Öl: Wer gut schmiert, der gut fährt

22. Dezember 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Im August meldete der norwegische Energiekonzern Statoil einen Ölfund in der Nordsee. Die Felder Aldous und Avaldsnes sollen es zusammen auf 1,7 Mrd. Barrel bringen. Zur Einordnung, das würde den Weltenergiedarf für nicht ganz 20 Tage decken. Und überhaupt sieht es um das Thema Öl spannend aus…

Das Sugar Loaf Feld, im laufenden Jahr vom brasilianischen Konzern Petrobras entdeckt, wird gar auf 40 Mrd. Barrel geschätzt. Wie lange es jedoch vom Jubel über einen Fund bis zur Förderung dauern kann, das erfahren gerade die großen Spieler im fernen Kasachstan…

Was aus Großprojekten im Lauf der Zeit werden kann, zeigt in beispielhafter Weise das Kashagan Projekt in Kasachstan. Der „größte Ölfund seit vierzig Jahren“ hat sich mittlerweile zu einem wahren Finanzloch in Höhe von $40 Mrd. gemausert. Auf den ersten Tropfen Öl wartet man noch immer.

Der Fund im Kaspischen Meer vor rund elf Jahren wurde bejubelt. Vielleicht sei die Zeit billigen Öls ja doch noch nicht vorbei, hieß es an mancher Stelle. Mehr als ein Jahrzehnt später sind zwar zig Milliarden Dollar in das Feld gesteckt worden, nur Öl wurde bisher nicht verkauft. Nachdem man gut 8 Jahre hinter dem Zeitplan hängt, und die Ausgaben sich satte 40% über dem Kostenrahmen wiederfinden,  soll es nun aber bald soweit sein. Im Verhältnis dazu nimmt sich die Zeit, für die das Öl den weltweiten Verbrauch decken könnte, beinahe niedlich aus. Sie beträgt sechs Monate.

Die Investoren werden nun von der kasachischen Regierung in Richtung Phase 2 des Projekts gedrängt, eine Expansion, die mit weiteren Kosten verbunden ist. Gleichzeitig hagelt es Vorwürfe gegen das Konsortium (u.a. Exxon,  Royal Dutch Shell). Die Firmen sollen die Kosten unnötig in die Höhe getrieben haben. Die Ingenieure und einige Analysten sehen anders. Die Einschätzung der technischen Probleme ist vor allem im Hinblick auf weitere Ölfunde in klimatisch exponierten Gebieten (harsh environments) aufschlussreich. Wie gesagt, es sind Branchenriesen, die das Feld in Kasachstan beackern. Die Firmen beschäftigen sich täglich mit Erdölförderung unter schwierigen Bedingungen, dennoch lassen sich nicht alle Probleme vorausplanen. Jedes Problem kostet Zeit und Unmengen an Geld.

Expenses mounted as engineers underestimated the complexity of drilling under a region of the Caspian Sea that’s frozen almost half the year.

Nach Abschluss der ersten Phase wird Kashagan 370.000 Barrel pro Tag ans Licht fördern. Das Wunschziel von 1,6 Mio. Fässern ist in die Ferne gerückt, frühestens 2017 soll es soweit sein. Nimmt man die Fehlplanung des ersten Projektteils zum Maßstab, so kann es locker noch bis in die Mitte der kommenden Dekade dauern, bis man soweit ist. Begleitet wird das Projekt, soviel ist sicher, auch zukünftig von hoher Planungsunsicherheit und weiter steigenden Kosten. Stuart Joyner, Ölanalyst bei Investec sagt dazu:

Kashagan will be a million-barrel-a-day field, but from a value perspective it’s been disappointing.

Für Kasachstan ist der Zeitplan nicht unwichtig, bedeutender aber ist der gewaltige strategische Einfluss, den derartige Energievorkommen mit sich bringen (falls nicht gerade deshalb jemand einmarschiert).

Für die Europäer hingegen stellt sich die Lage anders da, die Abhängigkeit von Ölimporten wird ständig größer. Auch Norweger und Briten sind betroffen. Während die Norweger auch auf Grund der geringen Bevölkerung kein Öl importieren müssen, schrumpft die britische Förderung bei weiter hohem Verbrauch schnell. Sie genügt schon lange nicht mehr, um die Insel zum Nettoexporteur zu machen. Seit Jahren führt das Land per Saldo wieder Energierohstoffe ein. Die Ölförderung sinkt vor allem seit der Jahrtausendwende dramatisch und ist wieder auf das Niveau der 70er Jahre zurückgefallen.

