Wie werden Steine zu Schnecken?

14. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Wenn etwas wie ein Stein nach unten fällt, und dann im Schneckentempo wieder nach oben krabbelt, ist Geduld gefragt. Die US-Ökonomie kann von diesem Schicksal ein Lied singen. Der Verlauf von Absturz und Genesung im Land von Uncle Sam ist auch gemessen an historischen Werten bemerkenswert…

Die amerikanische Notenbank druckt nicht nur Geld, sie veröffentlicht dankenswerterweise auch lesenswerte Studien. Interessierte können sich so laufend über den Stand der wirtschaftlichen Erholung erkundigen, wenn man sie denn noch so nennen mag. Da diese ziemlich träge verläuft und vermutlich in eine neuerliche Rezession mündet, haben viele Millionen US-Bürger zumindest theoretisch Zeit zum Lesen.

Anhand von vier Indikatoren des National Bureau of Economic Research wurde die letzte, sogenannte „Große“ Rezession untersucht. Im Fokus standen dabei die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die realen Einzelhandelsumsätze, die Industrieproduktion und das Realeinkommen. Der betreffende Zeitraum erstreckt sich von zwölf Monaten vor dem Tiefpunkt der jeweiligen BIP-Schrumpfung bis zu mehreren Jahren danach.

Die folgenden Grafiken zeigen die Ergebnisse der Untersuchung. Als Datenbasis dienten die zehn bedeutenden Wirtschaftsexpansionen in den USA seit 1949, lediglich für das Realeinkommen liegen die Daten erst seit 1961 vor.

Zur Erläuterung: Die obere gestrichelte Linie zeigt die jeweiligen Höchstwerte, die untere die entsprechenden Minima. Die grüne Linie zeigt den aktuellen Verlauf, die andere durchgezogene Linie die Mittelwerte aller untersuchten Szenarien.

Der Blick auf die oben stehenden Charts zeigt, wie rasch zum einen der Einbruch auf den Tiefpunkt von statten ging. Besonders die Realeinkommen fielen wie nie zuvor. Auch die Arbeitslosigkeit stieg rasant an und kam im Schneckentempo nur zum Teil zurück. Es ist erstaunlich, wie sich stabil sich trotz der damit verbundenen sehr schwachen Erholung der Einkommen die Umsätze im Einzelhandel präsentierten.

Dies ist bekanntermaßen zum großen Teil auf massive staatliche Transferleistungen zurückzuführen die bekanntermaßen über neue Schulden der öffentlichen Hand finanziert wurden. Zieht man die staatlichen Transferleistungen von den Gesamteinkommen ab, so geben die Amerikaner wesentlich mehr aus als sie verdienen. Ein überaus fragiler Zustand, der nicht so ganz zur vermeintlichen „Rückkehr zur Vernunft“ passen will. Aber damit war wohl auch nicht ernsthaft zu rechnen.

Angesichts der Geschäftslage der Unternehmen wird sich an der trostlosen „jobless recovery“ und den schwindenden Einkommen so schnell nichts ändern. Im aktuellen Philly Fed Report darf man folgendes lesen:

Firms responding to the July Business Outlook Survey continued to report weak business conditions. Although the survey’s indicators for general activity, new orders, and shipments improved from June, they remained negative this month, suggesting overall declines in business. Firms also reported declines in employment this month and shorter work hours.

Gibt man den anderen Indikatoren noch ein paar Monate Zeit, so bietet sich die Chance für die US-Ökonomie nach dem stärksten Einbruch aller Zeiten auch den Rekord für die schwächste Erholung einzuheimsen – natürlich nur auf ihrer Seite des Atlantiks.

Seit einigen Wochen schwächeln auch die Einzelhandelsumsätze wieder. Mit noch mehr Programmen á la QE 1  bis Dausend wird man der Realwirtschaft nicht auf die Beine helfen. Aber vielleicht haben die US-Amerikaner ja doch den heiligen Finanzgral gefunden. Wenn erst das folgenlose Drucken alle Wirtschaftsprobleme gelöst hat, dann, ja dann sind Steuerzahlungen nur noch ein symbolischer Akt.

Und was ist mit dem Dollar, der Aktie der USA Inc.?

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11 Kommentare auf "Wie werden Steine zu Schnecken?"

