Willkommen in Absurdistan

7. Oktober 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Wir leben in seltsamen Zeiten. Menschen, die die Geschicke dieser Welt lenken sollten, führen sich auf wie im Sandkasten. Niedrige Zinsen bestrafen die Sparer und belohnen diejenigen, die auf Kredit leben. Statistiken gaukeln uns Wachstum und Wohlstand vor – und auf der Straße sehen wir das Gegenteil. Und das Schlimmste dabei: Die meisten Menschen bemerken nicht einmal, dass das Gefüge langsam aus dem Leim geht. Willkommen in Absurdistan!

Die Wahrscheinlichkeit, dass bis zum 17. Oktober tatsächlich kein Kompromiss im Streit um den US-Haushalt gefunden wird und das Land damit faktisch zahlungsunfähig würde, ist extrem gering. Denn käme es dazu, bräuchten die Republikaner bei den in gut einem Jahr anstehenden Zwischenwahlen (Mid-Term-Elections), bei denen ein Drittel des Senats und die Hälfte des Repräsentantenhauses gewählt wird, gar nicht mehr anzutreten. Aber ob man sich nun – Stand Samstagnachmittag – in den kommenden Stunden oder Tagen doch noch einig wird oder nicht, ist nicht das, was die Börsen mittelfristig beeinflussen würde.

Worum es an der Börse über das zugegebenermaßen immer dominanter werdende kurzfristige Trading hinaus wirklich geht, ist doch letzten Endes Vertrauen. Vertrauen darin, dass die Wirtschaft stabil bleibt, kontinuierlich wächst und so Investitionen mittel- bis langfristig Gewinne abwerfen. Das ist zum einen das Vertrauen in die Fähigkeiten der Führung einzelner Unternehmen, aber vor allem auch das Vertrauen, dass Politiker Notenbanken tun, was getan werden muss, um die Wirtschaft auf diesem Weg zu halten.

Natürlich verfälscht momentan das billige Geld das Bild. Aber wenn es schon nicht mehr imstande ist, die Zinsen am Kapitalmarkt ausreichend niedrig zu halten und selbst mit diesen Maßnahmen die Refinanzierung der einzelnen Staaten sukzessive wieder teurer wird, während die Renditen der Anleihen in Relation zum teilweise schwindelerregend hohen Niveau der Aktienmärkte langsam attraktiver werden, welchen Effekt kann es in den kommenden Monaten noch haben? Wenn die Wirkung nach und nach verpufft, gerät der Aktienmarkt langsam in Schwierigkeiten, auch, wenn die handlungsunfähige und uneinige US-Notenbank hinsichtlich der Reduzierung ihrer Anleihestützungen versuchen wird, so unauffällig wie möglich den Rückzug anzutreten.

Letzten Endes steigt der Refinanzierungsbedarf gerade in den USA, aber auch in vielen Ländern Europas, sukzessive an. Stützungskäufe werden somit mehr und mehr symbolisch. Und entweder sinkt die Nachfrage bei steigendem Angebot, was höhere Zinsen erfordern würde und die wirtschaftliche Lage damit noch problematischer macht. Oder aber mehr Geld fließt in den Anleihemarkt zu Ungunsten der Aktien. Kurz: Es wird immer mehr Geld benötigt, aber das anlagebereite Kapital wächst momentan mit diesem steigenden Bedarf nicht mit.

Warum fallen dann die Aktien nicht? Angesichts der absurden Aktivitäten der Politiker beispielsweise in Italien oder den USA und dem momentan ziemlich jämmerlichen Auftritt der US-Notenbank (die EZB kann wenigstens nach außen hin noch den Schein wahren, alles im Griff zu haben) und der berechtigten Befürchtung, dass sich womöglich auch die Koalitionsverhandlungen in Deutschland zu einer Posse auswachsen könnten, stellt sich die Frage, warum die Anleger den Märkten immer noch vertrauen?

Ich denke: Das tun sie gar nicht. In dieser absurden Zeit ist der Faktor Vertrauen durch ein gerüttelt Maß an Gleichgültigkeit ersetzt worden. Immer weniger Menschen sehen hin, wenn die Politik beispielsweise im Zuge der Eurokrise einen Klops nach dem anderen bringt. Die meisten dürften sich nicht einmal darüber im Klaren sein, dass es diese Krise überhaupt noch gibt. Die Gleichgültigkeit führt dazu, dass man sich einfach wie einst in der Biedermeierzeit auf sich selbst fokussiert und erst dann wutentbrannt auf die Straße rennt, wenn es an den eigenen Arbeitsplatz oder an den eigenen Geldbeutel geht… (Seite 2)

 

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