Willkommen im Biedermeier 2.0

4. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Falls Sie mich fragen sollten, wie 2012 wird … nun, ich sag mal so: 2012 wird knifflig. Hat ja auch die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache angekündigt. Nur hört keiner hin. Ich habe niemanden in meiner Umgebung entdeckt, der nicht beruflich eng mit dem Geschehen verbunden wäre und sich nach außen hin ernstlich Sorgen macht. Andererseits … wozu auch? Irgendwie scheint doch alles bestens zu sein … falls die Nachrichten die Wahrheit sagen…

Wir haben langsam einen Mangel an Arbeitslosen, hat man den Eindruck. Während Frankreich die höchste Arbeitslosigkeit seit über zehn Jahren beklagt und in Spanien und Griechenland die 20%-Marke locker übersprungen wurde, sind es bei uns nur sagenhafte 6,6%. Der beste wert seit der Wiedervereinigung. Und Geld haben wir doch alle. Hört man. Das Vermögen der deutschen steigt immer weiter. Da applaudiert man doch einem Blödmann, wie ich ihn zu Neujahr im Radio hörte, der unterstrich, dass man das ganze Gerede von Krise einfach nicht beachten sollte. Man sollte auf sich selbst achten. Wenn es einem selbst gut geht, ist auch alles gut. Tja …

… bei so viel Dummheit möchte man wahrlich dreinschlagen. Willkommen im Biedermeier. Damals, Anfang des 19. Jahrhunderts, gab es schon einmal eine Fluchtwelle ins „Idyll“ (oder besser in die Ignoranz). Die Probleme der Welt mussten draußen bleiben, man zog sich in das Private, die Familie, die Gemütlichkeit zurück. Was dazu führte, dass die Zahl der teilnahms- und ahnungslosen Dumpfbacken im Land rapide zunahm. Und heute ist das alles noch gemütlicher. Denn im Wohnzimmer steht nun der Fernseher. Und wie wir gerade erfuhren, ist die Zeit, die JEDER Deutsche im Schnitt von der Glotze fristet, nunmehr auf den neuen Rekord von 224 Minuten gestiegen. Am Tag, nicht in der Woche. Ohne Computer- oder PlayStation-Spiele natürlich.

Das fiese an so einer Krise ist, dass sie sich nicht von alleine erledigt, wenn keiner hinschaut. Im Gegenteil. Denn die Zahl derer, die von ihrem gemütlichen Couch-Potato-Dasein unsanft durch Überschuldung und/oder Arbeitslosigkeit (oder als Selbständiger durch Umsatzschwund oder aufgefressene Gewinnmargen) in die Realität gerissen werden, steigt schnell. Sehr schnell. Doch durch diese entsetzliche Manie, Katastrophenmeldungen andernorts mit Jubelnachrichten hierzulande zu vermengen, werden diejenigen, die das Schrillen der Alarmglocke nicht hören wollen oder einfach (als Erfolg obiger Medienstrategie) nicht hören können, in einer trügerischen Sicherheit gewogen, die den Sturz ins kalte Wasser außerhalb des heimischen Wohnzimmers gefährlich macht. Wer unvorbereitet von der Klippe fällt, weil er sich in der Masse sicher wähnte, ist nicht nur ein Lemming. Er ist schnell ein toter Lemming. In diesem Fall eben wirtschaftlich tot.

Pleite? Bloß nichts anmerken lassen …

Aber wie weit sind wir dahingehend schon gediehen? Deutschland geht es gut, sagte die Kanzlerin. Ei, das ist fein. Und es stimmt, wenn man die offiziellen Zahlen einfach so hinnimmt. Dabei ist es nicht nur die zunehmende Trägheit von Otto Normalverbraucher, die kritisches Nachhaken immer seltener werden lässt. Es ist auch der rapide zunehmende Egoismus, ja beinahe eine pandemische Egomanie, die die meisten das hören lässt, was sie hören wollen, solange die Probleme nur die anderen betreffen. Und es liegt nicht zuletzt daran, dass wir eine Schamgesellschaft geworden sind!

Wenn wir in den Medien nonstop von Luxus hören und sehen … dass es allen gut geht … dass man jetzt auf Qualität achtet und nicht mehr auf den Preis … dass wir fast Vollbeschäftigung haben und die Deutschen im Schnitt immer reicher werden … dann kommt man sich wie ein Trottel vor, wenn man nicht dazu gehört. Und da es immer mehr Menschen so geht, es aber niemand zugeben mag, weil es doch scheinbar allen anderen immer besser geht, werden die dicken Schlitten eben geleast, noch mehr Kredite aufgenommen und dafür dick in Urlaub gefahren … oder wenigstens so getan, als wäre man auf den Seychellen gewesen, indem man den Malle-Aufkleber schnell vom Koffer kratzt. Ich für meinen Teil stelle in meiner kleinen Welt, einer Welt außerhalb der Standard-Medien und der Reichen, fest: Immer mehr Menschen geht es schlechter, viel schlechter als vor zehn oder zwanzig Jahren. Kenne ich nur die falschen Leute? Wohl kaum, den für denjenigen, der hinsieht, ist es offensichtlich. Nehmen wir doch mal zwei Aspekte heraus… (Seite 2 – Schein contra Schein…)

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2 Kommentare auf "Willkommen im Biedermeier 2.0"

  1. samy sagt:

    Mit Sicherheit einer der Autoren auf dem Blogg, den ich immer lieber lese. Vielen Dank.
    Zum Thema Arbeitsmarkt noch ein Artikel, den ich gestern gefunden habe.
    Den muß man sich auf der Zunge zergehen lassen und genau in seinen Folgen bedenken, auch wenn es sich vorerst wohl nur um ein Pilotprojekt handelt.

    http://www.lkz.de/home/lokales/stadt-kreis_artikel,-Landrat-begruesst-Programm-fuer-Langzeitarbeitslose-_arid,44910.html

    Hieraus:“ … Wie berichtet, will Ministerin Altpeter Arbeitgebern die Beschäftigung Langzeitarbeitsloser für die Dauer von mindestens drei Jahren dadurch schmackhaft machen, dass fast der komplette Monatslohn von 1400 Euro aus öffentlichen Kassen kommt: Zweieinhalb Jahre lang würden die Bundesagentur für Arbeit 400 Euro Eingliederungshilfe, der Landkreis 350 Euro aus dem Hartz-IV-Topf und das Land 500 Euro zuschießen, nur 150 Euro kämen von den Unternehmen. Diese müssten erst nach 30 Monaten den vollen Lohn bezahlen und die Vermittelten dann noch mindestens sechs Monate weiterbeschäftigen…“

    150€/ca.165 Stunden pro Monat=0,90€/h Lohn für den Arbeitgeber. Den Rest zahlt der Steuerzahler. Das sind ca. 7,60€.
    Der ehrliche Wettbewerber am Markt, der faire Löhne für seine Mitarbeiter zahlt, der darf dann bankrott gehen.
    Mit dem System bekommen wir sogar die 0% AL hin. Auf Pump und aus Steuergeldern finanzierte Planwirtschaft. Als ob der Staat nicht schon genug Schulden hat.

    VG

  2. JayJay sagt:

    Kann dem Kommentator dieses wunderbaren Artikels nur zustimmen, Klasse niedergeschrieben. 🙂
    Das Erwachen der dahin Dösenden, wird für die meisten fürchterlich bzw. sehr bitterlich werden.

    Gold & Silber Ahoi

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