Wirres Treiben an der Wall Street?

7. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

„… es sei denn, man würde versuchen, dieses Kursniveau seitens der Hedgefonds im Zuge deren Window Dressing in den Monatsultimo November zu retten“ war der finale Satz in meinem Marktkommentar vom 22.11., als es um diese seltsam wirkende Rallye ging, die aus dem Nichts heraus unmittelbar vor dem Verfalltermin aufgetaucht war. Wir wissen nun: Genau das ist passiert. Doch kaum war der November vorüber, war es Essig mit steigenden Kursen. Zufall?

Natürlich nicht. Verfalltermine am Terminmarkt und Monatsultimos sind in den letzten Jahren immer mehr zu den üblichen Wendepunkten im kurzfristigen Trend geworden. Ursache ist die zunehmende Dominanz der Terminmarkt-Akteure, die die Tendenzen am Gesamtmarkt außerhalb überraschender, externer Impulse fast nach Belieben steuern können. Dass das in den Medien fast einheitlich nicht thematisiert wird, führt die Investoren unverantwortlich oft aufs Glatteis, weil nicht wenige dann ernstlich glauben, dass die Anleger über dies oder jenes begeistert oder abgrundtief enttäuscht seien. Wer da dann meint, einem neuen Trend zu folgen, sieht sich nicht selten direkt nach der Positionierung einer Bewegung in die Gegenrichtung gegenüber, die einem dann veritable Verluste einbrockt, während die Kommentatoren wieder mit neuen, an den Haaren herbeigezogenen Argumenten daherkommen, warum man heute im Gegensatz zum Vortag wieder fröhlich ist. Bestes Beispiel:

Die Entwicklung des US-Aktienmarkts in den vergangenen zwei Tagen, sprich am Donnerstag und Freitag im Zuge bzw. am Tag nach der EZB-Entscheidung. Dieser Chart zeigt den Wochenverlauf des Dow Jones auf 15-Minuten-Basis für die gesamte Handelswoche des 30.11. bis zum 4.12.:

Chart-1gehrt

Erst am Donnerstag im Schlepptau der Eurozone-Indizes steil abwärts, dann auf einmal am Freitag senkrecht nach oben. Der meist verbreitete Tenor: Am Donnerstag sei man auch in den USA über die EZB-Entscheidung enttäuscht gewesen, ab Freitag dann habe man sich über die starken US-Arbeitsmarktdaten gefreut. Das klingt, wenn man nicht weiter nachdenkt, plausibel … ist aber dummes Zeug.

Warum in aller Welt sollte man an der Wall Street über die EZB enttäuscht sein? Sie betrifft die US-Wirtschaft nicht. Und davon abgesehen, dass auch der Kurseinbruch in Europa hysterisch überzogen wirkte und nur deshalb so heftig ausfiel, weil durch anfänglichen Verkaufsdruck mehrere wichtige und eng beieinander liegende charttechnische Unterstützungen fielen wie Dominosteine und über Stop Loss-Orders die Abgaben immer wieder neu anfachten: Man hätte ich eigentlich freuen müssen!

Denn der rasante Sprung des Euro nach oben bedeutete einen fallenden US-Dollar. Durch den stärksten Anstieg des Euro binnen eines Tages seit 2009 wurde der Exportvorteil der Eurozone-Unternehmen durch den vorher ja kontinuierlich fallenden Euro deutlich zu Gunsten der US-Firmen gemindert. Doch es sah aus, als würde man das in den USA nicht bemerken oder die „Enttäuschung“ über die EZB wäre größer als die Freude über den fallenden Greenback … obgleich Mario Draghi ja schon in der Pressekonferenz betont hatte, dass man jederzeit zu weiteren Maßnahmen imstande und bereit sein, sollte dies nötig scheinen.

Mal ehrlich: Mit Blick auf das mickrige und wacklige Wachstum in der Eurozone hätte man auch die vollzogenen Maßnahmen positiv quittieren und die Kurse nach oben prügeln können. Die Kommentatoren hätten uns dann erklärt, dass man einerseits erfreut sei, dass die Gemengelage nicht so negativ sei, dass die EZB gleich die große Keule hat auspacken müssen und andererseits die Erwartung hege, das Aufblasen des Volumens der Anleihekäufe werde dann im Neuen Jahr folgen. Der DAX wäre 400 Punkte gestiegen und keiner hätte sich gewundert, oder?

Dass er einbrach, basierte auf Verkaufsdruck, der ja bereits Tage vor der EZB-Sitzung, genauer gesagt pünktlich zum Beginn des neuen Monats, auftauchte. In den USA verbrieten am 1.12. offenbar einige Institutionelle das seitens der Sparer zum Monatsbeginn neu zugeflossene Geld, um die Kurse irgendwie wieder nach oben in Marsch zu setzen, in Europa passierte nicht einmal das. Pünktlich nach dem Ultimo? Da muss es bei erfahrenen Tradern klingeln: Das nährt den Verdacht, dass Hedgefonds versuchen, die Seiten zu wechseln.

