Willkommen im Club der Zinslosen

22. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Meine Bank schrieb mir stolz, sie hätte jetzt die Zinsen für mein Kontoguthaben ausgerottet. Gratuliere! Ich verborge mein Geld also jetzt für Umme, womit die Bank dann „arbeitet“. Na schönen Schrank auch!

Kein Wunder, dass die Guthaben nach und nach in Bewegung kommen und dann woanders hinfließen. Zwei Billionen Euro liegen auf deutschen Konten noch herum. Zudem ist die Sorge berechtigt, dass es bei finanziellen Schwierigkeiten zu einem „Bail in“ kommen könnte. Der Rest erledigt irgendwie die Inflation, die es offziell nicht gibt. Doch die Zeiten ändern sich. Sollten Sie dennoch in Sorge sein, dann sind Herrscharen von Finanzhaien bei der Umleitung der Gelder gerne behilflich.

Wundert es, dass Spargelder vermehrt in Aktien fließen, sich Schönwetterhochs an Börsen überholen und Immobilienpreise steigen? Aktien waren ja angeblich schon immer billig. Zumindest sind Aktien billiger als Zinspapiere. Das sagen die Experten und verweisen auf die Rendite von 2-jährigen Bundespapieren, die heute gigantische 0,04 Prozent vor Steuer abwerfen, während der DAX eine Dividendenrendite von 2,8 Prozent ausspuckt. Kapito? Werden Zinsen je wieder steigen? Eher friert die Hölle ein.

Willkommen in einer Welt der Schönwettermärkte. An den Börsen scheint jetzt täglich die Sonne. Schieben sich dennoch ein paar Wolken vor die Sonne, schaltet man grelles Kunstlicht ein und verteilt Sonnenbrillen. Hoppla! Wie gut, dass die Leute davon keine Ahnung haben.


Das Wort „Sparen“ gehört ohnehin bald zu den bedrohten Wortarten. Wie soll man dann künftig den Kindern erklären was das ist, wenn sich der Vorgang nicht mehr lohnt und die Hortung von Geld mit Gebühren belegt wird? Sie werden es wohl wie die Amerikaner handhaben und Ausgaben mit Einnahmen verwechseln, gut drauf sein, sich reich schoppen durch Geld ausgeben und Sparen mit der Aufnahme eines Kredits verwechseln. Schließlich haben wir bislang jeden, auch noch so verrückten Trend aus Amiland übernommen.

Trotzdem sollte man liquide bleiben, um auf Guthaben zurückgreifen können, wenn man sie braucht. Obwohl Aktien und andere Wertpapiere, lassen sich auch schnell verkaufen, wenn es sein muss. Vielleicht werden wir das Sparen später anders handhaben. Nicht weil wir wollen, sondern weil wir gezwungen sind – wenn das Sparbuch aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis getilgt ist.

Trotz aller Totquatscherei der Experten zeigt sich das Gold in dieser Woche quicklebendig. Gold ist nicht nur Wertspeicher außerhalb dieses verrückten Finanzsystems, sondern zahlt heute genau soviel Zinsen wie ein modernes Konto. Zudem hat es eine längere Lebensdauer als Konten, der Euro und der Autor dieser Zeilen selbst. Nach einem Jahr sind Gewinne steuerfrei im Gegensatz zu anderen Börsengeschäften. Um 4,5 Prozent stieg der DAX in diesem Jahr. Gold und Silber wurden zehn Prozent teurer. Ein Versehen?

Das arme Geld. Für eine Einheit, und es gibt immer mehr davon, bekommt man heute immer weniger DAX, Immobilie, Gold oder auch Öl. Behalten Sie den Satz im Hinterkopf, dass in einem See voller Liquidität jedes Boot steigt, auch Finanzmüll. Aber nicht die Zahl für Guthaben auf dem Konto.

Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten (Langfassung)



 

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2 Kommentare auf "Willkommen im Club der Zinslosen"

  1. von.reichel sagt:

    Wenn ich mir so die Player im DAX ansehe, frage ich mich ernsthaft, woher die Euphorie kommt. Lufthansa, RWE, E.ON und auch Siemens sind keine Unternehmen, denen ich mein Geld aktuell hinterher werfen würde, denen stehen harte Zeiten des Umbaus bevor bzw. stecken sie mittendrin. Vor ein paar Monaten hatte ich ein Gespräch mit meiner Bankberaterin, die mir einen Bausparvertrag für meinen Sohn empfehlen wollte. Bei einer Verzinsung von 0,5% über 7 Jahre. Ich habe dankend abgelehnt.

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