Wie wär’s mal mit der Wahrheit?

6. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Der Gehrt regt sich auf! Gut, es ist mein Problem, wenn ich an solchen Tagen regelmäßig blau anlaufe. Aber wenn ich lese, höre und sehe, dass auf einmal so viele Marktteilnehmer angeblich beunruhigt auf die Kursmonitore starren, weil nicht nur die Aktien, sondern auch Rohstoffe und vor allem das doch angeblich als „sicherer Hafen“ fungierende Gold an diesem Dienstag in die Knie gehen, kriege ich die Krise…

Ich habe seit Jahren davor gewarnt, Gold als einen sicheren Hafen einzustufen. Als Depotbeimischung ist Gold ebenso wie andere Edelmetalle in diesen Zeiten absolut sinnvoll und sogar erforderlich. Aber man darf eben nicht glauben, das ein Asset, auf das sich auch und gerade kurzfristige Zocker stürzen, seitdem normale Anleger sich vermehrt dorthin flüchten, gegen extreme Schwankungen gefeit wäre. Die Volatilität des Goldpreises liegt viel höher als die am Aktienmarkt. Und leider ist die Laufrichtung des Goldes, seitdem computergesteuerte Handelsprogramme den Goldpreis oft an Aktienindex-Futures gekoppelt haben, die selbe wie die der Aktien. Ist doch nichts Neues! Aber es hört trotzdem niemand hin … und alles sitzt in Phasen wie diesen jammernd da. Das bringt mich langsam zur Verzweiflung. Vor allem der Gründe für diese Taubheit wegen (was mich zum Thema bringt, denn es geht mir gar nicht um Gold):

Die erdrückende Mehrzahl der Anleger registriert nur diejenigen Informationen, die ihnen in den Kram passen. Wenn man, wie es nun mal die Mehrheit der Marktteilnehmer tut, auf steigende Kurse setzt, ignoriert man so lange Warnsignale, bis sie einem in Form massivster Verluste um die Ohren gedroschen werden. Jeder kleine Rücksetzer ist eine Kaufgelegenheit, und wenn die Welt in Flammen steht. Mittlerweile sind so viele dergestalt konditioniert, dass selbst an schwachen Tagen wie an diesem Dienstag immer und immer wieder in abrutschende Kurse hinein gekauft wird. Und das geht so lange weiter, bis die Verluste so riesig sind, dass die rosa Brillen einen Sprung kriegen und aus der närrischen, blinden Zuversicht blanke Panik wird. Meist passiert das dann, wenn sowieso schon alles zu spät ist – und birgt für diejenigen wenigen, die bereit sind, so objektiv wie möglich an die Situation heranzugehen, schon wieder Einstiegschancen. Was auch bedeutet: Wenn dieser Tage tatsächlich die Aufwärtsbewegung der letzten Monate ein Ende haben sollte, stehen wir am Anfang, nicht am Ende einer Abwärtsbewegung. Siehe Anfang 2003, siehe Anfang 2009. Aber:

Dazu muss aus einer Korrektur erst einmal tatsächlich eine Trendwende werden. Und wenn Sie mich fragen, ob dem bereits so ist: Nope! Ist es nicht. Beim DAX beispielsweise liegen die entscheidenden Unterstützungen, die den Index vor einer mittelfristigen Abwärtswende retten können, erst im Bereich 6.300 bis 6.480 Punkte. Alles darüber ist faktisch nur eine Korrektur. Nur könnte aus dieser Korrektur gerade jetzt tatsächlich eine solche Abwärts-Trendwende werden. Denn die Argumente für die schwächeren Kurse, die Ihnen in den Medien präsentiert werden, sind sehr vordergründig, oder, um es anders auszudrücken, falsch. Und das wieder einmal deswegen, weil man sich furchtsam hütet, Gründe für Kursausschläge anzugeben, die ein unerfreuliches Licht auf die Haupt-Werbeträger der Sender und Zeitschriften werfen oder von denen man glaubt, dass sie den normalen Anleger verschrecken können.

Aber ist diese Denkweise nicht entsetzlich naiv? Am Ende wenden sich die Anleger ja doch von der Börse ab, weil wieder einmal alles anders kommt, als man ihnen im Vorfeld versprochen hat. Weil wieder einmal alles anders ist, als man ihnen im Vorfeld erklärt hat. Und weil wieder einmal das Geld weg ist, wo man ihnen stattliche Gewinne versprochen hat. Kann das der richtige Weg sein? Wie wär’s mal mit der Wahrheit? Wenn ich die Windmühlen kenne, gegen die ich antreten muss, kämpft es sich schon leichter!

Heute hieß es, die Marktteilnehmer würden aussteigen, weil sie sich davor fürchten, dass womöglich am Donnerstag bei Ablauf der Frist zur Akzeptanz des Schuldenschnitts für griechische Verbindlichkeiten zu viele private Gläubiger nicht mitziehen würden. Mumpitz. Erstens werden sie dann per Gesetz dazu gezwungen und zweitens würde letztlich von allen Seiten das fehlende Kapital zugeschossen werden, so, wie man auch in der vergangenen zwei Jahren brav bezahlte, solange es mehrheitlich noch nicht erwünscht ist, dass Griechenland den Euro abgibt. Und wenngleich dieser Gedanke, den ich ja schon vor fast zwei Jahren in meinen Marktkommentaren als in meinen Augen einzig sinnvolle Lösung anführte, immer mehr Befürworter erhält, so ist doch die Kapitalbasis Griechenlands im Augenblick noch nicht stabil genug, um plötzlich auf ein generöses Ausstiegsangebot umzuschalten. Dazu braucht es noch ein wenig … und dann wird genau das passieren. Und dass diese Krise als solche nicht in den Griff bekommen wird, sehen wir doch nicht erst seit Dienstagfrüh! Auch das ist kein Grund, ausgerechnet heute auszusteigen.

Das zweite Argument für fallende Kurse war die Angst vor einem möglichen militärischen Konflikt im Nahen Osten, nachdem Israels Premierminister Netanyahu immer lauter mit dem Säbel rasselt. Aber sind wir doch mal ehrlich – wobei ich betonen möchte, das nicht ich zynisch bin, die Börse ist es, ich beschreibe nur, wie sie tickt: Ein Militärschlag gegen den Iran hätte für die US-Wirtschaft doch genau die belebende Wirkung, die sie braucht! Im Moment sieht es ja so aus, als wollten die Amerikaner sich nur höchst ungern in einem solchen Konflikt hineinziehen lassen und beschwören Israel, den diplomatischen Pfad nicht zu verlassen. Ist das glaubwürdig? Will man denn nicht nur so aussehen, als hätte man keine andere Wahl gehabt? Aber überlegen wir doch mal, welche Gewinne durch den kontrollierten „Abbau“ und Wiederaufbau eines Landes wie dem Irak entstanden sind. Erinnert sich denn niemand daran, wie eifersüchtig die USA damals darüber gewacht hatten, dass sie die großen Aufträge für den Wiederaufbau bekamen? Wie Unternehmen die Caterpillar oder Halliburton jahrelang davon profitierten? Ein solcher militärischer Konflikt würde die Börsen genauso – nach einer kurzen Schreckreaktion – nach oben ziehen wie damals. (Seite 2)

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