Wie weit kann man es noch treiben?

18. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Die Überschrift könnte glauben lassen, ich beziehe mich auf das verbleibende Aufwärtspotenzial der Aktienmärkte. Aber darum geht es nur höchst sekundär. Denn die könnten theoretisch beliebig steigen – und praktisch weiß man’s nicht…

Natürlich klingen Kursziele wie „DAX 10.000“ ein bisschen utopisch. Aber erstens fehlen da nur noch plöterige acht und ein bisschen Prozent, auf die es nun auch nicht mehr ankäme. Und zweitens reden wir hier, was echte Vermögenswerte angeht, ohnehin über reine Fiktionen, über Buchgewinne, wenn man nicht kurzfristig agiert und imstande ist, Gewinne auch komplett und ruckzuck wieder in Bares zu verwandeln. Genau das aber geht ja nicht.

Es mag manch einem vielleicht nicht bewusst sein, aber in der Gesamtheit betrachtet ist das alles Luftgeld. Denn angenommen, auf einmal wollten immens viele Marktteilnehmer, sagen wir zehn Prozent der insgesamt existenten DAX-Aktien-Bestände verkaufen, um wenigstens einen Teil dieser Buchgewinne wirklich zu sichern. Wäre irgendwo genug Kaufkraft vorhanden, diese auf einem Niveau von „DAX 10.000“ abzunehmen – sprich real abrufbar und zugleich wirklich bereit zu kaufen? Natürlich nicht. Und fragt mal Profis: Was ist eine Beute wert, die man nicht abtransportieren kann?

Sollte man mal in den Hinterkopf einziehen lassen, diese Überlegung. Solange die Umsätze moderat bleiben und nicht zu viele gleichzeitig aussteigen wollen, weil sich z.B. auf einmal durch irgendeine unerwartete Entwicklung die Zuversicht und Ignoranz in Angst verwandelt (und angesichts des momentanen, allgemeinen Desinteresses an der Realität kann da fast alles eine unangenehme Überraschung sein) geht die Party weiter. Wollen zu viele auf einmal aber aussteigen, bricht das Kartenhaus schneller zusammen, als die meisten „huch“ sagen können. Wann das aber ist – und auf welchem Kursniveau – das ist nicht vorhersagbar. Aber wie gesagt, darum geht es mir heute eigentlich gar nicht.

Was ich mich frage ist, wie weit es die Notenbanken, die Politik und die Finanzindustrie noch treiben können, bis sie vom Mob durch die Straßen gejagt werden. Dass das bislang nicht geschieht, ist nebenbei einer der ganz entscheidenden Gründe, warum die Aktienmärkte ungehindert steigen können. Für diejenigen, die diesen Artikel zufällig lesen, sich aber ansonsten für das, was auf diesem Planeten außerhalb des Fernsehens und im eigenen Wohnzimmer vor sich geht, nicht interessieren, eine kurze Zusammenfassung:

Falls irgendjemand glaubt, dass die Eurokrise vorüber sei, irrt er. Sie ist nur als Thema in den Medien vorüber und ihre augenfälligen Symptome mit „billigem Geld nach Belieben“ zugekleistert worden. Das grundlegende Problem, dass mit der Eurozone zusammengeleimt wurde, was nicht zusammen gehört, indem man ganz unterschiedlich strukturierte Volkswirtschaften eine Währung und einen Leitzins, nicht aber eine einheitlich Finanz- und Wirtschaftspolitik verpasste, ist und bleibt ungelöst. Nimm das billige Geld weg – und das ganze Chaos kommt wieder an die Oberfläche.

Dass dabei hierzulande entspannt ignoriert wird, dass die Lage in Griechenland, Portugal und Spanien sich nur auf einem unerträglich schlechten Niveau stabilisiert und wenig Hoffnung auf einen irgend etwas reparierenden Aufschwung besteht ,während die Lage in Italien und Frankreich weiter höchst fragil ist, trägt dazu bei, dass diejenigen, die ganz entscheidend dazu beigetragen haben, den Karren durch völlig widersinnige Sparvorgaben erst recht in den Dreck zu fahren, weiter beliebig herumfuhrwerken können. Besser noch:

Kaum jemand weiß, wer da denn nun wirklich was entschieden haben könnte. IWF? EU? EZB? Das sind nur Begriffe – und selbst, wenn Otto Normalmedienkonsument wissen sollte, was sich dahinter verbirgt: Wer sind da die wirklichen Entscheider? Und selbst wenn … angeblich gab es ja permanent irgend einen Konsens. Alle waren in Absprachen dafür – was heißt, keiner ist schuld und niemand zur Verantwortung zu ziehen. Das ist der Vorteil, sich hinter einem Kollektiv verstecken zu können. Komisch, da hätte man doch eigentlich vom Ostblock lernen können, dass so etwas Murks ist. Indes … damals dort und heute hier nur für die, die es ausbaden müssen. Das wiederum ist das Feine, wenn man in den entscheidenden Gremien sitzt.

Aber wer regt sich auf? Solange es so aussieht, als würde der Bürger von alledem nicht betroffen sein, passiert nichts. Selbst in den betroffenen Ländern passiert nichts. Die Betroffenen gehen auf die Straße, sicher. Aber die, die nicht betroffen sind, sind froh, unbeteiligt zu sein und halten sich raus. Damit können diejenigen, die versuchen, den schönen Schein zu wahren immer wieder erfolgreich darauf bauen, die Probleme so zu kaschieren und auszusitzen, bis der Nachfolger im Amt sitzt und man aus dem Schneider ist, unbehelligt weiter machen. Den Umschlag mit den üblen Wahrheiten noch schnell unter der Tür durchschieben – und tschüss…

Und der schöne Schein wirkt – teilweise aus Unwissenheit und unabsichtlich, teils ganz gezielt – überall. Wenn da eine Deutsche Bank plötzlich in nur einem Quartal einen Haufen Geld als Rücklage für „rechtliche Dinge“ zurücklegt, eine Summe, mit der z.B. auf den Philippinen mit einem Schlag unendlich viel geholfen wäre, zuckt man nur mit den Schultern. Denn das diese Aktion darauf hinweist, dass auch die Folgen der angeblich lange zurückliegenden Subprime-Krise immer noch unter dem Teppich, unter den sie gekehrt wurden, vor sich hin gären, juckt niemanden… (Seite 2)

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