Wer jetzt aufgibt, den beißen die Hunde

18. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt Schon komisch, dass an der Börse meist diejenigen unter die Räder zu kommen scheinen, die logisch argumentieren, sprich ihr Hirn einsetzen. Zumindest wirkt das so, vor allem momentan. Seit 2009 steigen die Aktienmärkte. Das war lange Zeit auch grundsätzlich richtig so, zumindest was die grobe Richtung angeht…Natürlich sind die Unternehmensgewinne seit damals markant gestiegen. Und um die sollte es – eigentlich – in erster Linie gehen, wenn man einen Aktienmarkt als teuer oder billig einstuft. Aber sind die Aktien nicht eigentlich schon seit einiger Zeit ziemlich teuer, wenn man die Sache genauer betrachtet?

Dass die Analysten in den Medien das ganz anders sehen, ist normal. Ich bin jetzt seit 24 Jahren als Börsianer unterwegs. Und noch nie habe ich vernommen, dass ein Bankanalyst die Anleger dazu aufforderte, ob zu teurer Aktien auszusteigen. Natürlich nicht. Zumal die Grundlage solcher Einstufungen, wenn man dazu (was man tut) das eigentlich ziemlich veraltete Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) hernimmt, höchst „flexibel“ ist, um es mal nett auszudrücken. Denn haben Sie mal gehört, dass diejenigen, die die Aktien heute als überaus billig einstufen, genau erklärt hätten, welches KGV man dieser Aussage zugrunde gelegt hätte? Das, was man wirklich zählen und festhalten kann, nämlich das KGV des abgelaufenen Geschäftsjahres? Oder etwa Schätzungen und Prognosen für 2013 oder gar 2014? Also Glaskugel-Daten, die sich in der Vergangenheit allzu oft als Unfug entpuppt hatten?

Diejenigen, die sich auf dieses glatte Eis nicht wagen mögen, erwähnen auch gerne die Renditen am Anleihemarkt als Vergleichsgröße. Die seien, in Relation zu den Dividenden, viel zu niedrig, also könne es ja nur weiter nach oben gehen. Tja. Das ist irgendwie wahr. Es sei denn, man schaut auf diejenigen Anleihemärkte in Spanien oder Italien, vielleicht gar nach Portugal, wo es noch deutlich mehr Zinsen gibt. Oje, das ist aber unsicher, tönt es da von der Beraterseite her. Nun … ich weiß es nicht sicher, wir haben es ja lange nicht mehr erlebt … aber können Aktien nicht auch, vielleicht, manchmal, unter gewissen Umständen fallen? Können Dividenden nicht gekürzt oder gestrichen werden? Und bekommt man nicht bei Anleihen am Ende der Laufzeit den Nominalwert zurück … zumal jetzt EZB und EU Hand in Hand dafür sorgen wollen?

Aber davon mal abgesehen, behaupten die angeblichen Experten nicht in ewiger Plattitüde, dass die Börse die Zukunft vorwegnimmt? Dann müssten wir nämlich seit einiger Zeit einen Abwärtstrend haben. Ja, es ist schon richtig, dass das billige Geld die Aktienmärkte unterstützt. Die Anleihemärkte bleiben zwar auf ihrem hohen Kursniveau, aber natürlich bewegen sich hinter dem von den Notenbanken vorgezogenen Vorhang riesige Summen aus den Bonds heraus und in den Aktienmarkt hinein. Die Notenbanken stützen das Kursniveau am Anleihemarkt bzw. halten die Kapitalmarktzinsen niedrig, indem sie Monat um Monat Milliarden dort hineinpumpen. Was zu der grotesken Situation führt, dass sich die Staaten mehr und mehr bei sich selbst Geld leihen, indem sie via Notenbanken aufkaufen, was sie an Anleihen emittieren. Schade eigentlich, dass unsereiner das nicht auch darf.