  1. FDominicus sagt:

    „Zieht man die staatlichen Transferleistungen von den Gesamteinkommen ab, so geben die Amerikaner wesentlich mehr aus als sie verdienen. Ein überaus fragiler Zustand, der nicht so ganz zur vermeintlichen „Rückkehr zur Vernunft“ passen will.“

    Ich wusste nicht, daß Rott & Meyer sich beim Understatement des Jahres beworben haben 😉

    Vielleicht hätten Sie es nach den Sätzen nach dem Finden von Livingstone formulieren sollen
    „Debts, I presume“ ….

  2. stephan sagt:

    Werte Herren vom Bankhaus Rott, vielen Dank für die wie immer erhellenden Zahlen und Fakten.

    Ich habe mich in der Umfrage für den US-Dollar entschieden. Zwar ist die Situation „über’m Teich“ auch alles andere als komfortabel. In Europa und damit für den Euro sieht es aber leider auch nicht besser aus. Beide Währungen sind nur noch sog. Klopapier. Der US-Dollar hat aber eine Lage mehr, ist also zweilagig ;-).

    Diese zusätzliche Lage besteht darin, dass über die für den US-Dollar erforderlichen „Erhaltungsmaßnahmen“ nicht ein vielstimmiger Hühnerhaufen diskutiert und abstimmt, wie es in der EU der Fall ist. Und dieser EU-Hühnerhaufen ist zudem in der Krise zutiefst zerstritten. Bei den Amis bestimmt dagegen einfach die FED bzw. die dahinter stehenden Banken.

    Wetten würde ich auf meine Wahl allerdings nicht, da die Situation allerorten viel zu unübersichtlich ist. Oder um es mit des Kaisers Worten zu sagen: Schaun mer mal…

  3. conan sagt:

    Hi Leute,

    danke für den einleitenden Text und die interessanten Fakten.

    Zum Poll: Ich habe nicht abgestimmt. Bei DER Auswahl…

    Dollar und Euro sind beide dem Untergang geweiht. Wer zuerst über die Klippe springt lässt sich nicht seriös beantworten (auch wenn’s die letzten 1-2 Jahre eher nach dem Euro aussieht) — und schon gar nicht auf Sicht von drei Jahren….

    • FDominicus sagt:

      Ich stimme mit Ihnen überein. Es ist m.E. aber auch klar geht die eine Währung den Bach runter folgt die Andere den nächsten Tag. Ich gehe aber davon aus, daß wir den Euro auch noch in 3 Jahren haben werden. Irgendetwas werden die Schuldenstaaten sich schon noch ausdenken. Das die vielleicht vernünftigere Lösung einer (vielleicht) noch möglichen Rückabwicklung des Euro nicht gegangen wird, ist „bezeichnend“. Wenn der Euro wirklich zusammenbrechen wird, dann haben wir ja die Kosten für diesen Zusammenbruch und alle Rettungsaktionen zu „tragen“.

      Es ist ja nicht so, daß die Schulden wirklich „verschwanden“ die Schulden Griechenlands bei der EZB stehen ja immer noch zum Nominalwert da. Während die Privaten ja 70 % oder so tatsächlich verloren. Ich weiß derzeit nicht wo die neuen Griechenlandanleihen wirklich stehen. Wahrscheinlich auch weit unter dem Nominalwert.

      Die Banken dürften im Großen und Ganzen zumindest aus dem griechischen Schneider sei. Und ich wette einiges aus dem Portfolio der Banken aus dem Anleihebereich von Spanien und Portugal dürfte inzwischen auch bei der EZB liegen. Was ja nur heißt die EZB wird „wieder“ alle Schulden auf die Steuerzahler abwälzen können. (So kann man natürlich auch Staaten „nicht“ finanzieren ;-(

  4. John Doe sagt:

    Da zwirbeln die Autoren und Foristen wie wild am angeblich miesen Charakter der Südländer rum. Dann wieder ist der Staat der Bösewicht, weil er Steuern erhebt und sonst ja zu Nichts taugt. Dann soll der Sturz kopfüber in die Metalle rein das Allheilmittel sein; manche meinen nur mit Aktien sei man auf der sicheren Seite. Mehr versteckt als offen wird aber weiterhin um das ?goldene Kalb? Markt getanzt. Die Protagonisten der neoklassischen Theorie haben jahrzehntelang die Mainstream Economics beherrscht und machen einfach so weiter, als ob Nichts passiert sei. Als Beispiel Rösler und die FDP mit Senkung von Beiträgen und Steuern. Begründung: Es muss doch endlich mal mit den toten Ideen auf dem Friedhof der ökonomischen Ideologie das Land weiter beglückt werden. So und ähnlich reiten sie Alle querbeet durch die Pampa und merken nicht, dass sie rückwärts auf dem toten Gaul sitzen.

