setzt mich wiederum in Erstaunen, denn dort hätte ich die Intelligenz vermutet, das zu erkennen.

    Mit freundlichem Gruß

    amoratis

  3. Avantgarde sagt:

    „….Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Börsen boomen und es davor zeitgleich Krawalle gibt. Es ist auch durchaus denkbar, dass Banken rekordverdächtig stabile Bilanzen ausweisen und alle Leute statistisch gesehen pleite sind…“

    Ich auch 🙂
    Jedenfalls eine Zeit lang.

    Die Deutsche Bank spielt ja schon wieder mit einem Derivatevolumen welches 20fach über dem deutschen BIP liegt – hoffen wir mal, daß das Nullsummenspiel um Ernstfall dann auch problemlos abgewickelt wird……

  4. comment97 sagt:

    Warum ist „satt sein“ schlecht ?
    Ist denn Überlebenskampf und Karrieredenken, Kapitalisums und Egoismus besser ?
    Denken sie daran, was die Bundebürger spenden, denken Sie an die Spenden der Milliadäre in den USA.
    Warum kann Zufriedenheit und Genügsamkeit nicht reichen ? Ich sehe nicht, das unsere Kinder schlechter erzogen und ausgebildet werden wie wir. Zu jeder Zeit haben Ältere über die nachfolgende Generation geschimpft. Ich sehe diese Meinung nur dem Alter (oder der Lebenserfahrung) geschuldet und würde es auch nicht so polemisch sehen.
    Sie haben allerdings völlig Recht: Eltern müssen Vorbild sein, aber das ist nicht unmöglich ..
    (gelingt natürlich nicht immer)

    Was erwarten Sie ?
    Nach meiner Erfahrung kann man mit negativen Erwartungen nichts erreichen.

    Ihre Schilderung erinnert mich an einen verstorbenen Pastor, der in seiner Predigt immer auf die „ungläubigen“, vom Wohlstand satten und nicht mehr in die Kirche kommenden Menschen
    geschimpft hat. Dabei hat er nur ignoriert, das seine Worten genau diese Leute nicht zuhören.
    Sie sind ja nicht in der Kirche. Und ich bin durch diese Predigt kein bisschen zufriredener geworden. Dadurch wird die Welt nicht besser..

    Entschuldigung, wenn ich vielleicht etwas hart schreibe. Aber sie sind mir zu pessimistisch.
    54 J, / 2Kinder (18 u. 17)

    • Frank Meyer sagt:

      Es ist doch Ihr gutes Recht, Ihre Sichtweise zu schreiben. Ich meine.. wir suchen ja beide hier die Grautöne. Ich weiß nicht, ob Pessiminmus weiter bringt. oder ob Optimismus erfolgversprechender ist. Beides ist meines Erachtens nur ein Mangel an Informationen 🙂 Dabei bin ich ein sehr optimistischer Mensch, aber einer, der beobachtet. Sie ja auch. Wir brauchen auch gar keinen gemeinsamen Nenner. Viele Grüße!

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