Aber das eigentliche Problem, das ein Anleger mit ein wenig Grips realisieren müsste, ist: Das hilft alles nichts. Das Ganze ist vor allem ein Psycho-Plazebo, der bewirken soll, dass sich die Anleger weiterhin in Sicherheit wiegen. Aber wo bleibt das Wachstum? Wie kommt es, dass die Eurozone in einer Rezession hängt – trotz quasi Null-Leitzins, all der Stützungsmaßnahmen und dem permanenten Beschönigen der Krise? Die Pulverkammern der Regierungen und Notenbanken sind leer. Und die dem Ganzen zugrunde liegenden Probleme werden hier ebenso wie in den USA ignoriert oder immer wieder zwecks eingehender Prüfung der Möglichkeiten vertagt. Damit sollte eigentlich jedem klar sein: Die Zukunftsperspektiven sehen finster aus. Wir kriegen kein Wachstum mehr hin, die BRIC-Staaten stottern und die weltweite Vernetzung der Wirtschaft bewirkt, dass ein absaufendes Boot die ganze Flotte in die Tiefe zieht. Niemand weiß, welche Auswirkungen die bereits jetzt extrem aufgeblähten Blasen in Form der Notenbank-Bilanzen haben werden. Aber jeder könnte sehen, so er es denn wollte: Mehr als unter den Teppich gekehrtes, langsames Siechtum als kurzsichtige Alternative zu einer brutalen, aber letztlich nötigen Bereinigung der Probleme bekommt man nicht hin. Echtes, substantielles Wachstum kommt nicht mehr, bevor man nicht eine Schrumpfung zulässt. So aber gehen die Lichter ganz aus, wenn die Blasen platzen. Das sind die Perspektiven. Und würden die Aktienmärkte die vorweg nehmen, hätten wir einen DAX unter 5.000 Punkten und nicht am Allzeithoch.

Nun, ist es vielleicht die optimistische Stimmung, hervorgerufen durch die trügerische Sicherheit des billigen Geldes in Kombination mit dem medialen Dauerfeuer in Form optimistischer Prognosen, welche die Kurse hochhält? Nein … und genau das ist ja die Crux. Es gibt keine Goldgräberstimmung wie beispielsweise in den Achtziger Jahren oder 1999/2000. Es gibt keine neuen Technologien, die die Anleger in ihren Bann ziehen würden, keine großen, aus dem Nichts nach oben strebenden großen Wirtschaftsräume wie China oder Indien, die Wachstum durch die Hintertür bringen würden. Das ist längst passé. Diesmal ist es die Angst, die die Kurse oben hält. Und vor allem deswegen, weil die Milchmädchen-Hausse ausfällt… (Seite 2)

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2 Kommentare auf "Wer jetzt aufgibt, den beißen die Hunde"

  1. EuroTanic sagt:

    Irgendwann wird der Mensch begreifen, dass man mit Spekulieren und „Geld auf die Bank legen“ nichts Reales schaffen kann.
    Was wird die Welt schön, wenn die Berufe Banker, Steuerberater, Finanzbeamte, Politiker etc. als das angesehen werden was sie sind. Parasiten. Leider gibt es keinen anderen treffenderen Begriff in Deutsch.

  2. Johannes sagt:

    Es wird schon emsig daran gearbeitet, das gemeine Volk in Aktien zu treiben. 😉

    Die Zypern- Geschichte kommt nicht von ungefähr, ist geplant und hintertrieben.

    Wo das Geld anlegen, wenn nicht mal mehr das Konto sicher ist und Verluste bringen?

    Bargeld kann gestohlen werden, in vielen Ländern quasi schon auf der Verbotsliste und fällt somit aus.

    Was wird der Bankberater dem nun ängstlichen Kunden als renditeträchtige Alternative wohl empfehlen.

    Dem Konservativen die teuren und ach so sicheren Anleihen, dem Rest einen Aktien- Dachfonds, wegen Sicherheit und so. . .

    Meiner Meinung nach, genau so gewollt und geplant.

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