Deutschland: Wie eine Made im Speck

24. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Warum ist eigentlich ausgerechnet die Bundesregierung so vehement gegen Eurobonds? Und warum erscheint ausgerechnet den deutschen Politikern und Wirtschaftsführern die Rückkehr zur Drachme als Tor zur Hölle?

Ihre Begründungen sind da klar und unmissverständlich. Aber nebenbei auch mit Masse unwahr. Um es höflich auszudrücken. Deutschland mimt in der EU den Hort von Vernunft und Stabilität, den „Sparfels“ in der Brandung derer, die sich leichtfertig mit billigem Geld aus der Affäre ziehen wollen. Und da unsereins über Generationen darauf getrimmt wurde, dass Sparen gut ist und Schulden machen stehenden Fußes in eine Hyperinflation wie in der Weimarer Republik führt, ist den Politikern wenigstens in dieser Hinsicht der Applaus der Landsleute sicher. Und das sicherlich auch dann, wenn man hinter den Vorhang blickt … nur in diesem Fall applaudiert der „Deutsche Michel“, weil schierer Eigennutz zu seinem Wohle dominiert.

Denn eines haben die hiesigen Entscheidungsträger ganz sicher nicht als vorrangiges Ziel: Das beste für die EU, das beste für die Eurozone zu tun. Wenn sie so vehement gegen Eurobonds sind und die Rückkehr zu den alten Währungen oder zu einem faulen Kompromiss in Form eines „G-Euro“ wutentbrannt ablehnen, dann weil dies ihrem eigenen Fortkommen, ihren eigenen Interessen, ihrer eigenen Lobby in der Wirtschaft schaden würde. Kurz: Die Argumente, mit denen hier hantiert wird, klingen deswegen bisweilen seltsam dünn, weil sie nur ein Vorwand sind für die Maxime: Wir und unsere Interessen kommen zuerst … und alle anderen haben gefälligst mitzuziehen.

Das ist das blanke Gegenteil des europäischen Gedankens. Und das führt zu zunehmendem Unfrieden in der EU. Logisch. Dass das in unseren Medien nur wenig transportiert wird, ist klar. Aber wenn Sie mal die französische oder gar die britische Presse ein wenig verfolgen … autsch. Und die wütenden Kritiker des deutschen Kurses haben schließlich nicht Unrecht. Was soll das für eine Solidargemeinschaft sein, in der derjenige mit der größten Klappe die anderen dazu bringt, die eigenen Interessen zu unterstützen, obwohl diese nur dem Wortführer nutzen, den anderen aber tendenziell schaden?

Als Nicholas Sarkozy noch im Elysée-Palast logierte, klappte das einigermaßen. Jetzt, mit Francois Hollande am französischen Steuerruder, nicht mehr. Die Differenzen mit Frankreich nehmen zu, denn Frankreich ist in den vergangenen zwei Jahren in eine zunehmend kritische Lage geraten. Anfang 2010, zu Beginn der Krise, hatte Frankreich lösbare Probleme. Heute aber ist die Refinanzierung teurer, die Arbeitslosigkeit höher, das Wachstum bei Null. Kein Wunder, dass sich ursprünglich gleiche Interessen heute nicht mehr mit denen Deutschlands decken. Aber warum sind Eurobonds aus deutscher Sicht schlecht?

Ganz einfach: Weil wir uns dann nicht mehr so spottbillig refinanzieren können. Der Kreislauf, in den die schwächeren Länder der Eurozone geraten sind, gilt auch für uns … nur umgekehrt. Je billiger die Refinanzierung, desto geringer die Neuverschuldung. Und desto mehr lässt sich das komfortable Polster vergrößern, auf dem die deutsche Politik und Wirtschaft zu Lasten der anderen Staaten ruht.

