Wer will denn schon Kredit?

9. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Bankhaus Rott) Die Zentralbanken vergeben unbegrenzte Liquidität zu unbekannt niedrigen Zinsen. Alle Hoffnung setzt man darauf, die „Konjunktur anzukurbeln“. Die Banken müssten nur genug Geld verleihen, dann ziehe sich die wirtschaftliche Entwicklung schon am eigenen Schopfe aus dem Sumpf lautet das Mantra. Dummerweise ignorieren die Geldjünger die zweite Seite der Gleichung: Die Nachfrage…

Nicht nur Güter werden nachgefragt. Auch bei Krediten gibt es Angebot und Nachfrage. Die Hoffnung auf die Steuerbarkeit der Wirtschaft und die Stellschrauben Zins und Anleihenkäufe wird in der Eurozone enttäuscht. Auch alle martialischen Worte, von denen die unbegrenzte Bereitstellung von Liquidität eskortiert wird, helfen nicht.

Eine der Ursachen dieses Scheiterns ist die Verwechslung von Liquiditäts- und Solvenzkrisen. Ein Mangel an Eigenkapital lässt sich nicht mit Fremdkapital ausgleichen. Als heikel erweist sich zudem der Trugschluss, man müsse nur genug Kredite bereitstellen, dann werde schon jemand investieren. Das ist Irrsinn, denn niemand wird ein unrentables Projekt allein deshalb durchführen, weil der notwendige Kredit billig ist.

Die aktuellen Daten der Europäischen Zentralbank zeigen, an was die Hoffnungen der Zentralbänker und Politiker zerbrechen. Es ist der Kollaps der Kreditnachfrage.

(The Euro Area Lending Survey, EZB) Turning to loan demand developments, euro area banks continued to report a pronounced net decline in the demand for loans to enterprises in the third quarter of 2012, and this balance was somewhat more negative than in the previous survey round (-28%, after -25% in the second quarter of 2012). Mergers and acquisitions and inventories and working capital were the main drivers of the more pronounced net decline in demand for loans to enterprises. By contrast, the negative impact from fixed investment on the financing needs of firms contributed somewhat less than in the previous survey round (-33% in the third quarter of 2012, after -36% in the second quarter of 2012).

The ongoing net decline in demand for loans to households for house purchase accelerated somewhat in the third quarter of 2012 (-25%, after -21% in the second quarter of 2012), whereas the net decline in demand for consumer credit abated somewhat (-22%, after -27% in the second quarter of 2012). Looking ahead to the fourth quarter of 2012, banks expect a continued net decline in the demand for loans, both for enterprises and households, even if on balance less negative than in the third quarter of 2012.

Die oben stehenden Sätze sind geprägt von einer geradezu herzerfrischenden Verharmlosung. Diesen Eindruck unterstreicht die folgende im Lending Survey enthaltene Grafik.

Die beachtlichen Unterschiede zwischen hoffnungsfrohen Erwartungen und düsterer Realität erinnern in ihrem Ausmaß an die ebenso zahl- wie nutzlosen BIP-Prognosen von Regierungen und Forschungs-Instituten. Die Basisdaten der Prognostiker scheinen aus einer anderen Welt zu stammen. Die Ausrede, einen derartiger Einbruch habe es noch nie gegeben, mag man angesichts der Dauerkrise seit der Jahrtausendwende nicht gelten lassen. Die letzten Jahre waren ein ausgezeichnetes Trainingsgelände ökonomischer Kapriolen.

Ein Teil der gesunkenen Nachfrage nach Krediten ist dem Ausweichen der Unternehmen auf den Anleihemarkt geschuldet. Da Pensionskassen und Versicherungen derzeit so ziemlich alles kaufen, was nicht wegläuft, lässt sich hier die Verschuldung zu teils aberwitzig niedrigen Konditionen ausbauen... (Seite 2)

 

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4 Kommentare auf "Wer will denn schon Kredit?"

  1. Bummbumm sagt:

    Hmm. Haben die Deflationisten doch recht? Stimmt der Vergleich zur BoJ? Geld drucken ohne Ende und es kommt doch keine Inflation dabei raus?

