Die ersten Tage eines jeden Jahres sind traditionell geprägt von zahlreichen Ausblicken und Jahresprognosen. Diese finden zwar reißenden Absatz, nützen aber trotzdem niemandem, weil sich zwölf Monate später regelmäßig herausstellt, dass alles ganz anders gekommen ist. Natürlich wird das auch in diesem Jahr so sein.

Deshalb machen wir traditionell an dieser Stelle keine Aussagen darüber, wo der DAX, das Öl, der Euro oder der Goldpreis am 31. Dezember 2015 notieren werden. Das Einzige was sich dazu mit Sicherheit feststellen lässt, ist die Tatsache, dass das heute niemand wissen kann.

Keine Glaskugel braucht man dagegen, um schon heute zu erkennen, dass wir vor Umbrüchen stehen, die unsere Welt auf den Kopf stellen werden. Einige Tendenzen sind inzwischen so unübersehbar, dass daraus größere Trends mit weit reichenden Konsequenzen werden dürften.

Dazu ein Blick nach Griechenland: Weil sie im Zuge der anstehenden Neuwahlen politische und wirtschaftliche Turbulenzen befürchten, bringen immer mehr Griechen ihr Geld in Sicherheit. Allein im Dezember sollen Sparer und Unternehmen 2,5 Milliarden Euro von griechischen Bankkonten abgehoben haben. Geht man davon aus, dass solche Zahlen in den Medien mit allerlei Zahlenspielereien hübsch gemacht werden, dann dürfte es sich in Wahrheit um einen ausgewachsenen Bankrun handeln, mit dem es die Finanzhäuser in Griechenland derzeit zu tun haben.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/12/31/kapitalflucht-griechen-holen-25-milliarden-euro-von-der-bank/

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/neuwahlen-griechen-heben-2-5-milliarden-euro-von-konten-ab-a-1010865.html

Der frühere griechische Botschafter Leonidas Chrysanthopoulos kündigte kürzlich gar den Austritt Griechenlands aus der Eurozone an. Das Land werde nicht nur die Drachme wieder einführen, sondern auch den Schuldendienst einstellen. Auf die Frage nach der rechtlichen Grundlage für ein solches Vorgehen verweist der Ex-Botschafter auf einen Passus in der Wiener Vertragsrechtskonvention von 1969. Demnach sei ein Vertrag ungültig, wenn Fehler gemacht wurden, Druck ausgeübt oder ein Vertragspartner erpresst wurde.

„All diese Bedingungen treffen auf die griechische Rettungspolitik zu, sagt Chrysanthopoulos. Deshalb seien die Kreditverpflichtungen nichtig. Das schuldengeplagte Land müsse nicht zahlen. „Und in dem Moment, in dem wir keine Zinsen mehr zahlen, können wir das Geld in unsere Wirtschaft und die Sozialsysteme stecken.“ Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 61 Prozent sicher keine ganz schlechte Idee.

Auch aus diesen Gründen spricht Bradford DeLong, Wirtschaftsprofessor in Berkeley und ehemaliger Vize-Finanzminister der Vereinigten Staaten, mit Blick auf die aktuelle Finanzkrise von einer Depression, die schlimmer sei als jene der 1930er Jahre. Nicht nur Europa stehe am Rand der Deflation – auch für Amerika müsse man inzwischen von der „Greater Depression“ sprechen.

Wie es vor diesem Hintergrund auf der politischen Bühne inzwischen zugeht, das haben zwei Urgesteine des deutschen Kabaretts in den beiden folgenden Beiträgen deutlich gemacht. Urban Priols Jahresrückblick 2014 ist dabei ebenso sehenswert, wie der politische Rundumschlag von Georg Schramm:

Was man sich an dieser Stelle einmal fragen könnte: Warum klatschen die Menschen bei solchen Sternstunden des politischen Kabaretts eigentlich derart frenetisch Beifall – nur um bei nächster Gelegenheit den erwähnten Politikern und Parteien wieder ihre Stimme zu geben?

Zum Nachdenken geeignet ist auch der folgende lesenswerte Beitrag, der kürzlich auf der Internetseite von n-tv-Reporter Frank Meyer erschienen ist. Der Autor beschreibt sehr anschaulich, wie wir alle uns in einem überdimensionalen Hamsterrad abzappeln:

http://www.rottmeyer.de/warum-wir-alle-hamster-sind/

Die Frage ist, ob man deshalb jetzt verzweifeln, in Panik verfallen und alle möglichen Krisenszenarien durchspielen sollte. An Untergangsprognostikern, die sich darauf verstehen, unsere Zukunft in den düstersten Farben zu schildern herrscht ja wahrlich kein Mangel. Und dann?

Dann werden die Gedanken an die Schlechtigkeit der Welt, an Ausbeutung, Untergang und Apokalypse unser tägliches Leben bestimmen. Das hat Folgen, die jeder von uns in seinem Alltag beobachten kann, wenn er nur die Augen aufmacht und mit wachen Sinnen durchs Leben geht: Mit unseren Gedanken erschaffen wir unsere Realitäten.

Im Zen-Buddhismus heißt es dazu:

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.“

Sollten wir deshalb also besser versuchen, jeden Tag bewusst zu erleben und aus der kurzen Zeitspanne, die uns auf diesem Planeten geschenkt wurde, das Beste zu machen? Alles spricht dafür, denn von einer Sekunde auf die andere kann sich dieses kostbare Leben für jeden von uns um 180 Grad verändern.

Eine sehr gute Freundin von mir musste das am Tag vor Heiligabend erfahren, als man ihr eröffnete, dass in ihrer Brust ein bösartiger Tumor wächst.

Was ist die Aussicht auf eine Weltwirtschaftskrise, was sind Bankenkrisen und unfähige, korrupte und selbstsüchtige Politiker gegen eine solche Nachricht, die jeden (!) von uns aus heiterem Himmel treffen kann?

Ein unbedeutendes Nichts…

© Andreas Hoose  – Antizyklischer Börsenbrief