Allein im Jahr 2010 ging der Ausstoß britischen Erdöls um 7,7% zurück, das ist ein Rückgang, der doppelt so stark wie erwartet ausfiel. Auch in Norwegen sinkt die Produktion. Für die Lämpchen der wenigen Einwohner wird es aber vermutlich noch ein Weilchen reichen. Schlauerweise haben die Skandinavier weiter gedacht und große Teile der Einnahmen aus dem Ölexport über den staatseigenen Pensionsfonds  weltweit investiert… (Seite 2)

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7 Kommentare auf "Öl: Wer gut schmiert, der gut fährt"

  1. MH sagt:

    Ja, die „good old days“ sind wohl vorbei. Künftig wird’s etwas ungemütlicher werden. Sieben Milliarden Menschen wollen ernährt, untergebracht, beheizt, transportiert etc. werden – wo und vor allem wie sollen all diese Menschen leben? Unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten? Über dieses Thema wird die Politik wohl in Zukunft etwas gründlicher nachdenken müssen. Bevor es andere tun, denn dann würde es wirklich ungemütlich werden.

  2. pat sagt:

    Die Debatte „ob peak oil bereits da war, noch kommt oder ausfällt“, kann man auch einfach mal anders herum aufzäumen, nähmlich von der Verbrauchsseite.

    Bisher habe wir ein exponentielles Wachstum im Verbrauch von Öl. Egal wie die Angebotsseite aussieht, exponentielles Wachstum wird sie definitiv nicht dauerhaft haben.

    Ergo, es wird irgendwann mit einer Knappheit zu rechnen sein und wir können nicht weitermachen wie bisher.

    Auf höheren Administrativen Ebenen ist das alles längst bekannt. Da passen dann auch Massnahmen wie „Energiesparglühlampen“, E10 Sprit (mehr Biosprit, weniger Öl) und „Klimaerwärmung“ mit CO2 Zertifikaten ins Bild.

    Insbesondere CO2 Zertifikate sind ein interessantes Konzept. Da werden fossile Brennstoffe (die alle CO2 erzeugen) kontingentiert. Es können dann die Kontingente an die Verfügbarkeit angepasst werden. Die Preissteigerungen werden dann bei den Zertifikaten stattfinden und nicht im Öl. Es wird also weniger Geld in die Erdölexportierenden Länder überwiesen. Kein Wunder, dass sich vor allem Europa und sonstige energiearme Länder dafür stark machen.

    Alles verhergenannte sind Maßnahmen um die Verknappung noch ein wenig herauszuzögern oder kontrollieren zu können.

    Nur dem Wahlvolk erzählt niemand etwas davon…

    • zweifel sagt:

      Die Grafik suggeriert doch eher, dass der Verbrauch zumindest in England relativ konstant geblieben ist, oder sogar abgenommen hat? Das mag natürlich anders aussehen, wenn man sich den weltweiten Verbrauch ansieht inkl. Schwellenländer, aber für die Industrieländer sollte es doch überall ähnlich sein, oder interpretiere ich da etwas falsch?

      • Bankhaus Rott sagt:

        @zweifel

        Das Problem in den Industrieländern ist die Schrumpfung der eigenen Energievorräte. In vielen Ländern waren diese ohnehin nicht in nennenswertem Umfang vorhanden. UK ist ein Beispiel für ein Land, dass ein paar Jahrzehnte lang den Luxus hatte, einen Überschuss zu besitzen. Da die Industrieproduktion in UK auf dem Stand der späten 80er ist, ist der konstante Verlauf des Verbrauchs eher erschreckend. Die Verschiebung der Produktion in andere Länder hat natürlich auch zu einer Verschiebung des Energieverbrauchs geführt.

        Beste Grüße
        Babkhaus Rott

      • pat sagt:

        Ich meinte ja auch nicht den Verbrauch in England, sondern den Verbrauch weltweit.

        Desweiteren hätte ich genauer von einem exponentiellen Wachstum im Energieverbrauch schreiben sollen. Da die Ölproduktion sich offenbar seit anfang der 80er nicht mehr exponential steigern lässt wird zunehmend auf andere Energiequellen ausgewichen.

        Was momentan an Wachstum an Energieverbrauch in Europa fehlt, wird in Südostasien locker Wett gemacht. Aber immerhin stellen sie dort ja auch fast alles energieintensive für uns her.

        Bei „Industrieländern“ ist das Wachstum nicht exponential verlaufen, wobei ich es schon sehr wirklichkeitsverzerrend finde, Griechenland als Industrieland und China als Schwellenland zu bezeichnen.

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