Wer zweimal lügt…

20. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt –  www.baden-boerse.de

Geht es nur mir so oder fällt Ihnen ebenso auf, dass man hierzulande in einem beängstigen Tempo aggressiver wird? Der Umgang im direkten Miteinander wird ruppiger: Immer öfter scheinen aus Gruppenwesen Einzelkämpfer zu werden, die sicherheitshalber mal jeden beißen…

Im Zuge des Griechenland-Theaters bemerkte man bereits, dass Toleranz und demokratisches Denken bei vielen nur eine Fassade war, die bei der geringsten Beanspruchung zerbrach. Jetzt, während die Flüchtlingsproblematik die Schlagzeilen dominiert, geht die Contenance erstaunlich vieler angeblich mündiger Bürger erst recht den Bach hinunter.

Egal, welche Ansicht man da vertritt. Sollte sie im Fall einer Diskussion nicht lauten „Du hast recht“ oder „dazu habe ich keine Meinung“, wird man niedergebrüllt, egal, wie moderat die Ansichten sein mögen. Man gewinnt den Eindruck, als würden sich hier versteckte, lange unterdrückte Aggressionen, vermischt mit einer unbestimmten Angst vor Veränderung und persönlichen Einbußen, Bahn brechen. „Das sagen alle“ ist eine der ältesten und dümmsten Ausreden überhaupt. Und man fragt sich, wann aus radikalen Sprüchen radikale Handlungen werden, jetzt, da man doch glaubt, „alle“ hinter sich zu haben.

Der Mensch ist des Menschen Wolf, hat der römische Dichter Plautus vor über 2.000 Jahren gesagt (manche schreiben den Spruch auch Thomas Hobbes zu). Was wir hier erleben, ist nicht neu. Aber gerade deswegen umso erschreckender. Denn es zeigt, dass die Menschen als Individuum durchaus immens lernfähig sein können, in der Masse, wenn die eigene Verantwortlichkeit sich scheinbar in der großen Suppe der Masse bis zur Irrelevanz reduziert, aber extrem gefährlich bleiben und imstande sind, alles und auch sich selbst zu zerfleischen.

Ich will nicht behaupten, ich hätte das genau so kommen sehen. Das tückische an solchen Entwicklungen ist, dass man deren Dynamik und den Punkt X, an dem das Fass überläuft, nicht einfach vorausberechnen kann. Das sollte man spätestens seit den Prophezeiungen des Club of Rome erkannt haben. Aber u.a. meine schon viele Jahre alte Kolumne „Biedermeier 2.0“ wies darauf hin, wie immens das Risiko ist, wenn immer mehr Menschen sich aus Desinteresse und/oder Überforderung aus dem Tagesgeschehen zurückziehen und sich ihr letztes Reduit auf ihrer Couch errichten.

Je mehr Menschen immer weniger mitbekommen, was sich außerhalb ihres Dunstkreises tut, desto leichter fällt es, diese Massen zu steuern, indem man sie mit entsprechenden Ereignissen und Schlagzeilen „aktiviert“. Der angeblich mündige Bürger reagiert dann wie ein Urmensch: Da ist wer, der will mir was wegnehmen, den hau‘ ich platt. Bei ausreichend aufgestauter Aggression reicht schon „der könnte mir eventuell was wegnehmen wollen“ oder, übler noch „die anderen sagen, dass der mir was wegnehmen will“.

Tja. Es funktioniert. Was zu befürchten war. Und ebenso wie damals bei Beginn der Eurokrise beschleicht einen das Gefühl, dass dieses ganze Szenario gesteuert wirkt. Aber das wäre eigentlich nicht das Thema der Kolumne eines Börsianers. Nur … das, was sich momentan abspielt, ist für die Börse nicht nur relevant, sondern entscheidend.

Erstens, weil dieser Wandel im Denken vieler Menschen zu den externen Problemen hinzukommt. Wobei die Angst vor der Zinswende auch ins Horn der Psychologie stößt. Denn es wäre nicht dieser leidige Viertelprozentpunkt der US-Leitzinsen an sich, der ein Problem darstellen würde. Es wäre der dadurch entstehende Eindruck, dass die Zeit des „billigen Geldes“, in der man nunmehr über sechs Jahre lang relativ sicher sein konnte, dass völlige Ignoranz gegenüber den volkswirtschaftlichen Fakten unbestraft bleibt, vorbei ist. Und das führt dazu, dass viele überaus hektisch reagieren.

