Wenn Kreditzyklen kippen

19. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

….knirscht es an allen Ecken. Vielleicht hat man unserem Wirtschaftsminister neulich auch von Schwierigkeiten berichtet, als er prompt mit einem Konjunkturprogramm aufwartete. Doch es wurde von der Kanzlerin abgeschmettert. Noch. Die Wahlen stehen ja erst später an.

Die Börse dreht inzwischen die Tonart wahlweise zwischen Dur und Moll hin und her und irrt sich in den Knöpfen. Doch sicher ist, dass Europa den Rückwärtsgang gefunden hat und gerade das Gaspedal durchtritt. Nur Daueroptimisten diesseits und jenseits des großen Teiches fühlen sich berufen zu erzählen, dass es bald wieder aufwärts geht. Einige von ihnen tragen ein Bärenfell, sehen damit aber mindestens so lächerlich aus wie ihre zuvor gemachten Prognosen.

S p a r e n könnte das neue Modewort für die kommenden Monate werden, für Unternehmen und Bürger, vielleicht nicht gerade für Regierungen. Um Abschwünge auszubremsen, werden sie recht schnell aktiv. Sie beginnen Geld auszugeben. Diese Idee stammt von Lord Maynard Keynes und ist sehr populär, wirkt sie doch recht schnell und vor allem kurz vor Wahlen. Sie hat bloß den Nachteil, dass der Geldbeutel auch dann offen bleibt, wenn es wieder besser läuft. Mit Keynes angeblichen Allheilmittel wuchsen die Schuldenberge wie Pilze nach einem Gewitter in den Himmel. Japan hat es auch versucht. Seitdem ist die Betondichte dort 28 mal höher als in Europa.

Vielleicht helfen ja auch Verstaatlichungen, vor allem von Banken. Amerika ist damit indirekt schon recht weit gekommen. Das Ergebnis staatlichen Wirtschaftens ist schnell gegoogelt. Das steht gleich neben Planwirtschaft und Sozialismus.

Nein, liebe Leser. Auch wenn es die Inflation jetzt auf die Frontseiten der Zeitungen gebracht hat, es stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Gradlinige Wege hat Mister Market nicht vorgesehen. Während über steigende Preise geklagt wird, biegt die Deflation um die Ecke und wirft Steine. Sie hat in den vergangenen Wochen entscheidende Siege davongetragen. Der Film „Fröhlich in die Hyperinflation“ ist vertagt. Vielleicht später. Übrigens soll ein sehr großer Fernsehsender gerade einen Streifen über das Thema Währungsreform drehen, hat man mir zugetragen.

Nach dem Platzen der dot.com – Blase stellte sich Alan Greenspan erneut an die Regler der monetären Pumpstationen und drehte auf. Die entstehende Immobilienblase war angenehmer, als die Trümmer der letzten Bubble wegräumen zu müssen. Weltweit blickten Hausbesitzer glücklich in die Zukunft, denn täglich fühlten sie sich reicher, kaufen den Asiaten die Waren ab, die Aktienmärkte stiegen, und die Finanzinstitute schwammen im Geld. Sie waren inzwischen in der Lage, aus Kloakenwasser Champagner zu brauen und niemand rief die Polizei. Doch auch diese Blase platzte. Das ist das Dumme an Blasen. Jede findet ihre Nadel. Wer die heißen Kartoffeln zuletzt in den Händen hält, schreit auf, bettelt um Kapital oder an den Türen ausländischer Staatsfonds.

Auch der letzte Aufschwung war kreditbeheizt. Nun, da die Kreditmengen langsamer wachsen, weil weniger Kredit wollen und bekommen, ist der Schlamassel vorprogrammiert. Weniger Kredit zieht weniger Investitionen nach sich, weniger Konsum, weniger Arbeitsplätze – mehr Schwierigkeiten. Gehen Sie heute mal zu einer Bank ohne Sicherheit und bitten um Kredit. Ohne Moos nix los, heißt es doch.

Bis vor wenigen Wochen noch schien die Inflation sich ihren Weg zu bahnen, doch mit fallenden Preisen bei fast allen Anlageklassen und einer heraufziehenden Rezession riecht es deflationär. Ich glaube nicht, dass der EZB die Gefahr entgangen ist. Früher oder später muss sie die Zinsen senken, auch wenn sie es eigentlich nicht will (dürfte, sollte). Die letzte Zinsanhebung auf 4,25 Prozent bedeutet nicht, dass eine schnelle Senkung ausgeschlossen ist. Vor allem wenn das Geschrei lauter wird, stehen die verbalen Scharfschützen aus den Reihen der Politik und Wirtschaft gerne bereit.

Auf die rasant schlechter ausfallenden Wirtschaftsdaten hat der Anleihenmarkt mit sinkenden Renditen reagiert. Der Euro fällt, der Dollar steigt. Nein, es gibt auch weiterhin keinen Grund, den Dollar zu kaufen, aber wohl auch immer wenigen Gründe, den Euro zu kaufen bzw. zu behalten. Eine Zinssenkung in der Eurozone würde den Greenback zugleich aber weiteres Leben einhauchen. Wären die Amerikaner darüber böse?

Die entscheidende Frage wird sein, wer die Oberhand gewinnt, Inflation oder Deflation und was dann Regierungen und Notenbanken dagegen zu unternehmen in der Lage sind. Notenbanken und Regierungen haben ihre Instrumente. Sie eint eine gemeinsame Angst vor einer Deflation. Ben Bernanke hätte dagegen Helikopter. Aber sind es genügend?

Nachtrag aus dem Wellenreiter von Robert Rethfeld

Der jetzige „Front-Run“ (die positive Positionierung der Händler vor der Fed-Sitzung) dürfte auf die Ankündigung der Ausweiterung der „Liquiditätsoperationen“ durch die Fed und die EZB zurückzuführen sein. Unter anderem wurde zusätzlich zur „Term-Auction – Facility“ TAF über 28 Tage eine neue TAF über eine Laufzeit von 84 Tagen eingeführt. 84 Tage entsprechen knapp drei Monaten. Die berechtigten Banken und Broker können sich somit für die Rückzahlung der Gelder mehr Zeit lassen. Die Ausweitung der Fristen bedeutet, dass offensichtlich im Interbanken-Kreditgeschäft, aber auch in der Besorgung kurzfristiger Gelder über den Geldmarkt weiterhin Probleme bestehen. Sollten die Probleme weiter anhalten, dürften die Laufzeiten immer stärker ausgeweitet werden. Irgendwann wird überhaupt keine Rückzahlung mehr erforderlich sein. Der Patient namens „Finanzsystem“ hängt am Tropf, die Dosen der Infusionen werden stärker und stärker. Spätestens dann, wenn der Patient die Nahrungsaufnahme gar nicht mehr bewältigen kann und er komplett künstlich ernährt werden muss, ist das Leben des Patienten (und damit des Finanzsystems) bedroht.

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