Willkommen in der Rezession!

8. September 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Zahlreiche Hauptdarsteller aus der Politik sind damit beschäftigt, die erhofften steigenden Steuereinnahmen der kommenden Jahre zu verteilen. Zahlreiche Wissenschaftler sind damit beschäftigt, sich darüber zu streiten, ob die letzte Rezession trotz oder wegen der politischen Eingriffe so verlaufen ist, wie sie verlaufen ist. Die Rezession kümmert das Gerede nicht, sie kommt zurück…

Politik ist ein Geschäft mit zwei Grundzügen. Sie handelt oft kurzsichtig und agiert wie ein spätzyklischer Trendfolger. Daraus resultieren beeindruckende Verhaltensweisen. Wichtige Entwicklungen werden dann erkannt, wenn sie die Nasenspitze berühren. Dieser Reiz löst alsbald aktionistisches Aufspringen auf den fahrenden Zug auf, oft just in dem Moment des Richtungswechsels. Folgende Zitate stammen aus dem Zenit der Erholung im Herbst 2010.

(HB 21.10.2010) Bestens gelaunt hat Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gestern die neue Wachstumsprognose präsentiert. (…) Deutschland erlebe nach der tiefsten Rezession der Nachkriegsgeschichte in diesem Jahr „einen XL-Aufschwung wie aus dem Lehrbuch“.

Immer wieder gut.

(HB 21.10.2010): „Die deutsche Wirtschaft steht wieder auf zwei Beinen“, sagt der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater. Vor allem zwei Fakten sprächen dafür, dass die Binnenwirtschaft im kommenden Jahr einen starken Wachstumsbeitrag leisten wird: Zum einen sei mit einer Nominallohnsteigerung von knapp drei Prozent zu rechnen. Zum anderen sei weiter von „zu niedrigen Zinsen für Deutschland“ auszugehen. „Beides kurbelt den privaten Konsum an“, schlussfolgert Kater. Durch die niedrigen Zinsen nähmen nicht nur die Vermögenspreise und damit die Konsumbereitschaft zu; sie erhöhten außerdem die Investitionsanreize.

Die ewig alte Zinsnummer. Das angepriesene Szenario funktioniert in  Japan bereits seit 30 Jahren vorzüglich. In einer Welt, in der die überschuldeten Privatkonsumenten in vielen westlichen Nationen die Schulden reduzieren (Deleveraging) werden sinkende Zinsen keine Impulse setzten. Für welchen Zweck die Großinvestitionen der Unternehmen dann erfolgen sollen bleibt rätselhaft. Ist ein Ausbau von Überkapazitäten geplant? Mit dem Anstieg der Vermögenspreise hat es in den vergangen Jahren in Deutschland und Europa ebenfalls nicht hingehauen. Haben sich die Preise etwa nur eine Dekade währende Verschnaufpause gegönnt? Ob Angestellte von Fondsanbietern dies nicht so sehen, nicht verstehen oder schlicht nicht sagen dürfen würde uns interessieren.

Auch das Fernsehen spart nicht mit hochrangigen Informationen zum Wirtschaftsausblick:

(RP 21.08.2011) „Ich glaube, dass wir die Chance haben, auf dem Weg eines Aufschwungs weiterzugehen“, sagte Merkel am Sonntag im ZDF-Sommerinterview. „Ich sehe nichts, was auf eine Rezession in Deutschland hindeutet.“

Notiz für das Wirtschaftstagebuch: Nichts. Prima, es kann aber auch nicht überall zur Rezession kommen, das wäre unsozial und ungerecht. Sommerinterview, das klingt bereits nach leichten Themen und leichten Speisen. Da darf auch die wirtschaftliche Entwicklung auf die leichte Schulter genommen werden. (Seite 2)

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