    Welche der Annahmen wurden durch die Finanzkrise atomisiert? Es gibt die Krise nicht nur heute. Wer erinnert sich noch an die Mexikokrise, Südamerika, Rußland nach 1989, Asienkrise, es sind nur beispielhaft die großen Krisen genannt. Die ETH Zürich hat 145 kleine und große Krisen seit 1980 bis heute gezählt.

    (1) Great Moderation: Die Idee, dass die Periode, die 1985 begonnen hat, eine beispiellose makroökonomische Stabilität bot.

    (2) Efficient Markets Hypothesis: Die Idee, dass die von den Finanzmärkten erzeugten Preise die bestmögliche Schätzung des Wertes einer Investition repräsentieren.

    (3) Dynamic Stochastic General Equilibrium (DSGE): Die Idee, dass die makroökonomische Analyse sich um gesamtwirtschaftliche Aggregate wie Handelsbilanzsaldos und Schuldenstand nicht kümmern soll. Sie soll konsequent aus mikroökonomischen Modellen des individuellen Verhaltens abgeleitet werden.

    (4) Trickle-down Economics: Die Idee, dass die Wirtschaftspolitik, die den Wohlhabenden nutzt, schließlich allen zu Gute kommt.

    (5) Privatization: Die Idee, dass jede Funktion, die durch den Staat unternommen wird, durch private Unternehmen besser gemacht werden kann.

    Was muß getan werden, damit die mainstream Zombies endlich merken, dass sie verkehrt rum sitzend einen toten Gaul reiten wollen?

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo John Doe,

      die genannten Thesen haben viele Praktiker ohnehin nie ernstgenommen. Leider wird in vielen Häusern immer noch nach der Devise „besser ein falsches Modell als gar keines verfahren“.

      Bei den erwähnten Steuersenkungsankündigungen handelt es sich ebenso wie bei den „Sparanstrengungen“ in der EZ nur um Ankündigungen, von daher leben die Bürger in einer Welt steigender Belastungen, die als sinkende verkauft werden.

      Der Markt, oder das was davon übrig ist, dient der Politik lediglich als Abladeplatz für alles was schiefläuft. Wie ein Markt das hinbekommen soll, ist fraglich, aber was schert das die Ideologen. Wenn jemand schon deshalb als bösartiger Systemfeind gilt, weil er nicht noch mehr konsumieren mag oder einfach keine Lust auf bestimmte Anleihen hat, ist es weit gekommen.

      Zum Thema Steuern ist zu sagen, dass viele Staaten trotz oder wegen stark ansteigender Sätze schlussendlich weniger einnehmen. In Spanien wird derzeit für einen halben Euro Einnahmen ein ganzer Euro ausgegeben, damit die Rudimente des schönen Scheins gewahrt werden.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • John Doe sagt:

        Hi Bankhaus,

        ich interpretiere mal den Praktiker, der keinen Pfifferling auf die Annahmen wettet, weil es lediglich Annahmen sind, die in der Realität aber kein Echo finden. Wieso werden dann aber an allen Unis diese Annahmen so dargestellt, als ob sie schon Realität sind, weil man sich ihnen unterwirft? Ein Herr Hüther is getting very keen of it! Was übersieht ein Protagonist dieser Annahmen? Was hat ein Praktiker dem gegenüber immer im Blick? Hm, das Ding kann überhaupt nicht funktionieren, weil …!