Woran liegt es denn, dass überall die Arbeitslosigkeit steigt, nur hier nimmt sie ab (wenngleich natürlich a) Arbeit und Wohlstand heute zweierlei sind und die Statistiken eine sehr „eigene“ Realität wiedergeben)? Wieso wächst die deutsche Wirtschaft, während um sie herum Rezession herrscht? Vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen wegen der billigen Refinanzierung, die wiederum unmittelbar an den weltweiten Ruf Deutschlands als vorsichtig kalkulierender, vernunftbetont agierender Wirtschaftsraum gekoppelt ist. „Wenn Europa, dann lieber Deutschland“. Das sagen sich Importeure wie Anleger gleichermaßen. Und je schlimmer es in Italien, Spanien, Griechenland oder Portugal aussieht, desto mehr denken und handeln so und lassen das Geld, das dort nicht mehr hinfließt, nach Deutschland fließen. Und wenn man sich dazu noch zu unter 1,5% Zins auf zehn Jahre beim Anleger Geld leihen kann, wo andere fünf, sieben und mehr Prozent berappen müssen, wird dieser Prozess auch noch verstetigt…

Und der andere Grund? Na, der Euro! Auch hier profitiert Deutschland zusätzlich, wird immer stärker, gerade weil die anderen immer schwächer werden. Der gegenüber dem US-Dollar absackende Euro, der im Schlepptau auch gegenüber den Währungen der BRIC-Staaten fällt, macht europäische Waren im Ausland konkurrenzfähiger.

Die Unternehmer können sich aussuchen, ob sie die Preise zugunsten steigender Umsätze senken oder bei gleichbleibenden Preisen mehr Gewinn einfahren. Aber da die meisten anderen Euro-Länder momentan im Schwitzkasten der weltweiten Anlegerschaft einerseits und des übermächtigen Deutschland andererseits stecken, haben die Deutschen als „Exportweltmeister“ den größten Vorteil davon. Und somit liegt die Antwort der anfangs gestellten Fragen auf der Hand:

Deutschland will keine Eurobonds, weil dann die schwachen EU-Länder zwar entlastet werden, man selbst aber deutlich mehr für neues Geld zu zahlen hätte. Geben, damit es den anderen besser geht? Na, also so weit geht die Solidarität dann wohl doch nicht, wie? Über Argumente der Politik, Eurobonds würden die „anderen“ dazu verleiten, nicht mehr brav zu sparen, kann man nur lachen. Es sei denn, man würde den Satz vollenden mit: „…und sich somit nicht weiter zu Gunsten der starken Eurozone-Länder selbst erdrosseln“. Dann wird wieder ein Schuh draus.

Deutschland fürchtet die Rückkehr alter Währungen wie der Teufel das Weihwasser, weil dann der vom „Ballast der Schwäche“ befreite Euro senkrecht nach oben sausen würde. Und das wäre höchst unerfreulich für die deutsche Exportindustrie! Das ist der absolute Witz!

Gäbe es die EU nicht, würde eine wegen der deutschen Sonderlage haussierende D-Mark die aktuellen Vorteile zunichte machen. So aber haben wir eine billige Währung und eine spottbillige Refinanzierung – ein ansonsten unmögliches Umfeld … möglich gemacht zu Lasten der anderen Eurozone-Mitglieder. Deutschland räkelt sich im Bett der Eurozone wie eine Made im Speck. Und genau das will man unbedingt so beibehalten. Klar.

Fazit: Man sollte vielleicht aufhören, so zu tun, als wolle man nur das Beste für die anderen Mitglieder der Eurozone, die scheinbar selber zu dumm sind, zu erkennen, was gut für sie ist. Spätestens mit dem Auftauchen des streitbaren Francois Hollande sehen auch die kleineren Mitglieder wieder Licht am Ende des Tunnels. Deutschland, das bislang von der Euro-Krise fast nur profitieren konnte, wird in meinen Augen in den kommenden Monaten gezwungen werden, sich in die Notwendigkeiten, wie sie die objektive Lage erfordert, zu fügen. Das bedeutet, dass wir hierzulande auf einmal zumindest einen Hauch des eisigen Windes spüren werden, der den Menschen im Süden Europas um die Nase weht … und der durch die von Deutschland entscheidend vorangetriebenen, irrwitzigen Auflagen aus der Rubrik „Sparen statt Wachstum“ noch intensiviert wurde. Aber zu einer „Union“ gehört nicht nur nehmen, sondern auch geben.

Bisher war es gelungen, als „Netto-Gewinner“ dazustehen … nicht zuletzt, weil man aktiv dafür sorgte, dass eigene Pfründe zu Lasten der anderen erhalten blieben. Das wird sich ändern … und dann wollen wir mal sehen, wie die deutsche Exportindustrie, der Arbeits-markt, die Auftragseingänge und vor allem die internationalen Anleger reagieren werden!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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