Klar, wenn einem auf einmal bewusst wird, wie dünn das Eis geworden ist, dass die Aktienindizes in Europa und den USA ebenso wie in China ganz oben auf eine Leiter ohne Sprossen geklettert sind, kann man es schon mit der Angst zu tun bekommen. Und dass viele dieser „Biedermeier“, die zuvor jahrelang ihr Gehirn auf „stand by“ laufen hatten, dann irrational agieren, lässt sich auch an dem Boom am Immobilienmarkt erkennen. Dies- und jenseits des Atlantiks.

Da rennen Leute los und verschulden sich höher, als sie es sich schon bei den jetzt niedrigen Hypothekenzinsen leisten könnten, weil das „die“ letzte Chance ist, „billig“ ein Haus zu kaufen oder zu bauen. Und dabei merken sie nicht, dass die dadurch gestiegenen Preise jegliche Zinsersparnis auffressen. Wenn die Preise dann wieder fallen und die Zinsen steigen, dann gute Nacht. Dann gibt es billig Häuser zu kaufen … direkt aus der Zwangsversteigerung. Dass die Notenbanken sich dessen bewusst sind, ist übrigens nur einer von vielen Gründen, warum die Rückkehr zu einer Zins-Normalität unmöglich ist.

Das ist nebenbei bemerkt auch so ein Aspekt aus der Serie „typisch Mensch“. Wenn Menschen glauben, sie bekämen etwas geschenkt, rennen sie genauso blind los wie im Fall der Befürchtung, ihnen will jemand etwas wegnehmen. Ich könnte mich immer noch kugeln, was für Kapriolen die Abwrackprämie damals hervorgebracht hat. Ein Bekannter hat es damals fertiggebracht, ein Auto im Wert von 5.000/6.000 Euro für 2.500 Mücken zu verschrotten, um sich dann mit nur dieser Summe als Eigenkapital einen 20.000 Euro-Neuwagen zu kaufen, mit einem Zins, der auch damals eher sportlich war. Grandios. Aber zurück zum Aktienmarkt, nach „erstens“ sollte ja noch „zweitens“ kommen:

Zweitens ist diese zunehmende Aggressivität und Verunsicherung, wir können sie gerne auch „allgemeine Überforderung“ nennen, einfach nicht mit „bullish“ vereinbar. Die um sich greifende Angst, man würde nun durch Entwicklungen, die man selber nicht direkt beeinflussen kann, auch mal etwas verlieren, ist nur dann imstande, die Aktienindizes wieder höher zu trei- ben, wenn auch das mit Angst gefördert wird. Was in den letzten Jahren ja durchaus der Fall war. Vergessen wir nicht, dass jahrelang die gezielt geschürte Angst vor Inflation, die nie kam (ich verweise auf was-weiß-ich-wie-viele Kolumnen zu diesem Thema, für die ich jahrelang immer wieder harsche Kritik einstecken musste weil doch „alle sagen“, dass die Hyperinflation kommt) die Anleger in die Aktien trieb, in die angebliche „Substanz“. Oder man gaukelte dem Investor völlige Alternativlosigkeit vor: Die Zinsen werden negativ, nur die Aktien retten deine Ersparnisse. Was bedeutet:

Heute stehen verdammt viele verunsicherte, gegen alles und jeden wütende Anleger da und erkennen, dass man sie hinters Licht geführt hat. Der DAX rutscht, statt wie noch im März/April von den üblichen „Experten“ aggressiv propagiert, immer weiter zu steigen. Das Depot ist voll, die Verluste stellen sich ein, die Perspektiven sind von Ängsten bestimmt, nicht von Goldgräberstimmung. Wenn DAX & Co. in diesem Umfeld nennenswert steigen sollen, statt in den kommenden Wochen immer weiter abzurutschen, muss man entweder blitzschnell rosige Perspektiven aufbauen (da ist das Pulver aber verschossen) oder erneut Angst schüren, dass der Ausstieg der schlimmste aller Fehler wäre. Aber wie?

Selbst wenn es gelänge, die momentan um sich greifende Angst mit absurden Argumenten so zu leiten, dass sie die Anleger in die Aktienmärkte treiben soll: Ist jetzt nicht der Punkt erreicht, an dem die, die bislang jeden Mist geglaubt haben, einfach gar nichts mehr glauben? „Wer zweimal lügt, dem glaubt man nicht … und wenn er auch die Wahrheit spricht‘“ lehrt uns eine alte Fabel. Unwahrscheinlich also, dass man da jetzt, nach derart vielen leeren Sprüchen mit ungutem Ausgang, noch allzu viele „bequatschen“ kann.

Ich denke, da ist noch viel Luft nach unten. Und ich meine, man könnte nun zumindest mal daran denken, auch in Hinsicht der Asset-Diversifikation ausgetretene Pfade zu verlassen und mal wieder an Gold denken… Mit besten Grüßen, Ronald Gehrt

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