        Steuern, Sparen. Jeder Gastwirt wird Ihnen widersprechen! Was wollen Sie mit Steuersenkungen/Sparen für wen eigentlich erreichen? Es werde Arbeitsplätze, so die Botschaft, WENN der Unternehmer die Differenz vollständig in seine Realität, Maschinen, Gebäude, Produkte, zusätzliches Personal auf gehen lässt. Tut er es nicht, dann erzielt er lediglich zusätzliches Einkommen, ohne einen Finger krumm zu machen. Was sagt der Praktiker zu dieser Einschätzung? Stimmen Sie vom Prinzip her Ryan, Rommney zu, wenn Beide fordern, dass die Steuern für Einkommen aus Finanzgeschäften von 15 % auf Null % gesenkt werden sollen. Jedem Praktiker ist klar, wegen der Null, dass über das angekündigte Wachstum keine höheren Steuern generiert werden können.

        Der Rest an Markt, Sie vermissen ihn! Es muß also schon mal einen funktionierenden Markt gegeben haben, sonst macht die Klage keinen Sinn. Was hat dieser Markt in der Vergangenheit geleistet? Hat er Ihnen die Entscheidung bei einem Für oder Wider abgenommen und seine Entscheidung an Stelle Ihrer Entscheidung gesetzt, sie quasi entmündigt? Mich als Praktiker interessiert es sehr, wie der Markt es anstellt, wie eine natürliche Person zu entscheiden, wenn es um mein Wohl und Wehe geht. Wann gab es ihn und wer hat ihn kaltgestellt? Welchen Anteil haben Oligopole an diesem Befund, wenn berücksichtigt wird, dass lediglich 145 weltweit operierende Konzerne (darunter 60 Finanzinstitute), die zu dem noch untereinander verbandelt sind, rund 60 % der weltweiten wirtschaftlichen Leistung erbringen?

        Politik. „Ich habe 13 Banker in meinem Büro, die sagen, dass Sie, wenn Sie so weiter fahren, die schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg verursachen werden“, warnte Larry Summers, der stellvertretende US-Finanzminister unter Bill Clinton am Telefon Brooksley Born, die Chefin der Commodity Futures Trading Commison (CFTC). Das ist die amerikanische Behörde, die für Derivate zuständig ist. Frau Born war 1998 besorgt über die mangelnde Aufsicht, die ihrer Ansicht nach zu einer Verbreitung von Betrug führen würde. Die Risiken in diesem metastasierenden Sektor wollte Sie in den Griff kriegen, indem sie die Frage aufwarf, ob die Regulierung von Derivaten verschärft werden müsste. Summers ist der heutige nationale Wirtschaftsberater der US-Regierung Barack Obama. Welche Rolle spielten Assmussen, Weigand und WiWi´ler bei der politischen Vorbereitung und Ausgestaltung zur Gründung der TSI GmbH als Mantel und den zahllosen Zweckgesellschaften zum Zwecke des Vertriebs von Derivaten? Wer hat die amerikanische Kanzlei hoffähig gemacht, dann beauftragt den supranational wirkenden ESM-Vertrag zu erstellen? Draghi, Monti und Andere, ehemals Goldman-Sachs Mitarbeiter bzw. Lobbyisten des Finanzmarktes? In dieser Konstellation trifft Ihre Schmähung nur den falschen Adressaten, den Büttel, den Morgen nicht mehr notwendigen Politiker, sobald die Finanzmarktdiktatur in der EU installiert ist. Die USA haben diese Diktatur in Form des privatrechtlich organisierten FED seit Beginn des letzten Jahrhunderts. Es druckt, begibt nicht der Staat Dollars, sondern das FED. Kennedy wollte dieses Hoheitsrecht an den Staat zurück holen. Er hatte schon staatliches Geld auf den Weg gebracht. Verschwörungstheoretiker sehen einen Zusammenhang mit seiner Ermordung. Johnson stampfte sofort alle Massnahmen ein.

        Fazit: Auch wenn Sie wenig als Praktiker von den Annahmen halten irritiert es mich, dass Sie trotzdem sich im Laufe des Textes auf diese Annahmen berufen
        (der Markt ist der Dreh und Angelpunkt dieser Weltensicht!).

        à la prochaine!

