Wer Unterhaltung will – zahlt Eintritt!

15. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Kennen Sie Menschen, die jeden Abend auf ihren defekten Fernseher starren? Kennen Sie Menschen, die jeden Abend versuchen Ihr Essen in der seit Jahren kaputten Mikrowelle aufzuwärmen? Kennen Sie Menschen, die sich seit Jahren Finanzprognosen anhören und danach Geld anlegen?

Ein großer Teil der Finanzbranche lebt gleichermaßen von der Hoffnung und Vergesslichkeit der Anleger. Obwohl die meisten Prognosen, die der normale Mitbürger in Zeitungen, Magazinen und im Fernsehen serviert bekommt bestenfalls zu nichts führen, nimmt die Menge der Prognosen nicht ab. Dabei dienen die meisten Berichte über den Finanzmarkt lediglich der Unterhaltung.

Die inhaltliche Seichtigkeit ist teilweise ebenso erschreckend wie die Menge der aus der Luft gegriffenen Weisheiten, die auch durch ständige Wiederholung nicht wahrer werden.

Gold muss fallen, wenn der Dollar steigt, ist einer der Sätze den man des Öfteren hört. Warum sollte das immer so sein? Gegen was muss es fallen? Wenn in Gold in Dollar gemessen gemeint ist, ist die Aussage zwar richtig aber nutzlos.

Gegen Euro kann Gold auch dann steigen, wenn der Dollar steigt. Warum wird ständig etw behauptet, obwohl es nicht stimmt?

In der Regel wird eine über einen bestimmten Zeitraum zu beobachtende Entwicklung auf die Zukunft übertragen. Die Zeiträume werden mit zunehmenden krankhafter Berichterstattung immer kürzer. Morgens fällt Öl, weil der Dollar stark ist, abends steigt Öl, weil der Dollar stark ist. Für jede noch so kleine Kursbewegung gibt es eine große Begründung. Immerhin kann man so an einem Tag mit zwei unterschiedlichen Meinungen Recht behalten. Wie immer haben die Experten natürlich unten gekauft und oben verkauft, nur an die Depotauszüge als Beleg haben sie ausnahmesweise nicht gedacht.

Ein ebenfalls prominentes Beispiel ist die vermeintlich gegenläufige Bewegung von Anleihen und Aktien. Steigen die Anleihen, fallen die Aktien, so heißt es. Manchmal ist das der Fall, manchmal nicht. Schaut man sich jedoch die letzten 30 Jahre an, so fragt man sich, wie sich so ein Mythos so hartnäckig halten kann.

Besonders putzig ist es, wenn aus den gleichen Mündern fünf Sätze später zu hören ist, sinkende Zinsen seien gut für Aktien. Was denn nun? Steigen die Aktien, wenn die Bonds fallen oder wenn sie steigen? Oder heute so morgen so? Auch das so genannte Fed-Modell, dass Anleiherenditen mit den Ausschüttungsrenditen von Aktien vergleicht ist das, was man ein statistisches Artefakt nennt. Es passt in einigen Jahren und so wählt man halt immer gerade diesen Zeitraum als Beleg für eine ewig währende Wahrheit.

Die genannte Problematik höflich formuliert arg ungenauer Vorhersagen ist nicht auf Finanzprognosen beschränkt. Auch die so genannten Wahlforscher liefern zunehmend groben Unfug ab. Ob das an falschen Methoden, schludriger Nutzung der Daten oder einfach in einer zunehmenden Unsicherheit und Wankelmütigkeit der Wähler liegt, mögen andere beurteilen. Auch sollte man absichtliche Steuerung bestimmter Prognosen nicht ausschließen, wenn man dies vielleicht nicht als Grundannahme vorhalten sollte. Möglicherweise beschäftigt man auch nur noch 20 Jährige mit gefühlten 60 Jahren Erfahrung, eine auch in der Finanzbranche weit verbreitetes Phänomen, das spätestens im nächsten Bärenmarkt für Unterhaltung sorgen dürfte.

Eine Auswahl aus Unfähigkeit, Unbenutzbarkeit und Unmöglichkeit zu treffen ist unattraktiv genug. Aber solange auch die Wahlberichterstattung des staatlichen Rundfunks wie die Finanzkommentare größtenteils der Unterhaltung dienen, sollten den Demoskopen die Aufträge nicht ausgehen. Hauptsache Ulrich Deppendorf kann die exakten Wählerwanderungen auf Basis nebulöser Umfragen auf den Wähler genau erklären, bevor die Wahlen überhaupt stattgefunden haben. Das finden wir zwar zu 100% lächerlich, aber es wird mit 99%iger Wahrscheinlichkeit auch in den kommenden Jahren gesendet werden.

Wie in vielen anderen Lebenslagen hilft es, den eigenen Kopf zu benutzen. Es ist nicht zielführend, sich fünfhundert Diättips durchzulesen in der Hoffnung, allein der Wille sich zu informieren werde das Gewicht schon verringern.

Genausowenig hilft es, sich jeden Tag neue Finanzmeinungen anzuhören und darauf zu hoffen, allein die schiere Menge an Informationen werde schon dabei helfen, das Depot nach oben zu spülen. Suchen Sie stattdessen einen Ansatz der zu Ihnen und Ihren Zielen passt. Der Rest ist Geduld und Disziplin. Dazu gehört es auch zu ertragen, dass der Nachbar in bestimmten Zeiträumen höhere Gewinne einfährt, ohne dem Aktionismus zum Opfer zu fallen.

Eine einfache Einsicht macht das Leben leichter: Nur weil es anderen gerade besser geht, geht es einem selbst nicht schlechter. Wer diese Erkenntnis nicht teilt, wird es nicht nur an den Märkten schwer haben.

 

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Ein Kommentar auf "Wer Unterhaltung will – zahlt Eintritt!"

  1. Insasse sagt:

    „Wie in vielen anderen Lebenslagen hilft es, den eigenen Kopf zu benutzen.“

    Sehr geehrtes Bankhaus Rott,

    wo denken Sie hin? Die Menschen sind vom Nanny-Staat über Jahrzehnte zur völligen Unselbständigkeit in Sachen Denken erzogen worden. Die große Mehrheit plappert schlicht nur noch nach, was ihr von den medialen Sprachrohren der Politik vorgesetzt und vorgegeben wird. Noch schlimmer: Sie macht auch das, was ihr vorgegeben wird. Aber das ist ja auch viel einfacher, als sich selbst Gedanken zu machen (womöglich auch noch kritische). Nein, da lässt man sich lieber mit „inhaltlicher Seichtigkeit“ berieseln. Das vereinfacht die unreflektierte Wiedergabe ungemein. Wenn alle dasselbe blöken, wird’s schon stimmen. Bloß keine Unannehmlichkeiten, wo man das Leben doch so schön genießen kann, am besten auf Kredit. Die anderen machen das schon! Fragt sich nur für wen…

    Einen schönen Gruß und ein schönes WE aus der Anstalt! Der Insasse

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