Wirtschaftsnachrichten aus der Stalinorgel

27. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Viele Menschen klagen über zu wenig Geld, zu wenig Rendite und zu wenige Anlagemöglichkeiten. Viele Anleger leiden zudem unter einem Gedulds-Defizit. Steht die mangelnde Geduld einer attraktiveren finanziellen Situation möglicherweise im Weg?

Hektik ist ein schlechter Ratgeber. Das gilt für die meisten Situationen. Wenn man die Hand vor einem zuschnappenden Bäreneisen zurückziehen will, kommt es auf die Geschwindigkeit an. Am Finanzmarkt wie anderswo liegt die Kraft in der Ruhe. Warum tun sich viele Anleger mit dem Warten so schwer? Uns fallen zwei Gründe ein. Zum einen ist der Zweig des hirnlosen Investierens derzeit en vogue. Andererseits darf man das finanzmediale Trommelfeuer zwischen Stalingrad, Dinosauriersterben und Hitler’s Privatleben als Grund für eine geistige Überlastung vieler Anleger anführen.

Blöd ist „in“

Was man nicht verbergen kann sollte man betonen lautet ein etwas hilfos klingendes Mantra, wie man mit vermeintlichen Defiziten umzugehen hat. Zahlreiche Politiker haben sich die Betonung des eigenen Unvermögens umgehend auf die Fahnen geschrieben. Ergebnisse wie die schlecht getarnte Subvention für Fondsgesellschaften und Versicherer, bekannter unter dem Namen Riester-Rente, sprechen für sich. Während einige Sparer unter einer bestimmten Gehaltsgrenze Zuschüsse von anderen Bürgern oberhalb einer anderen Gehaltsgrenze erhalten, wandern diese Zuschüsse über diverse Kanäle wie laufende Gebühren oder Umschichtungskosten in die Töpfe einiger Konzerne. Immerhin darf man davon ausgehen, dass die Rente von Walter Riester sicher ist (ehemaliger Fliesenleger, danach Wirtschaftsminister und derzeit u.a. bei Union Investment).

(Quelle: Lobbypedia) WirtschaftsWoche: Herr Riester, ab Oktober sind Sie Aufsichtsrat bei Union Investment, dem größten Anbieter von Riester-Fondssparplänen. Müssten Sie nicht mehr Abstand zur Branche halten?

Riester: Union Investment hatte mich schon vor eineinhalb Jahren für diesen Posten angefragt. Ich finde interessant, dass die einen Unabhängigen im Aufsichtsrat haben wollen. Solange ich im Bundestag war, wollte ich ein solches Mandat jedoch nicht übernehmen. Nun trete ich den Posten im Oktober an, nach meinem Ausscheiden aus dem Parlament. Für mich war es eine Frage politischer Hygiene, das ganz klar zu trennen.[9]

Da kommen einem wirklich die Tränen. Vollkommen unabhängig von dieser Personalie fragt man sich sogleich, ob einem auch die Tränen der Rührung in die Augen träten, wenn jemand jahrelang Sachen aus dem Supermarkt klaut sich aber für diese Waren erst nach dem Austritt aus diesem Unternehmen bezahlen ließe. Seisdrum, von solch staatlich subventionierten Dauersparplänen, die regelmäßig Gebühren in die Kassen spülen, kann man in anderen Branchen nur träumen. Die Gebühren im Asset Management hängen in der Regel vom verwalteten Vermögen ab, das gerade bei großen Verwaltern eher von der Gewohnheit vieler Anleger als von der Qualität abzuhängen scheint. Viele Menschen kostet es offenbar genauso viel Überwindung, einen Dauerauftrag zu ändern wie die Wüste Gobi auf dem Einrad zu durchqueren. Natürlich könnte der Staat auch einfach zehn gute Leute einstellen und diese einen Staatsfonds verwalten lassen. So hätte später jeder Anleger einen Anteil am gleichen Vermögen. Aber dann wandern natürlich die anderen Arbeitsplätze ins Ausland. Wer will das schon.

Den Riester, den ich rief …

Stattdessen darf man sich schon jetzt auf Berichte (dann in siebzehn Sprachen) im Staatsrundfunk freuen: „Die Rentenabzocke. Pleite trotz Riester“. Vielleicht müsste es statt „trotz“ Riester eher „wegen“ heißen, aber im Staatsrundfunk wird man das nicht so sagen. Denn wer will schon ein falsches Signal senden. So kann sich jeder glücklich schätzen, denn was ist schöner, als wenn man die Ursache seines finanziellen Unglücks selbst gewählt hat. Bis dahin hat jeder die Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich niemand der Solidargemeinschaft der Riestersparer entzieht. Die Website „Volksgenosse, melde auch Du jeden Riesterverweigerer“ steht sicherlich schon in den Startlöchern. Ein paar Peitschenhiebe werden den Verweigerern bei der Einsicht helfen. Wenn schon untergehen, dann bitte gemeinsam. Mit der egoistischen Nachdenkerei muss Schluss sein. Also hopp, hopp, den Vertrag unterschrieben. Nicht dass sich die Kinder beim Treffen der Riester-Jugend für ihre Eltern schämen müssen.