        • Bankhaus Rott sagt:

          Hi John Doe,

          Zunächst einmal zu Ihrem falschen Fazit. Der Markt ist nicht Dreh- und Angelpunkt des Ganzen, er ist schlichtweg vorhanden. Ein Markt nimmt auch niemanden eine Entscheidung ab, wie sollte er? Haben Sie ein Auto verkauft oder erworben, nur weil es einen Markt für gebrauchte KfZ gibt oder nicht doch eher weil sie eines brauchten oder loswerden wollten? Die Frage ist, in welcher Ausprägung Märkte existieren. Vieles von dem, was Märkten heutzutage angelastet wird, liegt wohl eher in deren Verzerrungen begründet. Man kennt das ja, die Politik hätte gerne steigende Milchpreise für die Bauern und sinkende für die Konsumenten – gleichzeitig versteht sich.

          Einen Markt gleichzusetzen mit seltsamer Steuerpolitik ist sachlich nicht gerechtfertigt. Aber solange viele sich scheinbar auch hierzulande schon im Vorteil fühlen, weil sie ein paar Hundert Euro Spritgeld zurückbekommen, ist die Dimension der steuerliche Schieflage auch in D noch nicht vollumfänglich ins Bewusstsein gedrungen, dafür muss man nicht über den großen Teich schauen. Steuern sind ein Mittel der Umverteilung.

          Viel sinnvoller als eine Diskussion um ebenfalls rein theoretische Steuersätze wäre ein Blick darauf, welche Sätze wirklich bezahlt werden. Da werden Sie auch in D bei vielen nicht Hunger leidenden Personen die Null bereits heute finden. Das Thema Steuern und Sparen sehen wir recht unemotional. Wenn jemand dauerhaft 50 Cent einnimmt und 1 Euro ausgibt, funktioniert das vielleicht länger als man denkt, aber nicht ewig. Wenn jemand seine Ausgaben auf das Niveau seiner Ausgaben reduziert, dann ist er kein Sparmärtyrer. Welche Absatzsteigerungen würde der von Ihnen zitierte Gastwirt denn im Falle steigender Steuern erwarten?

          Zu den Theorien gibt es verschiedene Meinungen. Das Problem an vielen Diskussionen ist die schwarz-weiß-Sicht vieler Kommentatoren. Das spiegelt sich auch in Ihren Zeilen wieder. Schauen Sie sich ihr Beispiel mit den Privatisierungen. Natürlich gibt es desaströse Beispiele für fehlgeschlagene Verkäufe. Aber es gibt ebenso viele für öffentliche Misswirtschaft, man schaue nur auf den schon vor der Krise über Garantien dauersubventionierten Landesbankensektor.

          Auch die These effizienter Märkte wird mittlerweile auch von Fama und French, den großen Verkäufern dieser Theorie, öffentlich in Zweifel gezogen. Vielleicht kennen sie die immer hübsch dargestellten Minimum-Varianz Portfolios. Da wird munter berechnet was denn wohl „optimal“ sein könnte, bis man leider feststellen muss, dass die Dinge die man kaufen will, natürlich nicht auf der Straße liegen, sondern von jemand anderem erworben werden müssen. Stichwort Liquidität und Transaktionskosten. Und natürlich steht das schöne Modell mit den Prognosen der Kursentwicklung und der Korrelationen. Erfahrungsgemäß sind diese nicht eben verlässlich, aber wenn man annimmt sie wären verlässlich, dann…

          Auch können Finanzanlagen bei fehlenden Bids schlichtweg nicht mehr verkauft werden. Oder Besitzer großer Bondpositionen können nicht verkaufen, weil sie auf Grund kruder Bilanzierungsstandards beim Verkauf ihr Eigenkapital verbrennen würden. Darüber wird leider selten gesprochen, was erstaunlich ist, denn die Probleme spanischer Banken haben mit Derivaten nichts zu tun sondern sind begründet in ebenso dummen Kreditnehmern und Kreditgebern. Stichwort Eigenverantwortung. Die Mär, dass alle Bürger nur auf Betrüger und nicht auf sich selbst reingefallen sind, erinnert an den Neuen Markt.

          Worauf achtet der Praktiker, war eine ihrer Fragen. Zunächst einmal basieren viele Theorien auf – höflich formuliert – wackligen Annahmen. Wenn diese der Realität nicht standhalten sondern lediglich eine idealtypische Darstellung sind, kann man zwar fein über Möglichkeiten und Strategien diskutieren, man kann sie nur nicht in der Realwelt umsetzten. Sie selber sprechen ja richtigerweise die auch unserer Meinung falsche Ausrichtung der VWL am Individium an, die wir Vermikroisierung nennen. So wie eine Gesellschaft nicht schlicht die Summe der Individuen ist, so ist die Volkswirtschaft nicht die Summe einiger Millionen gleichartiger Personen mit Mittelwertcharakter.

