Wirtschaftliche Glaskugelleserei. Oder: Warum Quatsch auch Spaß machen kann.

18. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Mark Twain sagt: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Wozu brauchen wir so viele Prognosen, wenn diese so selten eintreffen und nach deren ständigen Korrekturen nichts mehr übrig bleibt?

Wahrscheinlich, weil es so viele Ökonomen gibt, die damit den ganzen Tag damit beschäftigt sind…

 

Wahrscheinlich brauchen wir mehr Ökonomen. Sie machen die Welt zwar nicht besser, versuchen es aber. Ihre Zahl wächst beängstigend schnell. Mich wundert es, dass Medienleute immer wieder darauf hereinfallen – so wie auf die handverlesenen 20 der 271.000 von der Bundesbank präsentierten Goldbarren. Wir füllen damit Sendeminuten und verschmutzen Papier wie Kinder im Malzirkel.

Journalisten glauben viel von dem, was ihnen auf den Tisch gelegt wird – verbogene Wirtschaftsdaten und die Übererfüllung von Plänen mit mindestens 104 Prozent. Urache ist womöglich ein Virus aus der DNA von Glaube, Zeitdruck und schlechter Bezahlung.

Zum anderen wohnen den die Zukunft betreffenden Aussagen, auch ein Hauch von Heiterkeit und magische Anziehungskraft inne. Nirgendwo sonst lässt sich ein Scheitern so gut beobachten wie bei Prognosen in Politik und Wirtschaft. Es fällt jedoch kaum auf, weil sich jeder schon wieder mit neuen Prognosen schon beschäftigt.

Was soll man machen? Man kann die Ökonomen doch nicht nach Hause schicken. Vielleicht zündeln sie dort.

Also lassen wir sie schreiben und erfreuen uns dann am Gegenteil von dem, was sie vorhersagen. Als Kontraindikator sind sie gut geeignet, vor allem diejenigen mit besten Verbindungen zu Politik, Wirtschaft, Verbänden und Lobbygruppen. Freie und unabhängig arbeitende Ökonomen arbeiten wegen ihrer Unbefangenheit wesentlich besser – und weisen auch eine größere Trefferquote auf.

Und so freut sich der Autor dieser Zeilen auf das Ende des Monats, wenn sich die Jahresprognosen in den Schreibtischen oder den Papierkörben schlafen legen.

Wenn Prognosen der Vergangenheit hinterher rennen, gibt es viel zu staunen und noch mehr zu lachen. Erstaunlich, dass den Wirtschaftsprognosen immer wieder so große Bedeutung beigemessen werden. Selbst Korrekturen der Korrekturen, die dann ebenfalls nicht eintreffen, sind ein medial mit Aufmerksamkeit bedachtes Phänomen.

Zu viele Wenn`s und Abers und kalkulierten Absichten

Nassim Taleb würde die meisten der rund zwei Millionen Leute im Finanzsektor als Narren des Zufalls bezeichnen. Ständig wächst ihre Zahl, vor allem die der Narren. Schreiben sie ein Buch oder tragen einen Titel, werden sie als Experte bezeichnet. Ihre Zahl wächst noch schneller als die der Ökonomen.

Apropos Experten… Vielleicht war es ja eine der letzten großen Pressekonferenzen des jungen Philipp Rösler, als er seinen wirtschaftlichen Ausblick für dieses Jahr gegeben hat. Überraschendes gibt es selten auf solchen Kundgebungen. Dennoch sind die Journalisten immer sehr zahlreich. Manchmal gibt es dort Schnittchen. Und wie so oft sind die Zahlen zufällig vorab durch die Presse gesickert. Das bringt zwei Tage lang Aufmerksamkeit, mehr Schlagzeilen und noch mehr Geschrei und öffentliches Spektakel.

Ich weiß nicht, ob Herr Rösler die Sache versteht, von der er am Mittwoch und Donnerstag redete, als er das Jahresgutachten präsentierte. Sicherlich aber wollte er kurz vor der Wahl in Niedersachsen noch einmal richtig punkten. Politiker verspritzen dann Zuversicht und Angriffe auf den Gegner in Mikrofone und Kameras… (Seite 2)

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