Bereits die Meldung, dass die EZB den Einlagensatz senken würde, die am Donnerstag um 13:45 Uhr kam, sorgte für erheblichen Abgabedruck, beim DAX ebenso wie bei den US-Index-Futures. Und das, obwohl das keinen Schluss darauf zuließ, ob Mario Draghi nun um 14:30 Uhr eine Ausweitung der Anleihekäufe verkünden würde oder nicht. Es wirkte, als wollten große Adressen mit Gewalt versuchen, einen Abwärtsimpuls loszutreten bzw. die am Dienstag/Mittwoch entstandenen Ansätze zementieren. Was bedeutet:

Da wollten einige draufhauen, die die Kapitalkraft über die Futures haben, um das auch zu erzwingen. Und das gelang, in Europa ebenso wie in den USA. Und das mit der üblichen Schützenhilfe. Denn ob Daytrader oder computergesteuerte Handelsprogramme: Dort interessieren „Fundamentals“ nicht. Man folgt dem ultra-kurzfristigen Trend, intensiviert und befeuert ihn so noch … und damit begann diese Verkaufslawine, die auch an der Wall Street zum Bruch wichtiger Supportmarken – z.B. der 20-Tage- und der 200-Tage-Linie im Dow Jones – führte und dadurch auch Verkaufsdruck bei normalen, weniger kurzfristigen Akteuren verursachte.

Sprich: Dass der US-Dollar fiel, war zwar positiv und wurde auch nicht übersehen. Aber diejenigen, die sich darum nicht scherten und fallende Kurse provozieren wollten, waren schlicht von der Kapitalkraft deutlich stärker. Und würden Sie wirklich in ein fallendes Messer greifen, wenn die Kurse so kräftig nachgeben, nur, weil Sie glauben, dass der Dow Jones doch eigentlich steigen müsste? Wohl nicht – und alle anderen eben auch nicht.

Nein, da wartet man einfach ab, bis der Druck aufhört und versucht es ggf. dann. So geschehen am Freitag. Da wurde auf einmal gekauft, als sei es ab heute verboten. Warum?

Sicher nicht wegen der US-Arbeitsmarktdaten, die zwar gut ausfielen, dafür aber daran erinnerten, dass die US-Notenbank nun womöglich am 16.12. wirklich die Leitzinsen anhebt. Wahrscheinlich auch nicht wegen einer Rede von Mario Draghi am Abend, bei der er noch einmal betonte, was er in der EZB-PK am Vortag bereits sagte: Man werde alle Register ziehen, wenn es nötig würde. Daraufhin sprangen die Aktienmärkte zwar noch ein Stück höher, aber der Aufwärtsimpuls war dort bereits Stunden alt. Womöglich schon wegen des US-Dollars, der am Vortag ignoriert wurde, denn die Dynamik der Aufwärtsbewegung entstand immerhin eindeutig an der Wall Street. Aber:

Vor allem dürfte es wieder die übliche „Börsen-Mechanik“ gewesen sein. Einige wollten sich ihre Short-Gewinne sichern und deckten ein … andere zogen schnell nach, um noch ordentlich Profit zu sichern – und das trieb die Kurse eben wieder nach oben. Denn wer Short-Positionen eindeckt, indem er sie neutralisiert und so die Differenz kassieren will, muss eben Long gehen. Und das trieb die Kurse Stück um Stück höher und das ganze Spiel ging in die Gegenrichtung von vorne los:

Intraday entstanden Kaufsignale, die Daytrader wechselten die Fronten, 20-Tage- und 200-Tage-Linie wurden wieder überboten und generierten Kaufsignale und mit einem Mal wart das Minus des Vortages und fast sogar noch des Mittwochs aufgeholt, wie dieser Chart des Dow Jones auf Tagesbasis zeigt. Und nun?

Chart-2gehrt

Nun werden die Karten erneut neu gemischt. Und wieder ist es höchst sekundär, was man da so über den Dollar und die Notenbank denkt oder wie die mittelfristig trüben konjunkturellen Perspektiven wirken könnten. Solange diejenigen, die auf dieser rational/fundamentalen Basis handeln, vom Kapitaleinsatz her unterliegen, können die Terminmarkt-Spieler schalten und walten wie es ihnen beliebt. Und gerade jetzt, in einer scheinbar so wirren Phase, halten sich diejenigen, die mit Hirn agieren, vorsichtshalber zurück, das heißt:

Da zudem 20-Tage-Linie und 200-Tage-Linie seitwärts laufen und so als Support bzw. Widerstand geringere Relevanz haben als sonst, wird das Hauen und Stechen der großen Trader auf Intraday-Basis weitergehen. Ob die Aktienmärkte nun erneut kehrtmachen (man wird dann sagen, man fürchte sich vor der US-Notenbank) oder weiter zulegen (Jahresendrallye, Freude über starke US-Arbeitsmarktdaten oder fallenden Dollar) wird davon abhängen, ob die Rallye des Freitags viele Hedgefonds und andere Zocker davon überzeugt hat, nun doch wieder bis zum großen Verfalltermin des 17.12. und zum Jahresultimo am 31.12. auf Long zu setzen oder nicht.

Was sich wirklich außerhalb der Börsentore abspielt wird, spielt kurzfristig keine Rolle … sofern es nicht in den kommenden Tagen im Zuge anstehender Konjunkturdaten auch China neues Ungemach gibt (China? Sie erinnern sich? Momentan aus den Schlagzeilen, kommt aber wieder) und dies die Kurse durcheinanderwirbelt. Sicher, irgendwann wird der konjunkturelle Abstieg sich niederschlagen … und das gewaltig. Aber nur, wenn die momentan dominierenden Trader das auch zulassen. Und sie werden es zulassen, sobald es ihnen in den Kram passt.

Denkbar, dass man das zu Monatsbeginn bereits wollte und am Freitag nur durch diese Eindeckungsrallye „unterbrochen“ wurde. Aber ob man daran festhält, werden erst die kommenden Tage zeigen. Sollte diese Handelswoche bei DAX und Dow im Minus enden, würde ich indes denken, dass der Daumen nun in der Tat mit aller Macht nach unten zeigt.
Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt (www.baden-boerse.de)

Print Friendly

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.