Der eigentlich vernünftige Ansatz, regelmäßig Geld zur Seite zu legen, sich zunächst eine kleine Liquiditätsreserve zusammenzusparen und danach etwas zu investieren, wird durch derartige verbürokratisierte Monstrum ad absurdum geführt. Der Nanny-Staat nimmt seine Bürger aber immer fester an beide Hände und bringt sie sicher über die Straße zu den Freunden der Investment-Branche. Aber in einem Land, in dem man die Änderung des Gesundheitssystem in einem anderen Land für total toll hält, weil man den dortigen Präsidenten irgendwie auch total toll findet und das natürlich alles völlig unabhängig von den total toll um bis zu 50% angestiegenen monatlichen Kosten betrachtet, sollte man vielleicht ohnehin nicht über Geldanlage sprechen. Es könnte zwecklos sein.

Viele Amtsträger werden sich freuen, denn auch der Irre ist nicht gerne einsam. Den Politikern sind zahlreiche Wirtschafts-Unterhalter derzeit dicht auf den Fersen. Dieses Lager spaltet sich in zwei Teile. Einige haben die mangelnde Befähigung der Menschen zur Geldanlage entdeckt und schlagen vor, einfach immer alles in einen Indexfonds zu stecken. Bewertung? Egal! Wenn man falsch liegt, rettet einen das hundertjährige Kursanstiegsmittel. Irgendwann.

Falsche Voraussetzungen

Die Protagonisten dieses Lagers sind ganz klar zwischen 1982 und 1999 finanziell sozialisiert worden. Aktien steigen immer, im hundertjährigen Mittel so um 8% p.a. Das kann sich doch sehen lassen. Kann es. Theoretisch. Nun, leider haben die wenigsten Menschen Zeit, einhundert Jahre auf die Erreichung des Mittelwertes zu warten. Andererseits hinken diese Zahlen auch beträchtlich, denn sie beziehen sich auf den US-Aktienmarkt. Dieser hat in den letzten einhundert Jahren um Längen besser abgeschnitten, als die meisten anderen Märkte. Abzulesen ist das auch an der weltweiten Dominanz, die der US-Aktienmarkt in den letzten hundert Jahren erreicht hat.

1

Es gibt auch Märkte, die über zig Jahre keinen positiven Ertrag eingespielt haben. Nun mag man einwenden, die müsse man ja nicht kaufen. Dumm nur, dass jede Aktie zu jeder Zeit von irgendjemanden gehalten wird. Einer muss auch die Papiere halten, die nicht oder nur wenig gestiegen sind.

Es ist wie mit der Anleihe. Jemand kauft ein Papier mit zehn Jahren Laufzeit und 1% Rendite. Wenn er das Papier hält, bekommt er sein Prozent pro Jahr und erhält am Ende den angelegten Betrag zurück. Steigt der Preis (sinkt also die Rendite) so rentiert das Papier möglicherweise bei 0,75%. Der erste Anleger verkauft mit Kursgewinn an den zweiten und hat selber mehr verdient als 1% p.a. Dies bleibt nicht ohne Folgen. Die Konsequenzen trägt der Käufer, der nun bis zur Fälligkeit 0,75% p.a. verdient. Insgesamt werden die Anleger mit dieser Anleihe über die Laufzeit ein Prozent jährlich verdienen. Der eine mehr der andere weniger.

Bei Aktien hingegen hofft so mancher auf die ewig selig machenden Kursanstiege, denn Aktien haben kein Fälligkeitsdatum. Aber auch Aktien verbriefen nur einen zukünftigen Zahlungsstrom. Und je höher der Preis der Aktie ist, desto höher ist der Preis der für den Zahlungsstroms auf den Tisch gelegt wird. Der Preis kann über oder unter dem Wert des Zahlungsstroms liegen. Da die Zahlungsströme in der Zukunft liegen sind sie unbekannt. Schlussendlich aber sinkt die zukünftige Renditeerwartung, wenn die Kurse schneller steigen als der Wert der zukünftigen Zahlungsströme.

Es spricht nichts gegen Aktien als Teil der Geldanlage. Niemand sollte sich aber einreden lassen, die  Bewertung von Wertpapieren spiele langfristig keine Rolle. Wer zu hohen Preisen kauft, hat eine niedrigere zukünftige Renditeerwartung. Umgekehrt gilt das Gleiche. Durch Ungeduld wird mehr Geld verbrannt als mancher denkt. Mangelnde Geduld ist vermutlich die Ursache für die größte Anomalie an den Finanzmärkten, den zyklischen Herdentrieb. Lassen Sie sich nicht anstecken.

Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , ,

Schreibe einen Kommentar