  2. MH sagt:

    „Als heikel erweist sich zudem der Trugschluss, man müsse nur genug Kredite bereitstellen, dann werde schon jemand investieren. Das ist Irrsinn, denn niemand wird ein unrentables Projekt allein deshalb durchführen, weil der notwendige Kredit billig ist.“

    Das leuchtet mir wohl ein. Ich würde mir auch nichts kaufen, was ich nicht unbedingt brauche, nur weil mir jemand günstig einen Kredit anbietet. Andererseits bemängelt ja gerade die Österreichische Schule, dass im Überfluss bereit gestelltes, billiges Geld der Nährboden für Blasenbildung ist, siehe Immobilienblase oder Neuer Markt. Es scheint also doch Zeitpunkte zu geben, wo sich Unternehmen auf solch riskante Aktivitäten einlassen. Oder wie war das gemeint?

  3. Reiner Vogels sagt:

    Die Inflation wird schon noch kommen. Auf dem Immobilienmarkt ist sie im übrigen in einigen Gebieten Deutschlands bereits Realität. Dass sie auch bei den Treibstoffpreisen angekommen ist, sieht jeder, der an einer Tankstelle vorbeikommt.

    In den übrigen Bereichen dürfte der Startschuss zur Inflation spätestens dann erfolgen, wenn es der EZB im Verein mit den in der Eurokrise vollkommen idiotisch agierenden Regierungen gelingt, weiter den Außenwert des Euro nach unten zu drücken. In den letzten Tagen sind ja dabei bemerkenswerte Fortschritte gemacht worden. In diesem Punkt unterscheidet sich die Situation in Euroland fundamental von der in Japan in den letzten 20 Jahren. Die japanische Währung galt als sicherer Hafen und stand ständig unter Aufwertungsdruck. So etwas über den Euro zu sagen, würde fast an üble Nachrede grenzen.

    Die USA werden übrigens m.E. eine gewisse Abwertung des Euro tolerieren, ohne groß dagegen zu intervenieren, weil (1.) der Außenhandel für sie nicht so fundamental ist wie für Deutschland und weil sie (2.) ohnehin den Euro in Misskredit bringen wollen. Sie wünschen nämlich gewiss nicht, dass der Euro ein ernsthafter Konkurrent des Dollar wird.

    Der Euro hat hat ohnehin überhaupt nicht die Spur einer Chance dem Dollar ebenbürtig zu werden, weil (1.) die europäischen Politiker in ihrem jakobinischen Wahn vom Vorrang der Politik auf Planwirtschaft und Staatsinvervention setzten, und weil (2.)der Euro wegen der unterschiedlichen Wirtschaftsräume, die er im Eurogefängis aneinander fesselt, strukturell zum Scheitern verurteilt ist. Die USA können also in aller Ruhe abwarten, bis der Euro sich selbst pulverisiert.

    Für uns alle, die wir im Euroraum leben, unsere Gehälter bzw. Renten in Euro bekommen und möglicherweise Ersparnisse haben, kann die Schlussfolgerung aus alledem nur lauten: Alle Euros so schnell wie möglich in reale Werte umtauschen, weil der Euro als Wertaufbewahrungsmittel längst jeden Wert verloren hat.

  4. John Doe sagt:

    Von MH:

    „Das leuchtet mir wohl ein. Ich würde mir auch nichts kaufen, was ich nicht unbedingt brauche, nur weil mir jemand günstig einen Kredit anbietet.“

    MH, korrekt, es kommt aber noch toller, was da gefordert wird:

    Einsichtig, die Nachfrage muss stimuliert werden, damit der Laden brummt. Die Monetaristen unter Milton Friedman machen das mit Zinssenkungen. Was machen die bloß, wenn sie den Zins auf Null gesenkt haben und es passiert trotzdem Nichts? Wie verkaufen die uns wohl den Effekt, dass wir Geld dafür kriegen (negativer Zins), dass wir Kredite aufnehmen?