          Über die Struktur der Fed muss man sich nicht streiten, das Thema hatten wir bereits im Nachgang eines anderen Artikels diskutiert. Schaffen Sie die Struktur ab, wir werden Sie nicht vermissen. Aber erwarten Sie nicht, dass das alle Probleme löst. Ein Konstrukt der Trennung von Geldschöpfung und Staat macht durchaus Sinn, denn wer möchte schon die Geldschöpfung den Parteien überlassen? Wenn man sich allerdings die EZB anschaut, dann kommt einem vieles in den Sinn, sicherlich aber nicht der Begriff „unabhängig“.

          Zum ESM/Politik: Der ESM ist offensichtlich ein undemokratisches Vehikel. Wer dieses Konstrukt im Bundestag abnickt, hat seinen Teil zu den kommenden Problemen beigetragen. Die eigene Unkenntnis auf die natürlich nicht objektive Lobby zu schieben, ist unwürdig. Aber man kann sich darauf verlassen, wenn auch diese Idee scheitert, sind wieder „Spekulanten“ oder der „Markt“ oder ein „externer Schock“ schuld. Die Verantwortung trifft auch auf die geschaffenen Regulierungen (etwa die lächerlichen EK Regeln nach BASEL, STichwort Risikogewichte) zu. Diese Regeln sind ebenfalls nicht vom Himmel gefallen und sind in der Sache nicht so kompliziert, dass man sie nicht verstehen könnte. Mit hohen echten EK-Quoten wären die meisten Umtriebe der letzten Jahre nicht möglich gewesen. Sie kennen sicherlich das vor einigen Jahren veröffentlichte geradezu erschreckende Papier aus dem Hause Steinbrück/Asmussen zur Vereinfachung von Anlagen in Verbriefungen in Deutschland.

          Was daran verwerflich sein soll,wenn jemand die Anleihe eines Staates nicht kauft, bleibt eine offene Frage. Aber wenn öffentlich über Zwangsanleihen nachgedacht wird, dann ist das Thema Demokratie offenbar auf dem Weg zu den letzten Kapiteln.

          Beste Grüße
          Bankhaus Rott

  5. MARKT sagt:

    Sehr treffende Analyse.

    Um eines beneide ich Sie allerdings:

    „dass sie verkehrt rum sitzend einen toten Gaul reiten wollen?“

    Können Sie wirklich glauben, dass dies „nicht bemerkt“ wird?

    Allerdings sieht man ja auch hier im Blog, und nicht nur vereinzelt, dass manche gerne bereit sind, diesen toten Gaul auch noch etwas zu fressen zu geben.

    In diesen Fällen erschlägt doch die Klappe der Mainstreamökonomen gleich zwei Fliegen.

  6. Thomas71 sagt:

    Hallo,

    auch wenn es einige anders sehen mögen, aber wenn die Medien nicht zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückfinden (wollen), können wir ohne die kritische Masse in der Bevölkerung nichts ausrichten. Solange die Medien nicht alle Aussagen unserer „lieben“ Politiker auseinander nehmen, analysieren, die Vor- und Nachteile auflisten, können wir nicht gewinnen. Wenn den Medien und Politiker dies bewußt ist, brauchen wir uns keinen Illusionen hingeben und können abwartend in der Ecke sitzen. Okay wir können die ein oder andere Anlageentscheidung treffen und ein bißchen Knete machen, aber am Ende des Tages stehen wir wie immer im Abseits. Zwar an der richtigen Stell doch letztendlich nur hilflos daneben. Die Aufklärung trägt zur Reduzierung der „unwissenden“ bei, wird das Problem aber erst in jahrzehnten zu unseren Gunsten verändern. Daher sehe ich nur die Möglichkeit, um Einfluß auf die Medien zu nehmen und das ist die Übernahme durch Anteile. Was meint Ihr dazu?

    Gruss,
    Thomas71

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