Wie sich die Nullzinsen in unser Leben fressen

18. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis die Negativzinsen als höhere Kontogebühren durchschlagen. Zumindest da beginnt die Volksseele zu schäumen, während sie sonst im Koma verharrt. Das Thema ist so schön, dass es uns täglich begleiten wird wie Toilettenpapier…

Moment mal! Gehören kostenlose Konten nicht zu den Menschenrechten? Doch jetzt, wo es den Banken so schlecht geht, müssen sie für die Boni diejenigen melken, die bei drei nicht auf dem Baum sind. Sollte sich da niemanden finden, dann eben die auf den Bäumen. Blöd ist nur, dass man heute ein Konto benötigt. Der Sparstrumpf wäre keine Alternative, sagen Experten, also die von der Bank. Dabei sollte man mit Guthaben auf dem Konto die Bank nach Sicherheiten fragen, wohl wissend, dass man als Steuerzahler selbst diese Sicherheit ist.

Banken verdienten früher richtig Geld mit den Kundeneinlagen. Aus einem Euro konnte sie einen Kredit von 99 Euro zaubern und kassierten so bis zu 99 Mal die Differenz zwischen dem Sparerzins und dem Kreditzins. Nettes Geschäft. Das könnten sie heute auch noch, gäbe es genügend solvente Schuldner mit Lust auf noch mehr Schulden. Aber die Kreditvergabe schwächelt weiter.

Nun steht auf der einen Seite die EZB mit ihren Negativzinsen, damit Banken mehr Kredite an wen auch immer vergeben und auf der anderen Seite die Regulierungswütigen, die vorschreiben, wer Kredit bekommt und wer nicht. Das beißt sich, ist aber im Sozialismus oft so. Offenbar hat auch die Bonität der Leute mit den tieferen Zinsen nachgegeben. Oder sie haben keine Lust auf noch mehr Miese in ihrer Bilanz.

Zudem sinkt die Zinsmarge der Banken, obwohl die doch wirklich üppig ist.

Morgen lesen wir dann ganz bestürzt, dass ein Dispokredit immer noch durchschnittlich zehn Prozent kostet. Reflexartig fordern Grüne, Linke und SPD eine Zinsbremse. Experten geben auf allen Kanälen wertvolle Tipps, wie man das Konto wechselt, empfehlen aber selten, gar keine Schulden zu haben. 100 Euro im Dispo kosten immerhin zehn Euro Zinsen im Jahr. Wenn aber ein Konto einen Euro kostet wie meines jetzt, kann man sich schon mal richtig aufregen. Zum Glück weiß niemand, wie Banken aus Geld machen. Der Spuk um höhere Gebühren dürfte sich schnell legen. Schließlich verläuft die Haltbarkeit von Schlagzeilen heute proportional zu ihrer Taktzahl.

„Erst hat sie der Steuerzahler gerettet, jetzt schröpft man ihn!“ wird BILD demnächst titeln. „Schweinerei!“ ruft es aus dem Gebüsch der freien Meinung hinter vorgehaltener Hand. Banken waren schon immer Geier, Haie, Halsabschneider und viel Schlimmeres. Nur ihre TV-Werbeclips wurden peinlicher und damit auch noch besser.

Was kann man tun? Nichts. Am meisten ärgert man die Banken, indem man das Konto nicht überzieht und kaum etwas auf dem Konto für den Vorgang der Kreditvergabe vorrätig hält. „Es gibt keine Obergrenze für Gebühren, letztlich regelt das der Markt“, sagte der Chef des Bankenverbandes. Was habe ich gelacht. Welcher Markt eigentlich? Heute ist der Markt fast nur noch die EZB. Sie hat immer Recht wie früher die Partei im Osten. Jedenfalls bis auf weiteres.

 „Wir haben in Deutschland einen extrem harten Wettbewerb, der wird dafür sorgen, dass die Gebühren nicht in den Himmel wachsen.“

Was heißt hier in den Himmel wachsen? Mein Konto kostet jetzt einen verfluchten ganzen Euro. Da muss man jeden 4. Monat auf einen Kaffee vom größten börsennotierten Kaffee-Brüher verzichten. Oder auf ein Bier in vier Monaten in der Kneipe! Es ist unglaublich, dass man die Kaffeemaschine frühmorgens wieder selbst anwerfen muss. EIN! Euro im Monat! Ja, man kann das Konto ja wechseln. Laut einer Umfrage haben das 74 Prozent der Leute noch nie getan. Das wird sich kaum ändern.

Kommen als nächstes Strafzinsen auf Guthaben? Wahrscheinlich nicht, denn es gibt ja Gebühren, denen keine Grenzen gesetzt sind, also verkappte Strafzinsen. Vielleicht wird künftig ein „Guten Tag!“ am Schalter kostenpflichtig. Und dabei ist das ja schon eine Lüge – auf beiden Seiten.

Der einzige Gewinner ist die EZB. Die kassiert von den Banken für ihre Überschussliquidität 0,4 Prozent Strafzinsen, wenn sie Geld über Nacht bei ihr parken. Angeblich 350 Millionen Euro im Monat. Ziemlich teures Hotel für elektronische Recheneinheiten und ein Milliardengeschäft für die EZB.

Die Banken könnten ja das Geld im Keller lagern. Wenn aber 500er Scheine abgeschafft sind, brauchen sie eben mehr Platz. Vielleicht ist das der Grund, und weniger die Terroristen und Schwarzgelder, warum der große Schein verschwindet – und demnächst auch der 200er? Und dann das Bargeld? Und ein paar Banken? Auch das schaffen wir. Nur mit wem?

 

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5 Kommentare auf "Wie sich die Nullzinsen in unser Leben fressen"

  1. bluestar sagt:

    Dieser Artikel geht runter wie Öl. Große Klasse !!!
    Zinsbremsen, Preisbremsen und viele, sehr viele Nullen in Zahlen und Personen brauchen wir auf dem Weg in den Sozialismus, der für die Oligarchen der Kommunismus ist.

  2. cubus53 sagt:

    Die Zinspolitik könnte man auch mit „Es allen Recht zu machen, ist eine Kunst, die niemand versteht“ überschreiben.

    Man findet zuhauf mahnende Worte zum Geldsystem, der Zins und vor allem der Zinseszins sei die Wurzel allen Übels – bis hin zum Beispiel, was aus einem Euro seit dem Jahr 0 geworden wäre.

    Vielleicht hat das alles auch Herr Draghi gehört und sich gedacht, die Zinsen mal auf Null zu setzen. Auch nicht Recht ? Wie denn dann ?

  3. Frank Frei sagt:

    Ich habe seit Jahren kein Konto mehr. Und was soll ich sagen? Ich schlafe seitdem besser.

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