    Warum prügeln wir denn auf die Griechen ein. Die haben doch nichts weiter getan als den Österreichern zu folgen, die Amis (Greenspan) gingen ihnen ja seit Jahrzehnten mit bestem Beisiel voran. Nehmt zu Zinsen Kredite auf, damit die Wirtschaft so richtig in Fahrt kommt! Hat ja auch so rund 10 Jahre prächtig funktioniert. Was war man des Lobes voll über die Genialität der Monetaristen! Wachstum gegen unendlich, die Börsenkurse jagten jeden Tag aufs Neue durch die Decke. Die Mädels auf n-tv kriegten sich gar nicht mehr ein.

    Dumm nur, die Monetaristen hatten zu kurz gedacht. Muss wohl am Denkansatz des Herrn Friedman liegen: „“Wie Milton Friedman einmal formulierte, ist der entscheidende Prüfstein für ein ökonomisches Modell nicht, ob es auf möglichst realistischen Annahmen basiert, sondern ob es in der Lage ist, mit Blick auf seinen Untersuchungsgegenstand eine vernünftige Prognose zu liefern.” (Milleker, ftd, 09.11.12)Egal ob ich unsinnige Annahmen treffe, Hauptsache ist, dass trotz dieser unsinnigen Annahmen eine vernünftige Prognose innerhalb des Rahmens unsinniger Annahmen geliefert wird. Hauptsache die hypothetischen Gleichgewichtsmodellwelten kreisen um was auch immer, bloss nicht um die reale Welt! Mich wundert bei diesem Ansatz kaum noch etwas!

    Mann Milton, wenn Leute, die kein Geld haben, sich etwas per Kredit leisten, dann sind die doch überhaupt nicht in der Lage den Kredit jemals zurück zu zahlen, auch wenn sie keine Zinsen zahlen. Wer Kohle hat, lieber Milton, braucht keinen Kredit. Savvy?

    Nun ja, wenn man seinen Ansatz, die Realität aus zu blenden berücksichtigt, dann ergibt der Unsinn dann doch wieder einen Sinn!

    Die „supply-sider“ nach Laffer treiben es aber noch toller. Weder Keynes noch die Österreicher haben Ahnung, nur wir! But the „supply-side“ economist say both are wrong, that we need to give tax cuts to the rich and then the rich will be stimulated to work much harder and they are the ones who are most productive and that will make the economy hum again. Schlafen die denn überhaupt noch? Es bedeutet aber auch, dass Steuerreduzierungen bei den 98% nicht diesen Effekt hätten. Stimmt, wie Westerwelle treffend bemerkte, da steht die spät-römische Dekadenz dagegen. Was, Herr Westerwelle, treiben bloß die noch in Arbeit stehenden 30 Mio. Arbeitnehmer den ganzen lieben langen Tag? Wie kann es dann aber mgl. sein, daß die Maulaffen feil bietenden Arbeitnehmer ein volkswirtschaftliches Volumen von 2000 Mrd. € geschafft haben?

    Wie sagte doch Milton Friedman so treffend: „… ist der entscheidende Prüfstein für ein ökonomisches Modell nicht, ob es auf möglichst realistischen Annahmen basiert, sondern ob es in der Lage ist, mit Blick auf seinen Untersuchungsgegenstand eine vernünftige Prognose zu liefern.“

    G-8 Gymnasium. Da hatten die Macher doch glatt vergessen, dass der Stoff von 9 Jahren in die 8 Jahre reingehen muss, was er aber nicht tat. Deshalb haben sie ja auch die tgl. Stundenzahl nicht erhöht. Toll war aber die errechenbare Produktivität der Massnahme. Die Produktivität erhöhte sich um 11 %, die Stückkosten sanken, damit erhöhte sich die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Gymnasiums, der Staat konnte jetzt wegen der erhöhten Produktivität Lehrer freisetzen und dabei auch noch den Staatshaushalt sanieren. Einfach unterirdisch, was da so abgeht!

    Vater Bush hatte Recht, nur noch Voodoo tagein, tagaus. Zur Strafe, wegen Ehrlichkeit und Vestandes, wurde er nicht mehr zur Wiederwahl aufgestellt. Geschieht ihm Recht!

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